Wissenschaftler untersuchen politische Kommunikation bei Facebook
Wie sich Pegida auf die „Lügenpresse“ stützt

"Euer Hass ist uns peinlich" stand im Juli 2015 auf einem Plakat von Demonstranten gegen Pegida. (Foto: dpa)
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
21.01.2016
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„Lügenpresse! Lügenpresse!“ So lautet der auf Demonstrationen von Pegida Deutschland gerne skandierte Ruf, gerichtet an die Medienvertreter im Lande. Umso merkwürdiger, dass sich ausgerechnet diese Organisation auf ihrer Facebook-Seite gerne auf die Beiträge traditioneller Medien stützt, um die eigenen Thesen zu belegen. Das ist sogar wissenschaftlich untersucht worden – unter anderem von einem gebürtigen Sulzbach-Rosenberger.

Dr. André HallerDr. André Haller (31) kommt aus Sulzbach-Rosenberg. Er hat in Passau und Bamberg (Master) studiert und wurde in Bamberg promoviert. An der Otto-Friedrich-Universität Bamberg ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt. Der Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Massenmedien und neuen Medien sowie Skandalforschung und politischer / strategischer Kommunikation, zum Beispiel im Wahlkampf. Für das Pegida-Forschungsprojekt war er als Gastforscher eine Woche im schwedischen Kalmar.
Über 186.000 Menschen gefällt die Facebook-Seite von Pegida Deutschland im Januar 2016. Weder die SPD (93.000), noch die CDU (99.000), CSU (106.400) oder Die Grünen (78.000) haben zu diesem Zeitpunkt ähnlich viele Facebook-Fans. „Die Facebook-Seite ist der zentrale öffentliche Web-Auftritt von Pegida Deutschland. Es gibt keine Website beziehungsweise wird die Web-Adresse auf die Facebook-Seite umgeleitet“, weiß Dr. André Haller aus Sulzbach-Rosenberg, Kommunikationswissenschaftler an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zusammen mit seinem schwedischen Kollegen Dr. Kristoffer Holt hat er die Facebook-Seite der Organisation untersucht, mit Fokus auf die dort verlinkten Quellen. Die Forscher sind dabei auf ein Paradox gestoßen.

„Ziemlich bizarr“


„Wir wollten wissen: Wie wird auf der Pegida-Seite kommuniziert? Wird Werbung für Demos gemacht oder geht es eher um Propaganda? Welche Quellen werden verlinkt? Bei unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass es häufig um Medienthemen geht. Und traditionelle Medien als Quelle benutzt werden. Das ist ziemlich bizarr“, so Haller.

André Haller und sein schwedischer Kollege haben in ihrer Untersuchung nicht nur die deutsche Pegida-Seite auf dem Schirm, sondern auch jene aus Schweden, Österreich, Norwegen und Großbritannien. Einige der Analysen laufen noch, für Deutschland und Schweden gibt es bereits konkrete Daten.

Die Pegida-Bewegung Pegida steht als Abkürzung für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Die Organisation ist als Verein eingetragen, ihr Vorsitzender ist Lutz Bachmann. Er sorgte mit ausländerfeindlichen Aussagen für Aufsehen. Er ist mehrfach vorbestraft und wurde wegen Volksverhetzung angeklagt.

Pegida veranstaltet seit 2014 in Dresden Demonstrationen, immer begleitet von Gegen-Demonstrationen. Die Bewegung gilt als rechtspopulistisch, ihre Themen konzentrieren sich vor allem auf die angebliche Islamisierung sowie die Asylpolitik. Skandiert werden aber auch „Lügenpresse“- und „Volksverräter“-Rufe gegen die Medien und Politiker.

Weitere Informationen über Pegida gibt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Mehrzahl der Postings hat Bezug zu Medien


Inhaltlich analysiert haben die Wissenschaftler die deutsche Facebook-Seite von Pegida zwischen Juni und September 2015. In dieser Zeit habe es 351 Postings mit Bezug zu Medien gegeben, so Haller. Der Begriff „Medien“ ist hier allerdings erst einmal recht weit gefasst: Er umfasst sowohl traditionelle Medien, als auch alternative Medien (zum Beispiel rechtspopulistische Medien, Verschwörungsseiten, Blogs und Facebook-Seiten einzelner Personen, Pegida-Seiten). Daher wurden die Postings weiter aufgeschlüsselt:

  • 43 Prozent der 351 Postings mit Medienbezug bezogen sich auf traditionelle Medien wie Spiegel Online, Regional- und Lokalzeitungen sowie auf die Web-Auftritt von Fernseh- und Radiosendern (zum Beispiel zu Flüchtlingszahlen oder Polizeiberichten).

  • 26 Prozent von ihnen bezogen sich auf alternative Medien.

Nur 31 Prozent der Beiträge auf der Facebook-Seite hatten keinen Bezug zu traditionellen oder alternativen Medien, berichtet Haller. Und er betont: „Die reinen Zahlen sagen erst einmal nichts über den Inhalt.“ Daher untersuchten die Wissenschaftler auch die Aussagen in den Postings: Waren sie neutral, zustimmend oder widersprechend?


Paradebeispiel für das "Populistische Kommunikationsparadox": Gruppen wie Pegida sind den Wissenschaftlern zufolge auf traditionelle Medien angewiesen, um a) Inhalte zu untermauern und b) Öffentlichkeit zu erhalten. Hier wurden klassische Medien benutzt, um gegen andere klassische Medien zu "argumentieren". Die Markierungen zeigen, welche Abschnitte bei der Untersuchung wie bewertet wurden. (Screenshot: privat)

Die Antwort: Von den 149 Postings mit Bezug zu traditionellen Medien (das sind wie schon genannt 43 Prozent aller Postings mit Medienbezug) waren 74 Prozent zustimmend und 23 Prozent widersprechend. Widersprechende Postings bedienten sich häufig des Vorwurfs, die Presse würde bewusst lügen, verheimlichen, verdrehen. Drei Prozent der Beiträge konnten nicht zugeordnet werden. Der hohe Anteil an zustimmenden Postings „bedeutet hier nicht, dass den Berichten wörtlich Recht gegeben wurde“, betont Haller. Vielmehr fielen darunter auch Postings mit Behauptungen wie „Wir haben ja schon immer gesagt, dass Ausländer kriminell sind“ und ähnliches. Berichte über Kriminalität werden dann „als Unterstützung der Eigenkommunikation“ herangezogen, fasst Haller zusammen.


Dieser Screenshot zeigt die häufigste Form des Bezugs zu Medien auf der deutschen Pegida-Seite. Klassische Medien werden benutzt, um eigene Argumentationen zu untermauern. In diesem Fall wird Stellung gegen einen Asylaktivisten bezogen, der in der "Welt" zu Wort kam. Zusätzlich dazu ist eine Statistik zu Flüchtlingszahlen in der "Welt" zu sehen.

„Populists political communication paradox“ nennen Wissenschaftler wie er das. Bedeutet in diesem Fall: Pegida Deutschland benutzt klassische Medien, um eigene Thesen zu untermauern, obwohl die Organisation die Presse gleichzeitig als „Lügenpresse“ bezeichnet – ein Paradox.

„Lügenpresse-Metapher“ ad absurdum geführt


„In einem Posting Bezug zu Printmedien herzustellen, aber im gleichen Posting Lügenpresse-Rhetorik zu verwenden, führt die Lügenpresse-Metapher völlig ad absurdum“, so Haller. Er vermutet, dass Pegida in Deutschland bewusst vorsichtig vorgeht: „Die Einträge sind schon oft aggressiv und spitz, aber die Organisation achtet vermutlich darauf, nicht in der Gemengelage in Richtung Rechtsextremismus abzudriften, um die breite Anhängerschaft nicht zu verlieren.“

Die Seite nimmt immer auf aktuelle Themen Bezug, diese werden „strategisch ausgeschlachtet“, gleichzeitig werde „eine Art Community-Gefühl“ bedient, so Haller. Das passt zu dem, was Experten zum Thema Hassrede und Ködern von unbedarften Nutzern im Netz und in den sozialen Medien sagen.

Hasskommentare im Internet Wo hört Meinungsfreiheit auf, wo fängt Hetze an? Welche Taktiken wenden Recht an und wie kann man als Nutzer darauf reagieren? Wir haben uns in zwei Beiträgen mit diesen Fragen beschäftigt:

Der Wunsch, sich aufzuregen


Die klassischen Medien also als „Beweismittel“ für die eigenen Thesen, trotz „Lügenpresse-Vorwurf“. „Für die Zielgruppe von Pegida passt das wahrscheinlich ganz gut“, so Haller. „Würde man sich noch häufiger auf weniger glaubwürdige Medien beziehen, würde das bei weniger unbedarften Nutzern Skepsis hervorrufen.“ Pegida sei schließlich aus viel kleineren Teilbewegungen erwachsen, Mahnwachen zum Beispiel.

Offenbar herrsche „seit einiger Zeit der Wunsch in der Bevölkerung, sich über irgendwas aufzuregen. Mit Rechtsextremismus hat das erst einmal nichts zu tun“, so Haller. Es gehe eher um eine „Ventilfunktion“.

In Schweden ist Pegida bei Facebook wesentlich weniger aktiv. Pegida Schweden beziehe sich nur in der Hälfte der Postings (116 an der Zahl) im Untersuchungszeitraum überhaupt auf Medien. Zum Vergleich: Auf der deutschen Facebook-Seite waren es 351. 36 Prozent bezogen sich in Schweden auf alternative Medien (Deutschland: 26 Prozent) und nur 14 Prozent auf traditionelle Medien (Deutschland: 43 Prozent). Der Unterschied zwischen Pegida Deutschland und Pegida Schweden ist bei diesem Aspekt groß. In Schweden und einigen anderen Ländern habe Pegida eine wesentlich geringere politische Bedeutung als in Deutschland, so Haller.

Das ForschungsprojektDa Pegida Deutschland keine Pressemitteilungen herausgibt und sich im Umgang mit Medien deutlich zurückhält, ist es schwierig, die Kommunikation der Organisation zu untersuchen. Wissenschaftler können im Grunde nur beobachtend an Demonstrationen teilnehmen, Menschen interviewen, Gruppendiskussionen durchführen oder die Facebook-Seite inhaltlich analysieren, so wie es André Haller und Kristoffer Holt aus Schweden gemacht haben.

Das Forschungsprojekt geht 2016 weiter. Es werden weitere ausländische Facebook-Seiten von Pegida untersucht und zusätzliche Fragen erörtert, beispielsweise nach Inhalten (PR-Material, Organisationsfragen, Dialogaufrufe). Die Ergebnisse werden in einem Fachaufsatz festgehalten, der bei einer Konferenz im Rahmen der Jahreskonferenz ICA (International Communication Association) in Japan vorgestellt werden wird.

Lesetipps: Weitere Informationen zum Thema im Internet




1 Kommentar
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Jan Deichmohle aus Falkenstein | 22.01.2016 | 10:01  
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