Kilian Schönberger reist auf den Spuren der Gebrüder Grimm
Sagen und Mythen auf der Spur

"Die Landschaftsfotografie ist mein Traumjob!", sagt Kilian Schönberger (30). Der gebürtige Tännesberger lebt und arbeitet in Köln.
Kultur
Tännesberg
18.12.2015
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Harmonie und hier und da ein Paukenschlag: Kilian Schönberger küsste im Bildband "Sagenhaftes Deutschland" auch versteckte Orte visuell wach. Der gebürtige Tännesberger kurierte auf der Suche nach Riesen, Zwergen und Hexen einen alten Virus aus.

Es gibt sie noch, die Orte die Menschen seit Jahrhunderten verzaubern, inspirieren und verängstigen. Kilian Schönberger ist 155 Spuren deutscher Sagen und Mythen durch ganz Deutschland gefolgt und hat diese in poetischen Bildern eingefangen. Die Texte schlagen die Brücke zwischen Fakten und Sagen und erzählen von der Gier nach dem Gold im Böhmerwald oder vom trunksüchtigen Ritter Kunz in den Bastei-Felsen der Sächsischen Schweiz. Ein Bild auf der Seite 212 erinnert an einen mystischen Weltuntergang - entstanden nach einem Gewitter von Tännesberg aus auf das Pfreimdtal bei Trausnitz - verbunden mit der Sage vom "Kalten Baum".




Das Goldenstedter Moor ist Teil der Diepholzer Moorniederung (Niedersachsen), eine der größten zusammenhängenden Hochmoorlandschaften Deutschlands. Die Menschen empfanden das Ödland seit jeher als unheimlich: Der Boden schwankte und schmatzte. Bilder: Kilian Schönberger

In Schönwerth Tradition


Kilian Schönberger sieht sich ein bisschen in der Tradition des Oberpfälzer Sagensammlers Franz Xaver von Schönwerth: "Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mir mit etwa zehn Jahren zum ersten Mal die alten, in Fraktur gedruckten Bände seiner ,Sitten und Sagen aus der Oberpfalz' in der Regionalbibliothek Weiden ausgeliehen hab und dann vom Sagenvirus befallen war." Dieser hat ihn nie mehr losgelassen und gipfelte nun im Bildband "Sagenhaftes Deutschland". Das fotografische Meisterwerk - seit 23. November 2015 im Verkauf - schlug am deutschen Buchmarkt voll ein. Im Januar soll die zweite Auflage in die Läden kommen.

Die Hauptarbeit dauerte fast ein Jahr - von Herbst 2014 bis Spätsommer 2015, inklusive Bildauswahl. Dabei hat der in Köln arbeitende Landschaftsfotograf rund 70 000 Kilometer zurückgelegt, um auch in die entlegensten Winkel Deutschlands zu gelangen. "Gerade so Ecken wie das Zittauer Gebirge, die Uckermark oder die Holsteinische Schweiz würde man vermutlich sonst eher nicht besuchen. Aber jeder Landstrich hatte seinen besonderen Reiz", erklärt er im Gespräch mit derKulturredaktion.

Sagen sind ein guter Wegweiser zu lohnenden Fotomotiven. Das besondere Licht und die spektakulären Naturphänomene, die unsere Ahnen an Geister, Zwerge und Riesen denken ließen, sorgen heute noch für eine magische Stimmung. Oberste Pflicht bei diesem Mammutprojekt waren akribische Planung und eine gute Vorbereitung auf die Wetter- und Lichtverhältnisse. Die meisten Aufnahmen entstanden aus Zeitgründen gleich beim ersten Besuch am jeweiligen Ort. Schönberger betont: "Ich plante meine Touren quer durchs Land, so dass ich meine Fotos bei möglichst optimalen Bedingungen machen konnte." Das bedeutete viele Nachtfahrten, um bei Tagesbeginn die Nebelstimmung optimal festhalten zu können.




Mystisch erscheinen die Blockfelsen des Nusshardt-Gipfels (Fichtelgebirge) im winterlichen Morgenlicht. Bild: K. Schönberger

Emotionale Momente


Die Frage nach dem Lieblingsbild kann er nicht eindeutig beantworten. "Mit vielen Bildern verbinde ich besondere, teilweise sogar emotionale Momente, wie bei den Schwarzwaldbildern, wo ich auf einer Bergstraße zwischen Schneewehen warten musste, bis morgens die Schneefräse kam." Manche Aufnahmen seien auch nicht ganz ungefährlich gewesen. Einen ganz besonderen Bezug hat Kilian Schönberger zu den Bildern aus der Heimat: "Ich versuch immer als eine Art ,Botschafter' für die Oberpfalz zu fungieren, da leider vielen diese schöne Ecke im Osten Bayerns kein Begriff ist."

Für den Bildband gab es gewisse Pflichtmotive wie Brocken, Watzmann oder die Burg Eltz. Daneben hat er versteckte und halb vergessene Orte visuell "wachgeküsst". Teilweise wusste er nicht, was ihn dort erwarten würde - und gerade diese Bilder wurden zu richtigen "Ikonen" im Internet. Die Rakotzbrücke im Kromlauer Park in der Oberlausitz (siehe Buchcover) hat sich inzwischen "hunderttausendfach rund um den Globus verbreitet" und einen wahren Besucherstrom zu dieser schönen Brücke in Sachsen ausgelöst.

Zur Recherche nutzte Kilian Schönberger alle Kanäle: Internet, Bücher, Landkarten. Auch die Malerei von Caspar David Friedrich und anderen Künstlern bot Inspiration. Generell war das Bemühen, eine fotografische "Melodie" zu finden, mit harmonischen Bildern und hier und da mal einen Paukenschlag, wie das Neuschwansteinmotiv. Die Bilder sind zum größten Teil mit einer Sony A7R mit Canon-Objektiven entstanden. "Normalerweise alles im manuellen Modus und vom Stativ, um den Bildausschnitt optimal komponieren zu können," erklärt er die Technik.


Im goldenen Licht der aufgehenden Sonne glaubt man auf dem Goldsteig bei Tännesberg jeden Augenblick einen legendären Schatz zu finden. Bild: K. Schönberger



Nicht ganz unschuldig am Erfolg ist das Ortenburg-Gymnasium in Oberviechtach: "Es bietet ja einen sehr schönen Blick auf die Burg Obermurach. Da hab ich sicher in manch ereignisarmer Unterrichtsstunde träumend rübergeschaut." Vor 20 Jahren stammten viele Lehrer aus dem direkten Umfeld der Stadt, die Schulfamilie war fest im Oberpfälzer Wald verankert. "Das hat sicher dazu beigetragen, dass sich mein Interesse an heimatlicher Geschichte und Natur stark ausgeprägt hat", erzählt der gebürtige Tännesberger. Im Jahr 1999 holte er mit einer Arbeit über Geotope und Naturdenkmäler des Oberpfälzer Waldes einen Regionalsieg beim Wettbewerb "Jugend forscht". Ein Förderer der kreativen Ader war Kunstlehrer Wolfgang Pöhlmann, "der mich im Bereich Zeichnen und Malen mitgeprägt hat".

Nach dem Abitur entschloss er sich - auch wegen seiner Farbenblindheit - Geografie mit den Nebenfächern Soziologie und Städtebau in Bonn zu studieren. Den Weg zurück in den kreativen Bereich fand er noch während des Studiums bei Auslandsaufenthalten. Denn in Island und Norwegen war die Kamera ständiger Begleiter. Sein ehemaliger Lehrer Ulrich Wohlgemuth organisiert für Februar/März eine Ausstellung am Ortenburg-Gymnasium, verbunden mit einem Vortrag. 2016 wird es auch einen Workshop in Ostbayern geben, in dem Kilian Schönberger seine fotografische Philosophie in den geheimnisvollen Wäldern des Oberpfälzer und Bayerischen Waldes vermitteln möchte.




Alte Mühlen, wie die des Augustinerklosters Schönthal in der Oberpfalz, haben schon immer die menschliche Fantasie angeregt. Bild: K. Schönberger

Buch für G7-Gipfel


Der Kontakt zur Heimat ist eng: "Im Normalfall bin ich ein- bis zweimal im Monat hier. Wenn die Bedingungen für Fotografie in Ostbayern gut sind auch mal öfter!" Tännesberg ist neben Köln seine Hauptdrehscheibe, von der er die Ziele in Süddeutschland erreicht. Für 2016 gibt es einen großen Auftrag in Hessen. Auftragsarbeiten für Kunden, darunter die Bayerische Staatskanzlei (Buch für den G7-Gipfel in Elmau) oder Adobe (Weltmarktführer im Bereich Bildbearbeitungssoftware) sind ein wichtiger Teil seines Berufs "Landschaftsfotograf". Auch Berührungspunkte mit der Mode- und Architekturfotografie und zum Film nehmen zu.

Aber die schönen Momente hinter der Kamera wollen verdient werden: Tausende Kilometer auf der Straße, wenig Schlaf, viel Kommunikation mit Kunden und Partnern im In- und Ausland. "Da kommen schon mal Wochen vor, in denen man 120 Stunden arbeitet. Aber das war mir bei der Entscheidung, selbstständiger Fotograf zu werden bewusst", sagt Kilian Schönberger, und ergänzt: "Ohne den absoluten Willen zum Bild würde das nicht funktionieren!"


Tor in eine andere Welt: Die wildromantische Ruine Neideck thront über dem Wiesenttal in der Fränkischen Schweiz. Sie zählt zu den größten Burganlagen Deutschlands und gilt als eine der schönsten Burgruinen Frankens. Der Sage nach herrschten einst Riesen über Neideck und die auf der anderen Seite des Wiesenttales gelegene Burg Streitberg, bevor sie von Menschen bezogen wurden. Heute führt ein leichter Wanderweg zur Burg hinauf sowie eine Fahrt mit der historischen Dampfbahn um den Fuß der Burgfeste herum. Bild: K. Schönberger



BuchtippEin ganz außergewöhnlicher Bildband über Deutschland: Fotografien geheimnisvoller Burgen und Schlösser, verwunschener Winkel und magischer Berge bilden einen Brückenschlag in die längst vergangenen Zeiten von Sagen, Legenden und Märchen. Entdecken Sie die Landschaften Deutschlands in poetischen Bildern vom Dornröschenschloss im Habichtswald in Hessen, vom Brocken im Harz und vom Gespensterwald bei Nienhagen an der Ostsee. Sagenhaft schön! Für das Buchprojekt "Sagenhaftes Deutschland" (240 Seiten, 220 Abbildungen, 49,99 Euro, Verlag Frederking & Thaler) begab sich Kilian Schönberger ein Jahr lang auf eine Reise quer durch Deutschland. Rund 70 000 Kilometer legte er dafür in den vergangenen Monaten zurück. Die Suche nach den passenden Motiven führte ihn in alle Winkel des Landes. Seine außergewöhnlich stimmungsvollen Bilder präsentiert er auch in Ausstellungen.

Weitere Informationen unter www.kilianschoenberger.de
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