"Urlaub im Süden" endet im Schulhaus

Dr. Peter Simonett aus Berlin ist ein begeisterter Organist, der seit Ostern 1955 auf der Orgelbank sitzt - im Bild am Flügel im ehemaligen Unterrichtsraum der Wildsteiner Dorfschule. Viel Hausrat stammt von Flohmärkten oder wurde nach dem Hauskauf im Jahr 1982 von Freunden mitgebracht. Bilder: Portner (2)
Lokales
Teunz
01.08.2015
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Urlauber aus Berlin eroberten nach dem Krieg die Oberpfalz. Einer, der geblieben ist, ist Dr. Peter Simonett. Mit Frau und fünf Kindern kaufte er 1982 das alte Schulhaus in Wildstein und pendelte hin und her. Auch zum 75. Geburtstag geht es "nach Süden".

"In Wildstein habe ich keine Internetverbindung", sagt der pensionierte Pädagoge und entschuldigt eine verspätete Antwort zur "elektrischen Anschrift". Fünf Tage der Vorwoche verbrachte Dr. Peter Simonett in seinem Ferienhaus in Wildstein (Teunz). Am Wochenende ging es wieder nach Hause, denn der Chorleiter war bei der Kirchengemeinde Mater Dolorosa in Berlin-Lankwitz gefordert. Seit Dienstag weilt er wieder in der Oberpfalz.

"Blauäugig und riskant"

Von der Spree ins Murachtal. Hier hat er vor 33 Jahren das alte Schulhaus in Wildstein gekauft. "Es war für uns mehr als eine sehr gute Ferienadresse. Die jüngeren unserer fünf Kinder haben sich hier richtig heimatlich gefühlt", erzählt Dr. Simonett beim "Hausbesuch" der Lokalredaktion. Vor dem Mauerfall dauerte die Fahrt nach Teunz sieben Stunden. "Noch weiter in den Süden zu fahren, war damals für uns Westberliner utopisch!" In einer Zeitungsanzeige wurde 1982 das Wildsteiner Schulhaus "hinter Tännesberg" angeboten. "Meine Frau und ich hatten nur zwei Tage Zeit zum Suchen. Das war blauäugig und riskant!" Obwohl es der erste Kontakt mit der Region war, kauften sie das Haus kurzentschlossen. Dieses hatte nach dem Schulbetrieb eine Schneiderei beherbergt. Später wollte ein Berliner Tischler die Zimmer zu einer Pension umbauen, was aufgrund einer Erkrankung nicht mehr zustande kam. "Das Haus war leer", erinnert sich der Studiendirektor in Ruhestand. Sein Aufruf an die Chorsänger: "Wir brauchen Tassen und Teller" fand Gehör und so wanderte viel Hausrat in die Oberpfalz ab. Das erste, was neu angeschafft wurde, war der Flügel. Dieser ist auch jetzt noch der Mittelpunkt im Wohnzimmer - zwei Stunden tägliches Üben sind die Regel.

Das Wohnzimmer war früher der Schulraum der einklassigen Dorfschule (erbaut circa 1880). Im Raum daneben wohnte "das Fräulein" und im ersten Stock der Lehrer mit Familie. Auch ab 1982 wurde es "ziemlich lebendig" hinter den 80 Zentimeter dicken Bruchsteinmauern, denn die vier Töchter und der Sohn (Jahrgang 1971 bis 1982) schleppten ihre Freunde an. Während die Mutter häufig mit den Kindern und einen vollgepackten Kleinbus übers Wochenende nach Wildstein fuhr, musste der Kirchenmusiker zu den Gottesdiensten in Berlin bleiben. Doch 15 Mal gab es eine Chorfahrt in die Oberpfalz - Konzerte in den Kirchen der Region inbegriffen. Sein Schulensemble "Alte Musik" lernte das Dorf bei acht Aufenthalten kennen, mit Konzerten am Ortenburg-Gymnasium und der Tännesberger Schule. "1983 bevölkerten wir unser Haus, die zwei Gasthöfe und viele Sänger waren bei Nachbarn privat untergebracht", berichtet der damalige Gymnasiallehrer für Musik und Geschichte in Berlin Kreuzberg. Er erwähnt die Freundschaft zur Gastwirtsfamilie Lang, zu Organisten-Kollegen Paulinus Lesser und schwärmt von der neuen Eisenbarth-Orgel in der Stadtpfarrkirche Oberviechtach ("ein sehr schönes Instrument"). Nachdem er zu seinem 50. Geburtstag auf der neuen Orgel in Winklarn gespielt hat, lädt er 25 Jahre später wieder zu einem Konzert ein (siehe Kasten) - und zwar taggenau an seinem 75. Geburtstag!

Neben Ehefrau Gabriele, den Kindern und Schwiegerkindern werden auch 14 Enkel dem Opa gratulieren und das alte Schulhaus bevölkern. Für einen Kurzurlaub finden sich Gruppen der Großfamilie immer mal wieder hier ein. "Man kann sofort herkommen, es ist alles da", sagt der Hausherr und schränkt ein: "Aber nicht im Winter!". Denn trotz Zentralheizung brauche das Gebäude einen Vorlauf zum Warmwerden. In jungen Jahren saß er oft mit einem Buch auf dem Gipfel des Wildensteins und vergaß die Zeit. Jetzt, im Ruhestand, hat er diese - doch fehlen ihm seine Sachbücher wenn er eine "Gebrauchsanweisung" - so nennt er die Programme für klassische Konzerte - verfassen soll. "Meine Frau will lieber her als ich", sagt der Wahl-Wildsteiner. Aber auch er gibt schmunzelnd zu: "Schön ist es hier!"
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