Nachtdienst im Wohnheim
Wenn 24 gut schlafen, ist eine wach

Egal ob 22 Uhr abends oder 3 Uhr nachts. Wenn Zeit ist, richtet Mirella Erler die Medikamente für den Tagdienst her (links) oder räumt die frische Wäsche in den Badschrank ein. Auch Bügeln mitten in der Nacht gehört dazu.
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Teunz
23.04.2016
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Egal ob 22 Uhr abends oder 3 Uhr nachts. Wenn Zeit ist, richtet Mirella Erler die Medikamente für den Tagdienst her (links) oder räumt die frische Wäsche in den Badschrank ein. Auch Bügeln mitten in der Nacht gehört dazu.

Mirella Erler ist eine "Nachteule". Seit elf Jahren übernimmt die gelernte Krankenschwester an 16 Tagen im Monat den Nachtdienst im Heim "Tannenschleife" bei Teunz. An Schlaf ist dabei nicht zu denken!

Hohe Tannen und Birken und auf der anderen Seite eine Wiese mit Bachlauf. Ein idyllischer Arbeitsplatz für die knapp 20 Beschäftigten. Nachts dagegen ist es schon ein wenig unheimlich, wenn sich die Bäume im Wind wiegen. Ein Haus und 8 Einwohner hatte die Tannenschleife 1913. Hundert Jahre später ist es immer noch eine Einöde - allerdings leben hier jetzt 24 geistig behinderte Frauen mit Verhaltensauffälligkeiten.

Es ist 20.45 Uhr und "Übergabe" in der Dr. Loew'schen Einrichtung. Mirella Erler hat Nachtdienst und macht wieder einmal "durch bis morgen früh". Ihre beiden Kolleginnen vom Tagdienst übergeben Informationen, die wichtig für die Nacht sind, wie Durchfall oder Unruhe. Heute freuen sich Andrea Bauer und Edeltraud Machel auf ihren Feierabend. "Ruhigen Dienst!", rufen sie der Fachkraft zu, die nun verantwortlich ist für die mittel bis schwer geistig behinderten Frauen im Alter von 28 bis 60 Jahren. Diese wohnen teils schon Jahrzehnte hier, im Ein- oder Zweibettzimmer, auf zwei Stationen.

Um 22 Uhr ist Nachtruhe. Der Abend kann im Zimmer oder gemeinsam im Aufenthaltsraum verbracht werden. Heute ist der Fernseher schon kurz nach 21 Uhr aus. "Am Wochenende, wenn Musiksendungen kommen, läuft er länger", sagt Mirella. Sie geht durch die Zimmer, begrüßt die Frauen, die noch nicht schlafen, unterhält sich kurz mit ihnen und fragt, ob sie noch etwas für die Nacht brauchen. Wenn nötig, wird gelüftet, die elektrischen Geräte aus- und das Nachtlicht eingeschaltet. Um 22 Uhr ist nochmals Medikamentengabe, und wenn nötig wird der Blutdruck gemessen.

Oberste Maxime ist, dass alle eine ungestörte Nachtruhe haben. Bis auf Mariella. Sie muss alle zwei Stunden ihren Kontrollgang machen und dabei besonderes Augenmerk auf die Epileptiker und Diabetiker legen. Später wird die Inkontinenzversorgung kontrolliert und ab 3.30 Uhr stehen auch Toilettengänge an.

Tipps für "Schlafhygiene"


Mirella Erler arbeitet seit elf Jahren ausschließlich nachts. Als sie von Meerane (Sachsen) nach Teunz zog, hat sie sich zwar für den Tagdienst in der "Tannenschleife" beworben, doch als hier keine Stelle frei war, übernahm sie die Nachtschicht und meint: "Ich hab mich sehr gut daran gewöhnt!" Selbst wenn sie frei hat, geht sie nicht vor 24 Uhr ins Bett. "Tagsüber schlafen und nachts arbeiten, das klappt nur mit einer guten Schlafhygiene", sagt sie und zählt auf: "Gut gelüfteter, total abgedunkelter Raum mit einer idealen Temperatur von 16 bis 18 Grad. Und kein Wecker, denn der Körper muss entspannen!"

Einsam in der Einöde "Tannenschleife" hat sie sich noch nicht gefühlt. Schließlich ist auch eine Nachtbereitschaft zur Unterstützung für besondere Vorkommnisse vor Ort. Heute ist Agnes Steger dran. Ihr Dienst dauert von 16 Uhr nachmittags bis 9.30 Uhr am Folgetag. In der Nacht darf sie schlafen - wenn sie kann. Denn wenn Bewohner auf die Toilette gehen und durchs Haus rennen, ist auch sie wieder hellwach. Für "den Fall der Fälle" gibt es noch die Rufbereitschaft (siehe Kasten). Schnell räumt Mirella Erler noch ein paar Körbe mit frisch gewaschener Wäsche in die Schränke. Auch das gehört zur Arbeit des Nachtdienstes, ebenso wie die Erledigung von Restarbeiten vom Vortag und Vorbereitungen für den nächsten Tag. Viel Zeit nimmt die Dokumentation in Anspruch. Ab 5.30 Uhr müssen die zwölf Frauen geweckt werden, die in die Arbeit müssen (Werkstätte). Waschen, Frühstück und Medikamentengabe. Um 6.30 Uhr - nach der Übergabe an den Tagdienst - hat Mirella Erler Feierabend. Endlich!

RufbereitschaftLeiterin Irena Jung, Stellvertreterin Christa Karl und der Fachdienst teilen sich die Rufbereitschaft (zwei Wochen im Wechsel). Sie sind im Notfall zur Stelle, wenn Nachtdienst und Nachtbereitschaft Hilfe benötigen. "Das kommt sehr, sehr selten vor", sagt Christa Karl und erinnert sich an einen Stromausfall vor etlichen Jahren. "Ruhe ausstrahlen", ist für sie eine der wichtigsten Fähigkeiten des Pflegepersonals. Das vermittelt den meist sehr unruhigen Bewohnern etwas Sicherheit.

Das "Heim Tannenschleife" gibt es seit 40 Jahren; im September 2015 wurde Jubiläum gefeiert. Einige der Frauen wohnen schon seit 35 Jahren hier und gehen auch zur Arbeit bei Einrichtungen in Teunz oder Wernberg. Zum Heim gehört noch die Wohngruppe in Niedermurach mit 16 Plätzen. (ptr)
Kollegen sagen schon mal "Nachteule" zu mir.Mirella Erler
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