Margret-Rose Pyka kämpft seit 40 Jahren gegen Folgen einer Medikamenten-Einnahme
Bittere Pillen

Margret-Rose Pyka kämpft für Aufklärung im Duogynon-Skandal. Sie hatte 1975 die Pillen genommen und eine behinderte Tochter geboren. Bild: tsa
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28.11.2016
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Margret-Rose Pyka schluckt 1975 zwei Hormonpillen, die sie von ihrem Arzt als Schwangerschaftstest bekommen hat. 40 Jahre später kämpft sie immer noch gegen die Folgen von Duogynon. Jetzt schöpft sie neue Hoffnung.

Letzau. Miriam ist Margret-Rose Pykas erstes Kind. "Ich lag in meinem Bett. Als die Hebamme vorbeilief, fragte ich sie, wo denn meine Tochter ist. Da kam von ihr nur: 'Ach, das ist doch die mit der Herzschwäche und dem Klumpfuß'. Ich war geschockt." Pyka ist 1975 seit drei Jahren verheiratet, als sie Monate vor Miriams Geburt zu ihrem Frauenarzt in Berlin, wo sie damals noch lebt, geht. Sie will einen Schwangerschaftstest machen. Der Arzt gibt ihr zwei Tabletten, die sie schluckt. Sie nimmt eine Hormon-Dosis zu sich, die vergleichbar mit drei Monatsrationen der Antibabypille ist.

Eine britische Ärztin schreibt bereits 1967 erstmals über einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Medikament Duogynon des Arzneimittelherstellers Schering und Fehlbildungen. Schering (jetzt Bayer) versichert, dass eine Schwangerschaft durch die Einnahme von Duogynon nicht beeinträchtigt wird. 1975, in dem Jahr, als Pyka die Pillen schluckt, warnt die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft vor dem Medikament. Schering empfiehlt weiterhin die Anwendung als Schwangerschaftstest.

Miriam Pyka kommt mit einem Klumpfuß auf die Welt, muss nach der Geburt sechs Wochen im Krankenhaus bleiben. Nach wenigen Wochen daheim steht die erste Operation an. Acht weitere folgen. "Operationen, Krankenhaus, das wechselte sich ständig ab."

1978 bekommt Pyka einen Anruf von Verwandten. "Im Radio und Fernsehen lief es überall: Duogynon kann Auslöser von Missbildungen und Totgeburten sein." In England wird Duogynon aus dem Verkehr gezogen, in Deutschland nimmt Schering nur die Empfehlung als Schwangerschaftstest zurück. Erst 1981 wird das Medikament vom Markt genommen.

Kosten zu riskant


Margret-Rose Pyka will Gerechtigkeit. Sie versucht, Ärzte zu finden, die ihr helfen. Sie will nachweisen, dass das Medikament an der Behinderung schuld ist. Ohne Ergebnis. "Die Ärzte waren nicht bereit, Aussagen zu machen. Es ist unglaublich, wie diese Götter in Weiß gehandelt haben." Sie ruft beim Gesundheitsamt an, fordert, das Medikament vom Markt zu nehmen. Ohne Ergebnis. "Die Marktmacht von Schering war zu groß. Die haben das nicht gemacht." Einen Prozess strebt die junge Mutter damals nicht an. Sie und ihr Mann haben gerade erst das Studium beendet, die Prozesskosten sind ein zu großes Risiko.

Es ist unglaublich, wie diese Götter in Weiß gehandelt haben.Margret-Rose Pyka

Zwei Mal wöchentlich muss Pyka mit ihrer Tochter in die Klinik zum Gips-Wechseln. Das wird im Akkord gemacht, "ein irrer Stress für die Kinder". Fünf Patienten liegen nebeneinander, ein Gips nach dem anderen wird aufgefräst. "Die Kinder schrien wie die Verrückten." Miriam Pyka hatte keine unbeschwerte Kindheit, sagt ihre Mutter. "Montag bis Freitag mussten wir um 17 Uhr zum orthopädischen Turnen. Jede Woche." Das Mädchen geht offensiv mit seiner Behinderung um, zeigt anderen Kindern seinen Fuß. "Die Anderen fanden das cool, wie sie das aufnimmt. Ich fand es schrecklich, dass sie sich immer erklären musste." Miriam Pyka lässt sich durch ihre Behinderung nicht aufhalten. Sie geht in Tanzkurse, macht Sport, versucht, so normal zu leben wie möglich. "Sie hat nie versucht, aus ihrer Schwäche einen Vorteil zu holen", sagt Margret Pyka. "Aber einen Vorteil hatte sie immer: Sie ist sehr klug." Das Mädchen wird gemobbt, weil es gut in der Schule ist. "Sie ging trotzdem ihren Weg." Die Tochter hat panische Angst vor weißen Kitteln und Ärzten - und wird schließlich selber Ärztin. "Sie wollte Kinderchirurgie machen, um etwas zu verändern. Leider konnte sie im OP nicht so lange stehen. Jetzt ist sie Radiologin."

Die Interessensgemeinschaft duogynongeschädigter Kinder zeigt 1980 Schering an. Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin wird eingestellt. Der Grund: Das ungeborene Leben im Mutterleib ist nicht gesetzlich geschützt. Der Hersteller hat damals nicht gegen bestehendes Recht verstoßen. 1987 klagt Pyka ihren Frauenarzt wegen Körperverletzung an. "Die Staatsanwaltschaft sagte, die Tat ist verjährt. Ich war ohnmächtig. Hilflos. Ich konnte nichts machen." 2004 bittet Pyka einen Anwalt um Rat. "Er hat gesagt, da kann man nichts machen. Da bin ich heim und habe den Mutterpass und alle Duogynon-Unterlagen weggeschmissen. Ich wollte diese Sache begraben."

Neue Hoffnung schöpft sie, als sie 2009 den Betroffenen André Sommer im Fernsehen sieht. Sie nimmt Kontakt zu ihm auf. Und engagiert sich wieder. In Deutschland entscheidet das Landgericht Berlin 2011 auf Verjährung. Bayer bestreitet immer noch alle Vorwürfe, verweigert die Aussage. "In England dagegen gibt es seit 2015 einen Untersuchungsausschuss. Wir hoffen, dass sich auch bei uns was tut."

Bayer: Keine Hinweise


Der Arzneimittelkonzern bleibt bei seinem Standpunkt. "Bayer schließt Duogynon nach wie vor als Ursache für embryonale Missbildungen aus", sagt Bayer-Sprecher Oliver Renner. "Es wurden bereits in den siebziger und achtziger Jahren umfangreiche Gutachten zur Aufklärung möglicher Ursachen durchgeführt, ohne dass sich daraus Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Duogynon und den gemeldeten Fällen ergaben. Zum gleichen Ergebnis kam das in Deutschland damals durchgeführte strafrechtliche Ermittlungsverfahren. Es sind keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, die die Gültigkeit der damaligen Bewertung in Frage stellen würden."

Margret-Rose Pyka sieht das anders. Und sie kämpft dafür, dass Bayer Verantwortung übernimmt und Hilfe anbietet. "Bis heute ist keiner offiziell zur Rechenschaft gezogen worden. Aber solche Sachen prägen ein ganzes Leben. Delikte an Leib und Leben dürfen nicht verjähren."

ARD-StoryDie ARD zeigt am Montag, 28. November um 22.45 Uhr zum Thema Duogynon die Sendung "Der vertuschte Skandal".
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