Deutschlands ländliche Regionen werden älter und leerer - Tirschenreuth bereitet sich darauf vor
Landgreise in der Oberpfalz

Bewohner des Marienheims in Amberg. Sieht so die Zukunft in der Oberpfalz aus? Bild: Huber
Archiv
Tirschenreuth
04.08.2015
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Ältere Menschen leben länger, gleichzeitig werden weniger Kinder geboren. Die Folge: Die Bevölkerung überaltert. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung liefert dazu genauere Zahlen. "Deutschland wird bis zum Jahr 2030 um mehr als eine halbe Million Einwohner schrumpfen", heißt es darin. Doch nicht alle Bundesländer werden leerer. Während Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern zum Teil jeden zehnten Bewohner verlieren, gewinnt Bayern Einwohner im zweistelligen Prozentbereich.

Die Städte werden jung und voll, das Land wird alt und leer. Auch das ist die Botschaft der Prognose "Wegweiser Kommune". Besonders für die Gemeinden im ländlichen Raum ist der Bevölkerungsverlust teilweise dramatisch. Im sächsischen Hoyerswerda werden laut Studie 26 Prozent weniger Menschen wohnen.

Auch in der Oberpfalz schwindet die Bevölkerung. 9,5 Prozent der Einwohner werde der Landkreis Tischenreuth verlieren, meldet die Bertelsmann-Statistik. Dort wird im Jahr 2030 14,1 Sterbefälle und 6,7 Geburten je 1000 Einwohner geben. Das hat dramatische Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung. Wenn über Jahre hinweg mehr Leute sterben als geboren werden und es auch sonst keinen Zuzug gibt, nimmt die Einwohnerzahl ab. 2014 hat der Landkreis 411 Menschen verloren. Die Stadt Regensburg hingegen kann mit einem Bevölkerungszuwachs von 7,2 Prozent rechnen.

Junge Städte

Die Alten bleiben auf dem Land. Der Anteil der über 65-Jährigen wird in Tirschenreuth auf 30,7 Prozent bis 2030 ansteigen. Auch für die Oberpfalz bewahrheitet sich also die Prognose der Landflucht, bei der sich die Menschen hauptsächlich in den Ballungsräumen ansiedeln und die Alten auf dem Land zurücklassen.

Die Studie soll jedoch kein Orakel sein, sondern versteht sich vor allem als Warnruf für die Kommunen, sich auf die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten. Und sie, wenn möglich, auch aufzuhalten. Der Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert will den Prognosen "ein Schnippchen schlagen". Seine Gegenstrategie: "Wir brauchen mehr junge Familien, die sich bei uns ansiedeln." Am wichtigsten sei, trotz Abwanderung, die Infrastruktur zu erhalten. Schulen und andere Bildungsstätten wolle der Landkreis deshalb genauso fördern wie Nahverkehr, Kultur und Tourismus. Nicht zuletzt knüpft Lippert seine Hoffnungen an die großen Unternehmen der Region, die attraktive Arbeitsplätze schaffen und junge Leute anziehen. Positive Erfahrungen habe er gemacht mit dem Förderprogramm "Klinikstudent" der Kliniken Nordoberpfalz AG. Der Krankenhausverbund finanziert jungen Menschen einen Teil des Studiums, wenn sie nach der Ausbildung in einer Klinik im Landkreis arbeiten. "Und wenn einer länger da ist, geht er auch nicht mehr weg", erklärt Lippert den Erfolg des Projekts.

Warnruf für Kommunen

Doch bei einer zukünftigen Überalterung des Landkreises muss er sich auch um die Versorgung von Älteren kümmern. Lippert verweist auf den Bau von zahlreichen privaten Seniorenheimen im Umland. Priorität habe für ihn jedoch die ambulante Versorgung. Die Menschen sollen möglichst lange zu Hause in der gewohnten Umgebung leben dürfen.

Die nationale Politik hofft, dass eine Zuwanderung von Flüchtlingen und Asylbewerbern den Bevölkerungsschwund aufhalten kann. Auch Lippert findet diese Möglichkeit interessant. Die Wissbegierde von vielen Migranten sei faszinierend und viele brächten eine sehr gute Ausbildung mit. Der Landkreis fördere Weiterbildungen und Zertifizierungsmaßnahmen. "Doch es ist unsicher, wie sich die Zukunft entwickeln wird."
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