Heiße Probenphase für "Servus King"
Für die Menge – mit einer Menge Tiefgang

Till Rickelt (rechts) und Daniel Grünauer (Vierter von rechts) leiten die Schauspieler durch die heiße Phase beim Probenendspurt. Bild: Grüner
Kultur
Tirschenreuth
03.11.2016
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Die Proben laufen auf Hochtouren. Etwa 35 Akteure auf der Bühne fiebern der Uraufführung am Samstagabend entgegen, die 15 dahinter agieren im Dauerstress. Regisseur Daniel Grünauer und Dramaturg Till Rickelt wirken total entspannt und sind überzeugt: "Das ist ein richtig gutes Stück geworden."

Der Vorhang für die Premiere des vom Kulturfonds Bayern geförderten Stücks "Servus King - Elvis in der Oberpfalz" hebt sich am 5. November um 20 Uhr im Kettelerhaus in Tirschenreuth. Dabei tritt der King des Rock'n'Roll, abgesehen von seiner Musik, nicht in den Fokus des Geschehens.

Die Co-Produktion des Modernen Theaters Tirschenreuth (MTT) und des Landestheaters Oberpfalz (LTO) aus der Feder von Uli Scherr will den Spagat schaffen zwischen einem Stück, das den ungeübten Theatergänger genauso anspricht wie den versierten Zuschauer, der klassische Stoffe liebt. "Es ist ein Stück, das die Mundart dazu benutzt, um einen schnelleren Zugang zum Stoff zu schaffen. Ein Drittel ist Unterhaltungsmusik (etwa 15 Stücke von Elvis Presley), die live gespielt werden und alle anspricht. Dennoch ist das Werk durchaus als ein kritisches zu werten", erklärt der Regisseur.

Die Kernaussage seiner Inszenierung formuliert Grünauer so: "Es geht um den inneren Kampf der Oberpfälzer, um die Auseinandersetzung mit den Fragen: ,Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin will ich gehen?' Der Oberpfälzer ist einer, der dauernd fragt, bin ich gut genug und sehr viel Understatement an den Tag legt. Ich kenne kaum jemanden von hier, der nach außen hin stolz sagt, ich komme aus der Oberpfalz.

Eine andere Aussage der Inszenierung ist, dass wenn sich jemand intensiv mit sich selbst beschäftigt, er erst dann weiterkommt, wenn er das anhand einer Projektionsfigur tut, in unserem Fall ist das halt der Elvis. Das könnte aber auch jedes andere Idol sein, zum Beispiel ein berühmter Fußballspieler oder Schauspieler. Idole schaffen eine ganz andere Wahrnehmung der Dinge."

Flucht und Vertreibung


Die Bausteine des Stücks sind Flucht und Vertreibung (hochaktuell), die Rückkehr deutscher Kriegsgefangener und die Frage, was mit Familien passierte, deren Väter tot und körperlich oder/und mental deformiert waren. Damals wie heute war die Oberpfalz eine strukturschwache Region. Der kalte Krieg hatte gerade begonnen, die Menschen waren plötzlich mit dem eisernen Vorhang konfrontiert - hier war die Welt zu Ende. Die Grenzlandförderung brachte Erleichterung, Investoren halfen weiter. Natürlich geht es auch um die Liebe, um die aufflammende Popkultur und um Modeerscheinungen. Der amerikanische Jazz schwappt über den großen Teich auch in die Grenzregion herüber.

Die Jugend will sich lossagen von den Nazivätern, gesellschaftliche Umbrüche finden statt. Und dann schlägt da noch der amerikanische Superstar Elvis Presley in der Oberpfalz auf und bringt die kleine Provinzwelt völlig durcheinander. So endet die Geschichte auch mit dem legendären Konzert des King of Rock'n'Roll in der Mickybar.

Mehr oder weniger ist das die Geschichte der Menschen vor etwa 60 Jahren. Es geht um Probleme, Fragestellungen, Widersprüche und Sehnsüchte. "Eigentlich haben alle Figuren im Stück mit jedem von uns zu tun, am stärksten vielleicht die, die ausbrechen und weggehen wollen. Ein Potpourri an Figuren hält für jeden Oberpfälzer etwas bereit. Die Zuschauer werden oft denken, ah, das kenn' ich oder das habe ich auch schon so ähnlich erlebt", erklärt Till Rickelt. Lob zollt Grünauer dem MTT. "Hier sind Leute am Ruder, die diesem Begriff alle Ehre machen. Allein die Zusammensetzung der Darsteller ist genial. Da tauchen immer wieder neue Schauspieler auf. Hier ruht sich keiner auf alten Zöpfen aus. Es ist schon mutig, immer wieder neue Leute, allesamt aus der Region, einzubinden. Es gibt viele Laiengruppen, die über 20 Jahre und immer mit den ,alten Hasen' denselben Stil spielen. Das machen die Tirschenreuther anders - ein Riesending, das wahrscheinlich vielen gar nicht so bewusst ist. Der Aufwand für die Produktionen sind erstaunlich. Das betrifft auch die aufwendige Technik und das Bühnenbild.

Einen Schritt weiter


Ziel war es, nach der Erfolgsproduktion ,Cash' einen Schritt weiterzugehen. Das ist auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Aber wir konnten die Leute ansprechen. 85 Prozent der Tickets sind verkauft, eine unglaubliche Dynamik schon bevor überhaupt jemand was gesehen hat. Das Stück muss man sich unbedingt anschauen, weil es sich dabei genauso um anspruchsvolle Unterhaltung wie auch um unterhaltsames Volkstheater handelt", so Grünauer.

"Vielleicht ist uns sogar ein neues Format gelungen, mit dem sich unterhaltendes Volkstheater und kritisches Theater zusammenbringen lässt. Unser Projekt ist schon für die Menge geschrieben, hat aber auch jede Menge Tiefgang."
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