Immer noch der charmante Spitzbub: Hans Söllner in Tirschenreuth
„Hasstiraden“ für die Liebe

Gitarre auf dem Schoß, lachend und kopfschüttelnd: So unterhält Hans Söllner das Publikum im ausverkauften Tirschenreuther Kettelerhaus. (Foto: Beate Luber)
Kultur
Tirschenreuth
03.03.2016
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Ein süßlich-herber Rauch zieht von der Bühne durch die Reihen des Kettelerhauses. Kurz danach tritt Hans Söllner durch den Vorhang mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Viele Falten zeigen sich dort. Doch in Tirschenreuth beweist der 60-Jährige: Er ist immer noch der charmante wilde Spitzbub.

Wie erwartet redet er erst einmal. Seine Lieblingsthemen sind am Mittwochabend Uli Hoeneß, weil der zu reich ist und zu gut behandelt wird. Und Flüchtlinge, weil sie zu arm sind und zu schlecht behandelt werden, genauso wie die Hendln in der Massentierhaltung. Er schimpft viel, aber es ist schön ihm zuzuhören. Wie er das Wort "Hasstirade" auf der Zunge zergehen lässt, immer wieder den Kopf schüttelt und über die Absurdität des Wortes lacht. Konsequent kündigt er seine folgenden Lieder als "Hasstiraden" an: "Das ist eine Hasstirade für Uli Hoeneß". Es folgt das Heimatlied "Mir san nu so richtige Bayern." Es stammt von einem seiner ersten und erfolgreichsten Alben "Hey Staat!", Ende der 1980er Jahre. Der Text ist brisanter und aktueller denn je: "Heit fahr ma a boor Asylantn zam/Mit unsana BMW."

Friedlicher Ungehorsam


Hans Söllner ist ein professioneller Alleinunterhalter, seine Bühnenausstattung spartanisch: In T-Shirt und Jeans hockt er auf einem kleinen Schemel. Die Gitarre liegt die Hälfte des Abends ungenutzt auf seinen Knien. Ob das nun Konzert, Kabarett, Theater oder was ganz anderes sei, wisse er selbst nicht zu sagen. "Aber ihr zahlt's ja für mi, für den Hans Söllner." Genau den wollen die Leute: Das Original, den Revoluzzer, die "wilde Sau aus Reichenhall" und den Kiffer. Die Erwartungen bedient er auch. Als eine "Hasstirade gesungen auf Drogen" kündigt er den Titel "Ganja" an und freut sich wie ein Honigkuchenpferd über den originellen Einfall.

Besonders liebt das Publikum ihn für seine wilden Ideen. Wenn er die Leute zum Polizisten-Ärgern aufruft, zu spontanen Liebeserklärungen oder zum Fleischverzicht und sie sanft zum friedvollen zivilen Ungehorsam schubst. "Und wenn der Polizist selber über sich lacht, dann hamma gwonnen." Da spürt jeder im Saal den kleinen Revoluzzer in sich.

Zuweilen redet der Künstler sich in Rage, fängt an zu predigen mit erhobener Hand. Der Mann, der jahrzehntelang die politischen und gesellschaftlichen Zustände in Deutschland beobachtet und kommentiert hat, schüttelt immer wieder verständnislos den Kopf über die "Drecksäue" und "Rindviecher": "Es gibt nix zum Tanzen zur Zeit. Es gibt nur was zum Schauen." Als Wurzel allen Übels macht er die Eifersucht aus: "Neidisch samma!"

Die Wut auf Lüge und Niedertracht in der Politik brennt bei ihm so heiß wie vor 40 Jahren. Energisch gibt er den Zuschauern Alltags-Revoluzzer-Tipps, wie ein Jahr "koane Hendln" zu essen oder einfach mal so Polizeistreifen hinterher zu fahren oder Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. Man ist fast erleichtert, wenn er wieder anfängt zu lachen und zur Gitarre greift. Doch bis auf das bayerische Heimatlied ist das restliche Repertoire eher soft und nachdenklich wie "Blumen und Farben", "Sososo" und "Ihr seids alle gleich."

"Bixn für die Bixn"


Vor allem die Gruppen von Jugendlichen unter den Zuschauern werden zum Ende hin unruhig, rufen dazwischen -"Rauch ma mal einen, Hansi?" - und fordern die wilden Songs wie "Hey Staat" oder "Mama ziag dei Schürz'n aus". Das Durchschnittsalter im Publikums ist überraschend jung bei Mitte 30. Söllner hört die Zwischenrufe und quittiert sie mit Schweigen, peinliche Stille tritt ein und dann zeigt er wieder, dass er die "coolste Sau" weit und breit ist. "Manchmal ist es einfach gut, gar net zu antworten", stellt er verschmitzt fest. Am Ende des letzten Songs nach der Zugabe, in der Söllner mit der "Bixn für die Bixn" zur Spende gegen weibliche Genitalverstümmelung aufruft, verschwindet er hinter dem Vorhang. Und der vertraute süßlich-herbe Rauch zieht wieder von der Bühne herunter.
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Am Samstag, 30. April (20 Uhr), tritt Hans Söllner in Neunburg vorm Wald in der Schwarzachtalhalle auf. Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0.
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