Kabarettist Rainer Schmidt ist ein Schelm der besonderen Art
Mit Fingerfood nichts am Hut

Immer wieder demonstriert Rainer Schmidt live, wie ihn seine Behinderung nahezu täglich in Erklärungsnot bei seinen entsetzten Mitmenschen bringt. Bild: ubb
Kultur
Tirschenreuth
27.09.2016
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Kabarettist Rainer Schmidt ist ein Schelm der besonderen Art. Was er am Sonntag im Kettelerhaus seinem Publikum mitteilt, hat Hand und Fuß - obwohl ihm selbst genau das fehlt.

Im Kettelerhaus sind Stühle frei. Schade für jene, die am Sonntagabend den Auftritt von Ausnahme-Kabarettist Rainer Schmidt versäumt haben. Wenn der 51-Jährige die Bühne betritt, gibt es gewiss kein betretenes Schweigen, obwohl das beim Anblick eines Mannes ohne Hände normalerweise passiert. Bei Rainer Schmidt werden banale Sätze wie "Du hast kein Fingerspitzengefühl" oder eine Einladung zum Fingerfood zu Lachnummern der Extraklasse.

Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe Tirschenreuth, hat Schmidt in Cham entdeckt, das Netzwerk Inklusion hat ihn eingeladen. Kellner war fasziniert von dem lebensfrohen Energiebündel ohne Arme. Schmidts Thema ist er selbst und der Umgang mit seiner Behinderung. Alle sind deshalb sehr gespannt, als er die Bühne betritt.

Ganz normal gefühlt


"Wer nicht damit umgehen kann - ich bin Seelsorger. Sie können mit mir darüber reden", sagt der Mann ohne Hände. Und der Schelm ist ihm dabei ins Gesicht geschnitten. Offenherzig erzählt der evangelische Pfarrer, Buchautor und mehrfache Goldmedaillengewinner bei Paralympics, Welt- und Europameisterschaften, wie seine Familie und das ganze Dorf geschockt gewesen seien. "Meine Oma hat nach meiner Geburt gesagt: Handwerker wird der nicht!", sagt Schmidt und fügt rotzfrech an: "Aber für einen evangelischen Pfarrer hat's gereicht." Nur er selbst habe als Kind sein Handicap nicht wahrgenommen: "Ich habe mich normal gefühlt!" Schmidt meistert sein Leben besser als andere denken. "Meine Lehrerin wollte mir das Schreiben mit den Füßen beibringen", erzählt er. Ihr Entsetzen sei groß gewesen, als er plötzlich mit den Armen schrieb. "Dabei war das viel leichter, nur hat es mir niemand zugetraut."

Weitere Beispiele von Hilfsbereitschaft, die im Chaos enden, folgen. Besonders nett findet Schmidt das Bahnfahren. Kein Ticket-Kontrolleur wage es, ihn nach der Fahrkarte zu fragen. "Ich fahre seit zehn Jahren schwarz", verrät er lachend. Bauchkrämpfe gibt es, wenn er den Handschuh-Kauf im Modeladen beschreibt. Schmidt hat sich eine Strategie ausgedacht, um seinen Mitmenschen derartige Verunsicherungen ihm gegenüber zu ersparen. Er geht in die Offensive, gibt sich selbstbewusst. "Machen Sie es genauso! Dann macht das Leben mehr Spaß", appelliert er an die Anwesenden.

Spiegel vorgehalten


Immer wieder fordert das Energiebündel auf der Bühne zu Fragen auf, sucht für seine Scherze besondere "Opfer". Bürgermeister Franz Stahl, stellvertretender Landrat Dr. Alfred Scheidler und der Vorsitzende der Lebenshilfe, Landrat a.D. Karl Haberkorn, geraten in sein Visier: "Wie heißen Sie? Haberkorn? Können Sie das ,Haber' nicht weglassen?" Der vorgehaltene Spiegel darf nicht fehlen. "Was, denken Sie, kann ich nicht?", fragt er. Ein Handstand wird vorgeschlagen. Till Eulenspiegel lässt grüßen! Schmidts Gegenfrage sitzt und hat Biss: "Wer im Publikum kann auch keinen?" 80 Prozent heben die Hände. Haha!

Sein Fazit über den perfekten Menschen spricht aus der Seele: "Ein Mensch ohne Macke ist gar kein Mensch!" Schon sind alle im Saal gleich, ob mit oder ohne Behinderung. Wer möchte, darf nach dem Schluss-Applaus gerne ein paar Minuten länger bleiben, um den sportlichen Schmidt zu erleben. Dafür hat der ATSV Tirschenreuth extra eine Tischtennisplatte aufgestellt. Alle bleiben. Was für ein großartiger Mensch!
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