Mit ihrem aktuellen Buch "Eingefangene Schatten. Mein jüdisches Familienbuch" betont Dagmar ...
Geschichtsstunde der besonderen Art

Dagmar Nick weiß auch mit knapp 90 Jahren noch so zu formulieren, dass der Zuhörer gepackt wird. Bild: Stiegler
Kultur
Tirschenreuth
16.10.2015
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Jüdisches Leben in Deutschland war nie ein Zuckerschlecken - nicht vor 300 Jahren, nicht vor 150 Jahren und schon gar nicht zu Zeiten des Nationalsozialismus. Dagmar Nick weiß das genau, hat die heute 89-Jährige doch als junges Mädchen und Tochter einer "Halbjüdin" die Repressalien im Dritten Reich hautnah erlebt. In ihrem neuesten Werk, das im Juli erschienen ist, nähert sich Nick ihrer mütterlichen - der jüdischen - Familiengeschichte an. Auf Einladung des Netzwerkes "Aktiv gegen Rechts" im Landkreis Tirschenreuth stellt sie das Buch in Tirschenreuth vor.

Viel recherchiert

"Das ist ein Zweig, der sich bis 1550 zurückverfolgen lässt", erzählt Nick. Viele Jahre hat sie in Recherche und Dokumentation für dieses Werk gesteckt. Entstanden ist daraus aber nicht nur eine persönliche Familiengeschichte, sondern ein Buch über 400 Jahre deutsche Geschichte. Ihr gelingt der Bezug zur gegenwärtigen und tagesaktuellen Diskussion, wenn sie feststellt: "Die Vorfahren kamen vor vielen Jahrhunderten als Asylanten nach Deutschland."

Für ihre einstündige Lesung in Tirschenreuth pickt sich Nick die Regierungszeit von Friedrich dem Großen heraus und nimmt die Zuhörer mit ins 18.Jahrhundert. "Die Juden waren für den Fiskus ein Gewinn", findet Nick und verweist darauf, dass sie schlichtweg für alles bezahlen mussten, also auch für alle Rechte, die einem Nichtjuden selbstverständlich gehörten: Das Recht zu bleiben, das Recht zu wohnen, das Recht zu reisen, das Recht zu handeln, das Recht zu heiraten, das Recht Kinder zu bekommen ("Kinder ansetzen").

Im Juden-Edikt von 1714 war geregelt, was es mit dem Schutzbrief für Juden auf sich hatte und welche "Vorteile" sich für die darin aufgenommenen Juden ergaben. In einer klaren und ungekünstelten Sprache lässt Dagmar Nick die damalige Zeit aufleben, verdeutlicht dies in Geschichten über ihre Vorfahren Bendix Goldschmidt und seine spätere Frau Zippora, Leib Levin sowie Hanna und Moses Isaak. "Nebenbei" erfahren die Zuhörer noch, dass es seit 1760 den ersten Rabbiner in Potsdam gibt.

Porzellan für Schutzbrief

Ausführlich widmet sich Nick in dem vorgelesenen Abschnitt auch dem sogenannten "Judenporzellan": Seit 1769 waren Juden verpflichtet, im Gegenzug für den Schutzbrief Porzellan für 300 Taler von der Königlichen Manufaktur abzunehmen.

"Dies führte zu einer fatalen Verarmung unter den Juden", liest Nick vor. Es ist eine Geschichtsstunde der besonderen Art, die die Autorin den Zuhörern präsentiert - spannend, persönlich und, für ein Buch ja nicht ganz unwichtig, sprachlich überzeugend. Ein Buch, das sich zu lesen lohnen dürfte.
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