Weit weg vom Imitat durch Glitzer-Hanswursten
Elvis in der Oberpfalz

Die drei Buddyboys überzeugten bei der Uraufführung von "Servus King -Elvis in der Oberpfalz" genauso wie der Rest der Schauspieler. Stehender Applaus und für die Co-Produktion von Modernem Theater Tirschenreuth und Landestheater Oberpfalz waren der Lohn für monatelange Arbeit. (Foto: Norbert Grüner)
Kultur
Tirschenreuth
06.11.2016
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Die Alten haben mit Rock'n'Roll nichts am Hut. (Foto: Norbert Grüner)

Die Show findet ohne ihn statt. Doch sein Name ist allgegenwärtig. Die Frage an diesem Abend lautet: Was haben Vilseck, Hirschau und Grafenwöhr mit Elvis zu tun? In einem musikalischen Schauspiel, das am Samstag in Tirschenreuth Premiere hatte, wurde die mit tosendem Schlussapplaus bedachte Antwort gegeben: Weit mehr, als alle Presley-Literaten je zur Kenntnis nahmen.

Von Wolfgang Houschka



Sie ließen ihn im Ketteler-Haus nicht als Protagonisten an die Rampe. Ein Glücksfall für die quirlige und höchst agile Truppe des Autors Uli Scherr und des Regisseurs Daniel Grünauer. Auf der Welt laufen viele Hanswursten herum, die glauben, sie könnten den King of Rock 'n' Roll imitieren. Mit wenigen Ausnahmen mutieren sie zu Dilettanten, die als "Return to Sender"-Clowns im Glitzeranzug Gelächter ernten.

"Servus King" ist der respektvolle Gruß an einen Mann, der die Musik revolutionierte. Das Team an der Spitze dieser Aufführung geht sehr
offensiv mit der Botschaft um, die da lautet: "Seht her: Wir in dieser
Grenzregion zum längst gefallenen Eisernen Vorhang hatten die Ehre, für
insgesamt acht Wochen in den zu Ende gehenden 1950er Jahren Gastgeber
für den berühmtesten Sänger aller Zeiten gewesen zu sein."

Elvis in der Oberpfalz. "Wo zum Teufel ist Grafenwöhr?", fragte uns
einmal sein Gitarrist James Burton. Die Antwort war nicht ganz einfach:
"Schnee, Schlamm, eisige Winter in oberpfälzischer Provinz." Genau dort
spielt dieses Stück. In einem Dorf, dessen Altvordere den Traditionsmief
pflegen und sich die Jugend zum Gegner machen. Denn als Elvis kam, war
die strenge Ordnung längst wie mit dem Schwert unterbrochen von einer
Stimme, die dazu aufforderte, den dick verkrusteten Staub überkommener
Traditionen endlich wegzuschaufeln.

Es ist ein Generationen-Kampf, der zwei Stunden lang auf der Bühne tobt.
Mit jungen Leuten, die zum Ausdruck bringen: "Da ist einer, der endlich das Ruder übernommen hat." Ihre Eltern zürnen, schnauben und scharren mit den Hufen. Denn sie fürchten - und genau da wird die Trennungslinie mit Akribie aufgezeigt - dass dieser zufälligerweise in Grafenwöhr seine militärische Pflicht verrichtende Megastar zum vermeintlichen Fluch für die Zukunft wird. Doch stoppen konnte ihn keiner.

30 Männer und Frauen treten auf. Alle exzellent disponiert. King Elvis selbst
erscheint nicht. Immer nur erwähnt und nie sichtbar. Der damals 23-Jährige bleibt auch dann schemenhaft, als er in der Grafenwöhrer Micky-Bar ein Konzert am
Klavier für das Personal gibt. Alle wollen hin, ein paar schaffen es. Dass er dort "Wooden Heart" sang, ist Unsinn. Auch "Good Luck Charm" und "Devil in Disguise" gehören nicht in diese Zeit. "Little Less Conversation" war auch erst viel später.

Gleichwohl: Es muss der Freiheit des Autors überlassen bleiben, wie er die Elvis-Songs einreiht. Sie haben zur Handlung zu passen. Die formt sich so: Drei junge Burschen versuchen den Ausbruch aus einer Gesellschaft, die sich darin einig ist, dass der Rock and Roll eine Art tödliche Giftdosis für Söhne und Töchter bedeuten würde. Genau zu diesem Zeitpunkt kommt er dann, dieser Mann aus Tupelo/Mississippi. Eine Schlüsselfigur, deren Strahlkraft keiner brechen kann. Bis heute nicht.

Jede Rolle ist grandios besetzt. Da sind die jungen Rock'n'Roller, die den Elvis-Erstling "That's allright" zelebrieren. Im Hintergrund dabei die Band Havlicek-Brothers die auch den "Jailhouse Rock" und "Johnny B. Goode" drauf
hat. Im krassen Gegensatz dazu das Volk der Kriegsheimkehrer, die zur
Kirchweih eine Teufelsgeige und die Ziehharmonika bevorzugen. "Don't be
cruel", es wurde deutlich, empfanden sie als Kampfansage.

Ein Satz an diesem umjubelten Premierenabend des Landestheaters Oberpfalz war besonders wichtig. Er lautete: "Jeder will ihn bei uns gesehen haben." Armer Kerl, dieser Elvis, der sich in seiner Army-Rolle als Jeep-Fahrer angeblich in noch so kleinen Orten blicken ließ. Da hätte er fünf Jahre da sein müssen. Aber dem guten Johann Wolfgang von Goethe ging es in der Oberpfalz nicht anders. Erst Durchreisender im Pferdegalopp, dann als Markenzeichen für unzählige Dörfer reklamiert. Presley selbst mochte seine Militärzeit im rauen Norden Bayerns nicht missen. Nach Hirschau (ebenfalls erwähnt in der Inszenierung), schrieb er im September 1960 an den Lokalreporter Sepp Müller: "Keep up the good Work". Mit deutschen Worten: "Mach' weiter so." Eine Anerkennung, die auch dem Landestheater gilt.

Anmerkung zum Schluss: Es gibt so viele Paare bei uns, die den Rock 'n' Roll tanzen können. Sie hätten dieser Aufführung gut getan. Twist und Shake kamen erst lange nach den Eis-Manövern in Grafenwöhr aufs Parkett. Ansonsten: Wenn jemand das Elvis-Autogramm für 50 Pfennige anbieten würde (wie im Musical-Schauspiel offeriert), sind wir im Käuferkreis gerne mit dabei.
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