Abschied mit weinenden Augen

Bilder, die Julia Zeitler jeden Tag auf ihrem Computerbildschirm im Büro zu sehen bekommt. Dieses mailte ihr ein Flüchtling aus Damaskus. Es zeigt im Vordergrund sein Haus, dass komplett zerstört wurde. Bild: tr
Lokales
Tirschenreuth
01.10.2015
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Selfies sind bei der Jugend dieser Welt angesagt. So wie Lana (hinten) und Alah (rechts) aus Syrien, muss Julia Zeitler täglich mehrmals dafür posieren. Bild: privat

Die Geschichte eines Syrers, der in einem Fischerboot über den Libanon nach Europa flüchten wollte, berührt Julia Zeitler besonders. Die Sozialpädagogin ist in den Erstaufnahmeeinrichtungen tätig und hört täglich von schweren Schicksalen.

Der Mann war einer von den wenigen, die eine Schwimmweste trugen. Ohne war die Entfernung zurück nicht zu schaffen. Ein anderer Flüchtling, Nichtschwimmer und ohne Weste, klammerte sich an ihn. Beide gingen unter, so dass dem Mann nichts anderes übrig blieb, den anderen wegzustoßen. Er musste zusehen, wie er ertrank, genauso wie viele Frauen und Kinder.

Eine Ein-Frau-Stelle

Julia Zeitler ist 23 Jahre jung und lebt in ihrer Geburtstadt Tirschenreuth. Seit Oktober vergangenen Jahres war sie bei der Caritas Asyl-Sozialberatung tätig. Eine Ein-Frau-Stelle, die angesichts der wachsenden Zahl der Asylbewerber und Flüchtlinge neu geschaffen wurde. Waren es anfangs etwa 160 im Landkreis, sind es aktuell rund 550 Menschen, die eine Bleibe suchen. Seit März widmet sich Julia Zeitler wieder ihrem Master-Studium. Deshalb lebt sie jetzt in Regensburg.

Was sie tut ist für sie Berufung. "Eigentlich hätte ich in den Semesterferien für mein Studium arbeiten müssen. Aber das ging nicht, man kann da nicht einfach zuschauen, sondern muss was tun. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit." Ihre Nachfolgerin Maria Staufer ist seit Juli mit im Boot und jetzt die alleinige Caritas Asyl-Sozialberatung. In den vergangenen Wochen waren beide fast ausschließlich mit Erstaufnahmen beschäftigt. In Regensburg hatte sich Julia Zeitler bei der Caritas beworben. Ob sie Asyl in Tirschenreuth machen würde, lautete damals die entscheidende Frage. "Nachdem ich hier mein ganzes bisheriges Leben verbracht habe, interessierte mich das natürlich. Auf was ich mich da einließ, ahnte ich nicht."

Heute weiß sie: "Bei der Sozialarbeit bist du die Mama für alle Probleme. Die Leute kommen mit jedem Brief, weil sie ihn nicht lesen können. Dabei ist Menschliches mindestens so wichtig wie Bürokratie. Ich gehe mit zwei weinenden Augen. Man wächst so intensiv mit den Menschen zusammen, das ist unglaublich." Syrer, Afghanen, Iraker, Albaner, Kosovaren, Serben Eritreer und Iraner hat sie kennengelernt und dabei festgestellt: "Die sind nicht anders als unsere Leute auch. Und es gibt, genauso wie hier, solche und solche. Zu 95 Prozent sind meine Erfahrungen positiv.

Ein- und Ausladen

Am meisten hat Julia Zeitler persönlich die Ankunft der Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen mitgenommen. "Das Absetzen der Leute ist ein reines Ein- und Ausladen, nicht mehr und nicht weniger. Die, die ein wenig mehr Glück hatten, kommen mit Plastiktüte und Schuhen an, die anderen haben nur das, was sie am Leib tragen und nichts an den Füßen."

Für die junge Frau ist es wirklich schockierend, dass Menschen in einem Land, wie unserem, hier so ankommen. "Es geht unter die Haut, wenn man barfüßige Kinder sieht, die sich auf der Flucht die Füße blutig gelaufen haben." An den 24. Juli, einen Freitag, erinnert sie sich noch sehr gut. Es war 9 Uhr, als an ihrem Urlaubstag das Telefon klingelte. Ihr Chef, Jürgen Kundrat, sagte: "Heute Abend geht es los." Sie wusste, was gemeint war, und fuhr ins Büro. "Was könnte man in so kurzer Zeit organisieren? Kleidung war auf jeden Fall wichtig." Der schnelle Aufruf im Neuen Tag brachte den gewünschten Erfolg. "Wir sind echt überhäuft worden", freut sich Julia.

Mittlerweile ist die ganze Familie der jungen Frau in die Asylarbeit integriert. Die Eltern, ihr Freund, ihre jüngere Schwester, ihr Cousin. Alle sind fleißige Helfer. Ehrenamtlich will auch Julia mit der Asylarbeit in ihrer Heimatstadt verbandelt bleiben. Beruflich hat sie andere Pläne. Die Arbeit mit traumatisierten Kindern ist es, was ihr da vorschwebt.

Soziale Ader

Ihre soziale Ader hatte sie schon immer. "Es bereitet mir schon seit jeher Freude, anderen Menschen zu helfen, vor allen denjenigen, die ihre Anliegen nicht offen kommunizieren oder selbst durchsetzen können." Was die auf uns täglich zurollende Flüchtlingswelle betrifft, geht Zeitler mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel konform und sagt: "Ich glaube schon, dass wir das schaffen. Wichtig ist nur, dass wir uns um die Menschen kümmern. Dort wo die Einheimischen das tun gibt es keine Probleme."

Vor allem aus Syrien seien anfangs viele, sehr gebildete und kluge Akademiker gekommen. Im Gegensatz dazu stehen Afghanen und viele Afrikaner, die wenigsten mit einer Schulbildung. Für sie sei es besonders schwer, weil es ab dem 21. Lebensjahr auch hier keine Möglichkeit mehr dafür gebe. Die Flüchtlinge hätten idealistische Vorstellungen von der Zukunft des Nahen Ostens. "In Liedern besingen sie, wie die Kurden den Islamischen Staat besiegen. Verantwortlich für die Misere im eigenen Land machen sie die USA." Mit ihrer Politik im Irak hätten die Amerikaner die radikal religiösen Gruppen in den Untergrund getrieben. Als sie dann abzogen, sei der IS auferstanden.
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