Bei welcher Gelegenheit die Frau den Fremdkörper verschluckt hat, wird Dr. Mathias Kalkum nie ...
Zahnstocher bohrt sich in Leber

Ein Spieß steckt zwischen Magen und Leber der entsetzten Frau: Nicht ganz glücklich mit der etwas reißerischen Grafik zu seiner Diagnose-Geschichte im "Stern" ist Dr. Mathias Kalkum. Inhaltlich hat er die Überarbeitung seines Fachartikels natürlich genehmigt. Bild: as
Lokales
Tirschenreuth
26.06.2015
69
0

Bei welcher Gelegenheit die Frau den Fremdkörper verschluckt hat, wird Dr. Mathias Kalkum nie erfahren. Er will es auch nicht wissen. Sein Anliegen ist ein anderes: Erklären, wie es zu der kurios klingenden Diagnose kam - und wie er den Zahnstocher schließlich aus der Leber herausoperiert hat.

Wie die ganze Geschichte in den "Stern" gelangt ist, dürfte viele Menschen aus der Region interessieren. Denn in der Pfingstausgabe der Illustrierten fand sich ein Beitrag mit Bild des Tirschenreuther Chefarztes für Allgemein- und Visceralchirurgie. In der Rubrik "Die Diagnose" schildert Dr. Kalkum den außergewöhnlichen Fall eines Zahnstochers auf Wanderschaft durch den Körper.

Beschwerden unerklärlich

"Eine Frau leidet wochenlang unter Fieber und Schüttelfrost. Die Ärzte verdächtigen die Leber - und staunen nicht schlecht über den wahren Täter", schreibt das Hamburger Magazin. Geschildert wird der Fall einer 50-Jährigen, die aus heiterem Himmel unerklärliche Beschwerden, erhöhte Entzündungs- und Leberwerte hat. Bei der Operation stößt der Chirurg auf einen eitrigen Abszess an der Leber - und ein vier Zentimeter langes Stück eines Zahnstochers. (Info-Kasten)

Schon 2008 beschrieben

"Ich wusste gar nicht, wie viele Leute den ,Stern' lesen", kommentiert Kalkum die Reaktionen nach seiner Rückkehr aus dem Pfingsturlaub. "Ich werde erstaunlich oft auf den Artikel angesprochen, von Patienten, Kollegen, Bekannten." Der Chefarzt erklärt, dass der ganze Fall schon etliche Jahre zurückliegt. Die Veröffentlichung im Fachblatt "European Surgery" erfolgte dann im April 2008, ursprünglich verfasst auf Englisch: "Gastric perforation by a toothpick causing a liver abscess".

Beim Durchforsten der Fachliteratur nach spektakulären medizinischen Geschichten stieß ein "Stern"- Mitarbeiter Ende 2014 auf den Fall mit dem Zahnstocher in der Leber. Er nahm Kontakt zum Tirschenreuther Chefarzt auf, der nach reiflicher Überlegung einer Veröffentlichung zustimmte. "Auch ein kleines Krankenhaus muss gut sein und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten an Wissenschaft und Forschung beteiligen", nennt er als Hauptgrund.

"Auch wenn es zeitlich und personell schwierig ist, wir müssen unsere eigenen Erfahrungen bei der Behandlung mitteilen." Das diene der Selbstkontrolle, dem Erfahrungsaustausch und der optimalen Versorgung der Patienten. Dr. Kalkum, der mit kleinen Unterbrechungen seit 1989 im Krankenhaus Tirschenreuth tätig ist, publiziert mit entsprechender Unterstützung der Kliniken Nordoberpfalz schon lange. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Themen wie "Frühintubation - auch bei Kindern?", "Frakturen und Luxationen im Rettungsdienst" oder "Bissverletzung durch Kreuzottern".

Klassiker Fischgräte

Der jetzt vom "Stern" aufgegriffene Fall ist im Prinzip gar nicht so ungewöhnlich, meint der 54-Jährige. Relativ häufig verschlucken Erwachsene Fremdkörper: "Meist ist es der klassische Hühnerknochen oder die Fischgräte." Und meist verlassen die Sachen den Menschen auf ganz natürlichem Weg wieder. Manchmal jedoch bleiben sie an anatomischen Engstellen im Verdauungstrakt hängen und bohren sich in innere Organe - ganz langsam, ohne größere Schmerzen zu verursachen.

Der Tirschenreuther Chefarzt hat selbst erlebt, dass ein Rollmops-Spieß am Oberschenkel eines Patienten wieder austrat. Auch fand er schon mal eine Tabletten-Verpackung in einem Bauchraum vor. "Da kann wohl jeder Chirurg eine Geschichte erzählen", schätzt Kalkum. Dass ein Zahnstocher jedoch durch verschiedene Organe wanderte, hatte er noch nie gehört. In der Fachliteratur stieß er weltweit nur auf zehn ähnliche Fälle, wie seiner Publikation zu entnehmen ist.

Kalkums Schlussfolgerung im wissenschaftlichen Aufsatz: "Nachdem dennoch tödliche Ausgänge beschrieben worden sind, ist es entscheidend, diese Komplikation einer vermeintlich harmlosen Gelegenheitsursache im Kopf zu behalten und eine hartnäckige Diagnostik zu betreiben."

Offen für Überraschungen

In der Zusammenfassung der "Stern"-Rubrik heißt das: "Ich fühlte mich wieder daran erinnert, im Klinikalltag stets offen zu bleiben für äußerst überraschende Ursachen einer Erkrankung." Dass der flott geschriebene Artikel so hohe Wellen schlägt, hätte Kalkum nicht erwartet. "Aber es zeigt, das Interesse der Leute an medizinischen Themen ist enorm." Sein erstes Bauchweh, das er bei der Anfrage empfand, hat sich gelegt: "Das muss man dann auch informativ rüberbringen."
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.