"Braucht's das eigentlich?"

Lokales
Tirschenreuth
10.10.2014
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Wie schwer es ist, durchaus wünschenswerte Projekte abzulehnen, zeigte sich in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Der Wille zum Sparen wurde allerdings sehr deutlich in der Diskussion über konkrete Anliegen. So werden die Familienstützpunkte wohl erst einmal auf Eis gelegt.

Vom Kreisausschuss bereits genehmigt ist der Antrag auf einen Jugendsozialarbeiter am Berufsschulzentrum Wiesau. Im Landkreis gibt eine derartige Betreuung bereits an den Mittelschulen Waldsassen, Tirschenreuth, Mitterteich, Kemnath und Erbendorf sowie den Förderzentren Immenreuth und Tirschenreuth. Erstmals soll es in Wiesau eine Vollzeitstelle sein: "Bei einer Schule dieser Größe geht das nicht mehr in Teilzeit", erklärte Jugendamtsleiter Albert Müller.

Heim kostet mehr

Auch der Jugendhilfeausschuss befürwortete den Antrag. "Wenn es dadurch gelingt, Jugendliche auf korrekte Bahnen zu führen, spart das dem Landkreis auch viel Geld", sagte Landrat Wolfgang Lippert. Ein späterer Heimaufenthalt koste locker schon mal 100 000 Euro im Jahr. Gleichzeitig teilte der Landkreischef die zuvor von Ludwig Spreitzer grundsätzlich geäußerten Bedenken wegen der Folgekosten bei Zuschuss-Projekten (wir berichteten). Denn ein Jugendsozialarbeiter kostet mindestens 40 900 Euro im Jahr, wovon der Freistaat nur 40 Prozent übernimmt. Der Landkreis muss den gleichen Anteil aufbringen und ist als Sachaufwandsträger mit weiteren 10 Prozent dabei, also rund 25 000 Euro.

Bei den Familienstützpunkten ist ebenfalls eine Kofinanzierung des Landkreises vorgeschrieben. Für die geforderte Koordinierungsstelle im Kreisjugendamt wären rund 13 000 Euro (oder zehn Wochenstunden einer sozialpädagogischen Fachkraft) plus Sachkosten nötig, im ersten Jahr also etwa rund 21 000 Euro und später 16 000 Euro.

Bisher haben Mitterteich, Kemnath, Tirschenreuth und Neusorg Interesse bekundet an diesen "niedrigschwelligen" Hilfsangeboten für überforderte Eltern. Die Themenpalette reicht vom sinnvollen Umgang mit Medien über gesunde Ernährung bis hin zur Hilfe bei Trennungen und anderen schwierigen Situationen. Doch im Jugendhilfeausschuss gab es Zweifel, ob diese Stützpunkte die Situation wesentlich verbessern.

Genügend Angebote

"Unterstützungsangebote gibt es doch schon", meinte Ursula Huber, Leiterin des Sonderpädagogischen Förderzentrums Tirschenreuth. "Es ist ein Drama, aber das Angebot wird nicht abgeholt", bedauerte sie die mangelnde Resonanz. "Wir haben in jeder Kommune Familienbeauftragte, das ist noch viel zu wenig bekannt", meinte Sybille Bayer und gab zu bedenken: "Viele Leute haben auch Angst, wenn sie Jugendamt hören."

Geld nicht für Fachleistung

Petra Sommer-Stark verwies auf die Landkreis-Koordinierungsstelle für frühe Hilfen in der Kindheit (Koki). Bernhard Söllner fragte: "Braucht's das eigentlich?" Und Wolfgang Sill verwies auf die Erziehungsberatungsstelle, die seit Jahrzehnten "ohne Antrag, Empfehlung oder Überweisung" zu erreichen sei. Es erfülle ihn schon mit Wehmut, wenn zehn Wochenstunden in die Koordinierung und nicht in die Fachleistung gingen. "Wir würden gerne vor Ort mehr Elternkurse anbieten, aber unsere Dienststunden sind seit vielen Jahren gleich."

Bei der fast einhelligen Ablehnung der Familienstützpunkte hat nun der Konsolidierungsausschuss das nächste Wort. Denn befürwortet hat der Ausschuss gleichzeitig eine Jugendhilfeplanungsstelle, die nach Angaben von Albert Müller seit Jahren unbesetzt ist, obwohl es sich um eine Pflichtaufgabe des Landkreises handle. Laut Sitzungsvorlage wäre das in 9,5 Wochenstunden zu erledigen - in Kombination mit der Familienstützpunkt-Koordination wäre das eine Halbtagesstelle.
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