Das Kaufhaus der kleinen Leute

Wie man Kinderaugen zum Leuchten bringt, wussten die Marketing-Experten der 50er Jahre auch schon.
Lokales
Tirschenreuth
24.12.2014
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Das Wirtschaftswunder machte es möglich. Plötzlich konnte sich in den 50er Jahren auch der kleine Mann seine Träume erfüllen - und sei es nur auf Raten. Des Autors Großmutter hatte da regen Anteil daran.

Wenn ich meine Großmutter Gretl kurz beschreiben müsste, so dürften Eigenschaften wie liebevoll, bescheiden und sparsam nicht fehlen. Sie wurde im Jahr 1900 geboren und arbeitete fast auf den Tag genau 40 Jahre in der Tirschenreuther Porzellanfabrik.

Zusammen mit ihren Eltern lebte sie in einer kleinen Betriebswohnung in der Mitterteicher Straße. Statt der eintönigen Arbeit, täglich Tassen und Teller mit Streu-Blümchen zu bekleben, träumte Großmutter ein Leben lang von einem eigenen Geschäft. Als ihr nach dem zweiten Weltkrieg von der Firma Quelle in Fürth angeboten wurde Sammelbestellerin zu werden, sagte sie spontan zu.

In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann das sogenannte Wirtschaftswunder. Und nach den vielen Jahren der Entbehrungen gab es wieder alles zu kaufen. Wen wundert es, dass auch der "kleine Mann" ein Stück vom großen Kuchen abbekommen wollte. Das Zauberwort hieß damals Ratenzahlung. Diese Zahlungsart bot auch den Kleinverdienern die Möglichkeit, sich so manchen Konsumtraum zu erfüllen.

Kurz vor Weihnachten 1959 verteilte meine Großmutter an ihre Arbeitskolleginnen ein Sonderheft der Quelle mit Geschenkideen für die ganze Familie. Schon nach wenigen Tagen gingen zahlreiche Bestellungen bei ihr ein. Nach Feierabend wurden sie in die Quelle-Formulare übertragen und nach Fürth geschickt.

Nach gut einer Woche brachte dann der Postbote täglich viele blaue Pakete. Bald sah es in der kleinen Wohnung aus wie in einem Kaufhaus. Neben Schlafanzügen und Winterstiefeln stapelten sich Parfümschachteln, Uhren und Spielzeug für Buben und Mädchen. An den folgenden Abenden gaben sich die Mitbesteller die Türklinke in die Hand und holten die Waren ab.

Egal wie hoch der Wert der Bestellung war, man hatte für die Bezahlung ohne einen Preisaufschlag zehn Wochen Zeit. Pünktlich brachten die Mitbesteller einmal in der Woche ihren Ratenbetrag vorbei. Ich habe nie gehört, dass jemand etwas schuldig geblieben wäre.

Meine Großmutter bekam für ihre Arbeit zehn Prozent des Bestellwertes. Für sie ging so der Traum einer selbstständigen Arbeit in Erfüllung. Und unter den Christbäumen der "kleinen Leute" lag so manches Päckchen, das ohne das "Kaufhaus" meiner Großmutter nicht möglich gewesen wäre.
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