Einwanderer einfach aufessen

Einen kleinen Beitrag zum Artenschutz leisteten die Teilnehmer einer besonderen "Rettungsaktion": Bei einem Krebsessen vertilgten sie gut 1000 Stück des unliebsamen Kamberkrebs. Bild: hfz
Lokales
Tirschenreuth
30.11.2015
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Artenschutz ist Handarbeit: Diese Erfahrung machten die Teilnehmer einer besonderen Rettungsaktion. Und die war für die "Panzerknacker-Bande" nicht nur unterhaltsam, sondern vor allem lecker.

Seit vielen Jahren gehen die Bestände des Europäischen Edelkrebs massiv zurück. Ein Hauptgrund dafür sind amerikanische Krebsarten, die sich in unseren Gewässern mehr und mehr ausbreiten. Einen ungewöhnlichen Ansatz zum Artenschutz setzte nun die Arge Fisch in die Tat um: Beim großen Kamberkrebs-Essen verspeisten die Teilnehmer die Eindringlinge ganz einfach.

Doch zunächst begann die Veranstaltung mit einer Besichtigung der Edelkrebszucht von Michael Bäuml. In der Nähe von Bärnau züchtet er mit seiner Familie Europäische Edelkrebse in ehemaligen Forellenteichen. Damit sich die kleinen Raritäten wohlfühlen, ist der Teichgrund mit groben Basaltsteinen verfüllt.

Sollten die Krebse nicht genügend Versteckmöglichkeiten vorfinden, hält sie nämlich nichts an Ort und Stelle. Erst dreijährig sind die Krebse fortpflanzungsfähig, erzählte Michael Bäuml den 35 Teilnehmern der Veranstaltung. Die Begattung findet im Herbst statt, die Weibchen tragen und pflegen dann den ganzen Winter über die befruchteten Eier am Hinterleib. Erst im Juni schlüpft der Nachwuchs.

Viele Feinde

Bei der Haltung in naturnahen Erdteichen werden jedoch gerade einmal aus 20 Prozent der Eier tatsächlich auch kleine Krebse. Bereits beim Schlüpfen sind sie ein Abbild ihrer Eltern, aber aufgrund ihrer geringen Größe leichte Beute für räuberische Insektenlarven, Fische und Einwanderer wie den amerikanischen Mink.

Die größte Gefahr, so der Krebsexperte, seien jedoch die amerikanischen Krebsarten wie Kamber- und Signalkrebs. Einerseits hätten sie bessere Vermehrungsraten und seien auch deutlich wehrhafter und aggressiver. Andererseits tragen sie oft die Krebspest in sich, eine Pilzkrankheit. Während diese den amerikanischen Krebsen nicht schadet, ist sie für die heimischen Flusskrebse zu 100 Prozent tödlich.

In Deutschland gibt es daher nur noch wenige Restbestände von Flusskrebsen in freier Natur. Selbst viele seiner Krebszüchter-Kollegen mussten bereits aufgeben, weiß Michael Bäuml. Seine eigenen, eher abgelegenen Krebsteiche ohne Zulauf aus anderen Gewässern sind bisher von den gefährlichen Amerikanern verschont geblieben. "Aber es kann uns natürlich jederzeit erwischen." Daher betreibt er die Krebszucht mit seiner Familie auch nur im Nebenerwerb, quasi als Hobby, obwohl für Speisekrebse durchaus große Nachfrage da wäre. Bisher ist die Familie auf Besatzkrebse spezialisiert und gibt nur wenige Krebse an Restaurants ab.

Da seine Krebszucht bio-zertifiziert ist und in völlig unbelasteten Gewässern stattfindet, überzeugt er mit Qualität statt Quantität. Deswegen waren die Speisekrebse zur Veranstaltung gerade wieder einmal völlig ausverkauft.

Als "Anschauungsmaterial" hatte Bäuml jedoch jüngere und daher kleinere Krebse in Wannen vorbereitet. Ein paar mutige Teilnehmer trauten sich nach seiner Anleitung sogar, die wehrhaften Krebse in die Hand zu nehmen und näher zu betrachten. Dabei staunten sie nicht schlecht, über die eher dezente braune bis dunkelbraune Farbe der Krebse. "Ihre typische rote Färbung erhalten die Krebse erst durchs Kochen", so Bäuml. Auch einen selteneren blauen Edelkrebs hatte er zu zeigen.

Durch den ersten Wintereinbruch drängte sich den Teilnehmern natürlich die Frage auf, welche Wassertemperaturen für die Krebse angenehm wären. Wie der Experte erklärte, seien kühlere Temperaturen bis um 4 Grad Celsius kein Problem, im Gegenteil: Die Krebse beginnen erst bei einer Temperatur unter 10 Grad mit der Fortpflanzung. "Im Sommer kommen sie kurzzeitig mit Wassertemperaturen bis 26 Grad klar, über mehrere Tage wird das dann aber kritisch." Nach dem informativen Ausflug zur Krebszuchtanlage ging es weiter in die Fischerhütte Wendermühle, wo die Inhaber-Familie Stier bereits alles für das große "Artenschutz-Essen" vorbereitet hatte.

Gabel und Nussknacker

Auf dem Speiseplan standen Kamberkrebse aus Teichen bei Falkenberg und Wiesau. Fischwirtschaftsmeister Stier hatte extra Krebsgabeln und Nussknacker bereit gelegt. Während beim größeren Edelkrebs vor allem das Fleisch aus den Scheren eine Delikatesse ist, ist beim kleinen Kamberkrebs der Schwanz das ergiebigere Körperteil. Geduldig demonstrierte Alfred Stier, wie der Schwanz durch eine Drehbewegung vom Kopf getrennt und anschließend aufgebrochen wird.

Wichtig sei es noch, den Darm zu entfernen - dann steht dem Genuss nichts mehr im Wege. Eifrig machten sich die Teilnehmer dann selbst ans Werk: Mit viel Fingerspitzengefühl rückten sie den amerikanischen Krebsen zu Leibe. Dabei ließ sich nicht leugnen: Krebsessen ist eine mühsame Angelegenheit mit wenig Ausbeute. "Aber," so Stier augenzwinkernd, "wir sind ja nicht zum Vergnügen hier, sondern zum Artenschutz!"

Mit etwas Übung ging das Knacken der Krebse dann allen immer schneller von der Hand. Am Ende verspeisten die Gäste fast 1000 der amerikanischen Eindringlinge - alles zum Schutz des Europäischen Edelkrebses, versteht sich.
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Weitere Informationen im Internet:

http://www.erlebnis-fisch.de
http://www.stiftlandkrebse.de
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