Erfolgskurs auch im Trockenen

Leutnant Werner (Marco Michel) beendet das Stück mit einem Monolog: "Von den 40 000 U-Boot-Männern sind 30 000 im Atlantik geblieben, über die Opfer auf der andern Seite gibt es keine Zahlen".
Lokales
Tirschenreuth
17.11.2015
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Vom Tirschenreuther Publikum ist man gewohnt, dass es die Akteure auf der Bühne für deren geleistete Arbeit mit stehenden Ovationen belohnt. Für "Das Boot" am Samstagabend gab es sie nicht. Und nach der Pause kehrten nicht mehr alle Zuschauer auf ihre Plätze zurück.

An den Protagonisten kann es nicht gelegen haben. Die lieferten durchweg solide bis hervorragende Arbeit ab. Was also war schuld daran, dass sich der Funke zwischen Schauspielern und Publikum nicht in loderndes Feuer verwandelte? Möglicherweise lag es daran, dass das Stück grundsätzlich mit zwei nicht zu unterschätzenden Tatsachen zu kämpfen hat.

Zum einen wird der Hauptdarsteller Hardy Krüger junior wohl immer mit seinem Vater vergleichen, der es zu Weltstar-Status gebracht hat. Dabei hat der nie den "Kaleu" gespielt. Den "Alten" aus Lothar-Günther Buchheims Roman verkörpert Krüger junior absolut glaubwürdig und überzeugend. Im Film, der auf Hollywood-Niveau in den 1980ern schnell zum Blockbuster avancierte, spielte Jürgen Prochnow diese Figur.

Film ausblenden

Damit sind wir beim zweiten Problem, dem das Stück des A.gon Theaters München standhalten muss. Den Vergleich mit dem Kinoerfolg. Und das geht eigentlich gar nicht. Wer "Das Boot" in der Bühnenfassung von Johannes Pfeifer in seiner ganzen Tiefe ermessen will, tut gut daran, den Film auszublenden. Zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach. Wem es aber gelingt, der genießt ein Theatererlebnis ganz besonderer Art.

In etwa 135 Minuten schaffen es die neun Darsteller schließlich auf grandiose Art und Weise, die Zuschauer - im Kettelerhaus waren es etwa 500 - mit ins Boot zu nehmen. Den gut zweistündigen Leidensweg der Crew machten neben Hardy Krüger jr. auch Benedikt Zimmermann (Leitender Ingenieur, LI), Alexander Mattheis (Erster Wachoffizier, 1 WO), Michael Gaschler (Zweiter Wachoffizier, 2 WO), Oliver Kamolz (Bootsmann Lamprecht), Konstantin Gerlach (Funker und Sanitäter Frenssen), Oskar-Wolf Meier (Maschinist Johann), Lukas Leibe (Fähnrich Ullmann) und Marco Michel als Leutnant Werner zum grandiosen Kammerspiel auf höchstem Niveau.

Wichtiges Bindeglied

Als Kriegsberichterstatter fungierte Letzterer als wichtiges Bindeglied zwischen der Crew der rauen Seebären auf der Bühne und dem Publikum. Er verstand es in hervorragender Weise, die zum Verständnis wichtigen Verbindungen zwischen den Szenen, die nicht gespielt wurden, den Zuschauern als Erzähler zu vermitteln. Dazu stand er, der eigentlichen Bühne entrückt im Spot eines Scheinwerfers, während die Szenen im Boot nur schwach illuminiert waren und die anderen Schauspieler im Freeze verharrten.

Ein Vergleich zum Film sei gestattet. Dort haben die Macher weit ausgeholt, um bild- und musikgewaltig den Roman eben ins Blockbuster-Format umzusetzen. Beim Theaterstück sind die Szenen wesentlich komprimierter. Die neun Darsteller schaffen es im kleinen U-Boot auf der Bühne, das im Längsquerschnitt dasteht, die Enge in so einem "eisernen Sarg", wie die Seeleute die U-Boote nannten, zu vermitteln.

Gleichzeitig machen sie die menschlichen Ängste deutlich, die damit einhergehen. Als Zuschauer leidet man mit der Besatzung, spürt förmlich, was im Einzelnen bei den verschiedenen lebensbedrohlichen Vorkommnissen vorgeht, so dass man irgendwann glaubt, nach tagelanger Schleichfahrt, den Mief aus einem Gemisch menschlicher Ausdünstungen, herumkullernden Lebensmitteln, verbrauchter Luft, Diesel und Öl, zu riechen. Genauso wie das Aufatmen, wenn frische Seeluft beim Auftauchen des Bootes durch die geöffnete Luke zur Brücke hereinströmt.

Dabei kommt Bühnenbildnerin Pamela Schmidt ohne einen einzigen Wassertropfen aus. Wenig Lichteffekte in Blau, Rot und Gelb hat Michael Wünsch gesetzt und schafft damit beklemmende Enge, Chaos oder die Suggestion des Blicks auf den nächtlichen blauen Atlantik. Lob auch an den Bühnenbauer, Christian Kern, der das Boot mit vielen Armaturen, einer Funkzentrale, Klo, Offiziersmesse, Schlafkojen und vielen Zeigerinstrumenten ziemlich authentisch ausgestattet hat. Beim großen Tiefenmesser, der immer, wenn er wichtig wird, blau illuminiert ist, funktioniert sogar der Zeiger und bewegt sich beim Tauchgang mit nach unten (rechts) oder oben.

Fantasie beflügeln

Mehr braucht es nicht an technischer Ausstattung, um dieses gewaltige Drama glaubwürdig auf die Bühne zu zaubern. Die Fantasie des Zuschauers zu beflügeln ist die Aufgabe der Schauspieler. Sie zeichnen verantwortlich für die gewaltigen Emotionen des Schauspiels. Wenn sie ihre Sache gut machen, und das haben sie am Samstagabend, dann gehören die Zuschauer zur Crew und gehen am Ende allesamt mit ihnen unter.
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