Flüchtlinge gut aufgehoben

Alfred Schuster: "Sie sind hochmotiviert, anständig und handwerklich sehr geschickt."
Lokales
Tirschenreuth
25.11.2015
26
0

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge - ein bürokratischer Ausdruck für oftmals traumatisierte junge Leute, die aus Kriegsgebieten kommen. Gut 50 Plätze für diese Schutzsuchenden hat der Landkreis bisher geschaffen. Das war nicht einfach, erfuhr der Jugendhilfeausschuss.

Die Verantwortlichen waren seit einem Jahr ständig auf Herbergssuche für die wachsende Zahl, die auch dem Landkreis zugeteilt wurden. "Ich danke dem SOS-Kinderdorf und der Kolping-Ferienstätte Immenreuth, die von heute auf morgen eingesprungen sind", lobte Jugendamtsleiter Albert Müller die Kooperationsbereitschaft unter schwierigen Vorzeichen.

Der Jüngste 12 Jahre alt

Denn die unbegleiteten Flüchtlinge unterlägen nicht dem Asylverfahren, sondern dem Jugendhilferecht: "Sie sind im Grunde zu behandeln wie deutsche Jugendliche." Der Jüngste, der im Landkreis ganz alleine ankam, war 12 Jahre alt. Der Großteil gibt an, 16 bis 17 Jahre alt zu sein. Die meisten Schutzsuchenden kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, Eritrea und Pakistan, schilderte Müller. "Sie haben teilweise dramatische Erfahrungen hinter sich, sind ohne Eltern und Verwandte auf unterschiedlichsten Wegen hierher gekommen." Für die Minderjährigen bleibe das Jugendamt zuständig und müsse einen Vormund benennen. Eine Unterbringung sei nur in entsprechend betreuten Wohneinheiten möglich. "Wir brauchen geeignete Träger, geeignete Räume und Fachpersonal, das äußerst knapp ist."

Auf der Suche nach einer Notunterkunft habe der Landkreis rasch auf die Kolping-Ferienstätte mit entsprechend eingerichteten Zimmern, Küche und Gemeinschaftsräumen zugreifen können, dankte der Jugendamtsleiter. "Und wir haben auf die Schnelle die Kolping-Berufshilfe als Träger gefunden."

Tatkräftige Mitarbeiter

Deren Geschäftsführer Johannes Saalfrank blickte auf turbulente Monate zurück: "Ich danke meinen Mitarbeitern. Ein Großteil hatte heuer kaum Urlaub." Im Sommer seien von heute auf morgen 16 unbegleitete Flüchtlinge unterzubringen gewesen. Nach vier Wochen hätten die Jugendlichen wieder umziehen müssen, weil die Ferienstätte für eine große Reisegruppe anderweitig belegt war. Man fand vorübergehend Unterschlupf im Kolbe-Haus in Wernersreuth und dann in der Jugendherberge Tannenlohe.

Nach den Ferien wurden dann wieder 25 Plätze in Immenreuth frei. Alfred Schuster, sowohl Mitgeschäftsführer der Ferienstätte als auch Leiter des SOS-Kinderdorfs, schilderte im Ausschuss seine Erfahrungen seit Dezember mit den jungen Leuten: "Sie sind hochmotiviert, anständig und handwerklich sehr geschickt." Integration sei sehr wichtig und gelinge ganz gut. "Bleiben die auf dem Land? Die bleiben", schätzte er. Inzwischen habe man gute Strukturen in Immenreuth aufgebaut, bestätigte Johannes Saalfrank. Seine Mitarbeiter sind für die pädagogische Betreuung zuständig.

Aufstehen um 5.30 Uhr

"Die Jugendlichen brauchen eine gesicherte Tagesstruktur", schilderte Saalfrank einen typischen Ablauf: Nach dem Aufstehen um 5.30 Uhr fahren sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Unterricht in die Berufsschule Wiesau. Nach dem Mittagessen folgt die pädagogisch begleitete Zeit für Hausaufgaben und Studien. Vor dem Abendessen gibt es eine Freizeitphase, in die sich teilweise auch Vereine - etwa zum Fußballspielen - einbringen. Ab 22 Uhr beginnt die Bettruhe.

Sprachdefizit ausgleichen

"Am Wochenende lassen wir sie länger schlafen", schilderte der Leiter der Kolping-Berufshilfe. Ausflüge wie zur Ausbildungsmesse nach Kemnath sind eine willkommene Abwechslung: "Viele Firmen haben ein Praktikum angeboten." Natürlich seien die Defizite groß, vor allem bei der ungewohnten deutschen Schrift und Sprache. "Deshalb beträgt die Schulzeit auch zweieinhalb Jahre." Insgesamt, so Saalfranks Eindruck, fühlten sich die unbegleiteten Flüchtlinge in Immenreuth wohl. Das bestätigte Landrat Wolfgang Lippert: "Sie sind hier hervorragend aufgehoben", dankte der Kreischef allen, die sich um die Minderjährigen kümmern.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9610)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.