Funke entfacht Theaterfeuer

Helmut Gmeiner, Josef Schmidkonz, Hans Meißner, Renate Krassler, Johannes Reitmeier, Stefan Malzer, Franz Trottmann, Gabi Härtl, Franz Sommer und Manfred Grüssner (von links) proben im Steigersaal das zweite Bild der Tirschenreuther Passion. Nach dem Fasching geht es auf der Bühne im Kettelerhaus. Bilder: Grüner (2)
Lokales
Tirschenreuth
11.02.2015
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Johannes Reitmeier ist Intendant des Landestheaters Tirol in Innsbruck. Seit 1994 unterstützt er Projekte in Tirschenreuth, zeichnet er für den "Jedermann", "Winsheims Tod" und die "Passion" verantwortlich. Die geht heuer bereits zum fünften Mal über die Bühne.

Seit drei Wochen ist der Autor und Regisseur der Tirschenreuther Passion, Johannes Reitmeier vor Ort im Kettelerhaus und arbeitet mit seinen Schauspielern. Ein strammes Pensum leisten die Beteiligten jeden Tag. Von 9.30 bis 19 Uhr pauken sie im Steigersaal, nach Fasching dann auf der Bühne. Vier bis fünf Stunden dauert es jedes Mal, wenn der Intendant des Landestheaters Tirol von Innsbruck aus herauffährt. Ein ganz schöner Aufwand.

Arbeiten Sie parallel noch an anderen Projekten?

Wenn die Passion läuft, gibt es keine Inszenierungen nebenher. Zumindest keine absichtlichen. Terminplanungen lassen sich nie astrein einteilen. Da kann es schon mal passieren, dass Projekte ineinandergreifen.

Neben der Passion inszeniere ich in meinem ehemaligen Stammhaus im Pfalztheater Kaiserslautern eine Rockoper vom "Jedermann", zusammen mit der Rockband "Vanden Plas". Ein "Jedermann" ganz anders als gewohnt mit einer ganz besonderen Spannung. "Everyman" wird im April uraufgeführt. Das ist neben der Passion premierentechnisch heuer mein einziges Projekt.

In Tirschenreuth sind Sie bekannt und geschätzt. Im Jahr 2000 haben Sie die goldene Ehrennadel, die höchste Auszeichnung der Stadt nach der Ehrenbürgerschaft, bekommen. Hat Sie ihr hiesiges Wirken bei Ihrer Arbeit weitergebracht oder in irgendeiner Form geprägt?

Meine jetzige Arbeit ist die Summe aller Dinge, die ich in den vergangenen 30 Jahren an den verschiedensten Theatern erlebt habe. Ich habe überall dazugelernt. Dabei hat es bei Weitem nicht nur schöne Erfahrungen gegeben.

Es gibt Stätten, die ich kein zweites Mal aufsuchen möchte. Tirschenreuth steht aber eindeutig im oberen Teil auf der Habenseite der positiven Erfahrungen. Das liegt auch daran, dass ich neben einer tollen Theaterarbeit auch echte Freunde gefunden habe. Das passiert keineswegs überall.

Hier habe ich viel über Dialekt und Dialektik gelernt. Ich komme ja selbst aus dem Osten von Bayern. Aber die Mundart dort hat nichts mit der hiesigen zu tun, die ist völlig anders. Mittlerweile kann ich mich im Sinne einer Autorenschaft im Oberpfälzer Dialekt perfekt ausdrücken. Ich bin da so fit, dass ich sogar Einheimische verbessere, wenn ich sage, das stimmt so nicht, das reimt sich in eurem Dialekt doch überhaupt nicht. In Tirschenreuth habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass sich Theater aus dem schieren Nichts aufbauen lässt. Weder "Winsheims Tod", noch die Passion konnten auf langjährigen Traditionen, zum Beispiel auf der eines Theatervereins aufgebaut werden. In dieser Beziehung war hier keine Infrastruktur vorhanden. Aus einer städtischen Initiative ist eine echte Bürgerbewegung geworden.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Der ehemalige Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer und seine Frau Karin haben meinen Namen gegenüber dem damaligen Bürgermeister Franz Fink ins Spiel gebracht. Vorher war ich vielleicht ein oder zweimal in Tirschenreuth.

Ich hätte nie damit gerechnet, hier einmal zu wirken. Fink suchte einen Regisseur für den "Winsheim". Ich kannte die Geschichte nicht. Die Idee, den Stoff auf die Bühne zu bringen, stammt meines Wissens von Max Gleißner. 1994 wurde "Winsheims Tod" uraufgeführt.

Wie kam es dann zur Passion?

Das war ein ausdrücklicher Wunsch von mir. Ich wollte schon immer eine Passion in Mundart inszenieren und konnte mit dem Gedanken auch Bürgermeister Franz Fink begeistern. Der sagte damals: "Dieser Idee bieten wir ein Forum." Durch den "Winsheim" gab es 1997 bereits einen Stamm von Mitspielern und Mitarbeitern. Über die Jahre hat sich das immer mehr erweitert, bis zum vorigen Jahr mit dem "Jedermann".

Ich denke, dass sich aus der gemeinsamen Arbeit auch das moderne Theater formiert hat. Das hat ebenfalls einiges nach sich gezogen - unabhängig von mir. Es hat mit diversen Regisseuren und Spielleitern gearbeitet, hat ganz andere Formen ausprobiert und erfolgreich auf die Bühne gebracht. Der Anfangsfunke hat ein ganz schönes Theaterfeuer entfacht.

Gibt es Ihrerseits weitere Ideen, die Sie in Tirschenreuth verwirklichen wollen?

Das ist schwer zu sagen. Wer mich kennt, weiß, dass ich da sehr spontan bin. Die eigene Zukunft ist schwer zu planen. Ich weiß ja auch nicht, ob es mich noch einmal irgendwo anders hin verschlägt, welche Perspektiven sich für mich auftun, was ist noch möglich, was nicht? Meine Zeit wird leider immer begrenzter statt freier. Das hauptberufliche Engagement nimmt immer breiteren Raum ein.

Deshalb habe ich mich von vielen anderen Dingen bereits verabschiedet. So bin ich nicht mehr Regisseur der Landshuter Hochzeit oder der Straubinger Agnes Bernauer-Festspiele.

Nichts desto trotz, sollte es gelingen, die mittlerweile marode und stillgelegte Tirschenreuther Spielstätte, das ehemalige Kino, mit vereinten Kräften zu neuem Glanz zu führen, es zu kaufen, zu renovieren und als Theater auszustatten. Ich bin gerne bereit, mich dafür einzusetzen. Wenn Fragen von möglichen Zuschussgebern auftauchen, ob es sich lohne hier zu investieren, werde ich gerne entsprechende Expertisen anfertigen.

Was spukt Ihnen aktuell im Kopf herum?

Viele Dinge gleichzeitig. Es war nie so, dass ich mein Leben lang auf die eine Chance gewartet habe. Es haben sich sehr viele Dinge ergeben, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Ich lege mich nicht auf ein bestimmtes Ziel fest. Dazu bin ich zu vielfältig interessiert. Sollte das alte Kino ein neues Theater werden, dann wird mir sicher etwas einfallen, was man darin machen könnte.

Sieht der Zuschauer bei der fünften Passion etwas Neues?

Ich hatte bei den bisherigen Produktionen immer künstlerische Partner an meiner Seite. Die haben auch jedes Mal andere Aspekte der Theaterarbeit mit eingebracht. Antje Adamsson zum Beispiel ist mit ihrer deutlichen Handschrift von Anfang an als Kostümbildnerin in Tirschenreuth dabei.

Im Bereich der Bühneneinstudierung hatte ich ebenfalls Weggefährten, die den Stücken ihre Stempel aufgedrückt haben. Roger Bogarsch oder Andrea Wittstock etwa. Und jetzt Stefan Tilch, Intendant des Landestheaters Niederbayern und mein Nachfolger bei der Landshuter Hochzeit. Ein sehr versierter Regisseur, der im vergangenen Jahr bei den Luisenburg-Festspielen die Comedian Harmonists inszeniert hat.

Mit ihm steigt eine ausgeprägte Künstlerpersönlichkeit ein. Er wird gewiss viele Dinge im Erarbeiteten erkennen, die verbesserungs- und veränderungswürdig sind. Das ist gut so. Damit bleibt ein Stück lebendig. Dadurch lässt sich aus manchen Momenten noch viel mehr herausholen. Wenn man gleichzeitig auch der Autor ist, hat man manchmal vielleicht auch eine falsche Ehrfurcht vor bestimmten Sachen, die man selber geschrieben hat.

Der gewichtigste neue Aspekt in diesem Jahr zeigt sich in einer komplett neuen Musik. Sehr komplex und vollkommen auf das Bühnengeschehen zugeschnitten. Mehr denn je hat Helmut Burkhardt die Auswahl der Stücke und Kompositionen spezifisch genau auf die Oberpfälzer Passion zugeschnitten. Er hat völlig neue Ideen einfließen lassen - sehr interessante. Ich gehe davon aus, dass eine Musik entstanden ist, die stilistisch insgesamt zu dieser Passion am besten passt.

Sie haben mit Ihrer Arbeit überzeugt und Karriere als Autor, Regisseur und Intendant gemacht. Welche Ambitionen gibt es noch in dieser Richtung?

Ich bin für alles offen. Geht meine Laufbahn ohne Brüche über die Bühne, ist auch eine weitere Station drin. Bisher ist immer alles vollkommen anders gekommen, als ich mir das vorgestellt habe. Schon aus diesem Grund steht das alles in den Sternen. Es gehen ebenso viele Türen auf, wie andere zugehen oder nicht aufgehen. Da kann man überhaupt nicht spekulieren.
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