Grenzen und Herzen geöffnet

30 000 Menschen sollen es gewesen sei, die vor 25 Jahren allein am Grenzübergang Waldsassen ins jeweilige Nachbarland wechselten. Geduldig warteten sie, bis sich um 9 Uhr offiziell der Schlagbaum öffnete. Archivbild: Gammanick
Lokales
Tirschenreuth
30.06.2015
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Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und sein Amtskollege Jan Langos (sitzend) bei der Pressekonferenz in Waldsassen. Archivbild: Gammanick

45 Jahre nach Stacheldraht und Todesstreifen fiel auf einmal der Eiserne Vorhang. Zehntausende passierten an jenem 1. Juli vor 25 Jahren die Grenze - zu Fuß, mit dem Radl oder gar im Schubkarren.

Wohl selten hat etwas die Menschen stärker bewegt, als die Öffnung der Grenzen im Jahr 1990. Vorausgegangen waren für den Übergang bei Waldsassen jahrelange gegenseitige Kontakte und Verhandlungen der Politiker und Behörden, die durch die überraschende politische Entwicklung im Frühjahr 1990 schließlich zum Erfolg führten. So mussten auf beiden Seiten auch umfangreiche Vorbereitungen getroffen werden, um den zu erwartenden Ansturm bewältigen zu können.

Um 9 Uhr sollte der neue Übergang bei Heiligkreuz geöffnet werden, aber schon lange vorher drängten Menschenmassen aus beiden Richtungen heran, um ohne Formalitäten in das jeweilige Nachbarland zu gelangen. Nach Schätzungen der Polizei waren an diesem 1. Juli 1990 mindestens 30 000 Grenzgänger unterwegs.

Gegen 9 Uhr gaben der Waldsassener Bürgermeister Hans Schraml und sein Amtskollege Josef Kuja aus Eger den Übergang für den Grenzverkehr frei. Dabei überreichte Schraml seinem Kollegen als Zeichen guter Nachbarschaft Tischflaggen beider Länder. Musikalisch umrahmt wurde die Feier abwechselnd von der Stadtkapelle Waldsassen und von einer tschechischen Kapelle, die sich auf der anderen Seite der Grenze postiert hatte.

Die offizielle Eröffnung folgte dann gegen Mittag mit einer ganzen Reihe hochrangiger Politiker und Repräsentanten, die teils mit Hubschraubern eingeflogen worden waren. Dazu trafen unter anderem Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, sein Amtskollegen Dr. Jan Langos, der erst seit drei Tagen im Amt war, und auch der damalige bayerische Innenminister Dr. Edmund Stoiber ein.

Am Mittag besiegelten Schäuble und Langos im Beisein vieler "Zaungäste" die Errichtung des neuen Autobahnübergangs bei Waidhaus. Das fragliche Abkommen sah ferner den Lückenschluss der Autobahn Paris - Prag vor, wozu auf deutscher Seite noch 50 und auf tschechischer noch 120 Kilometer gebaut werden sollten. Man hoffte dabei auf die Fertigstellung innerhalb von 7 Jahren.

Am Sonntag, 1. Juli 1990, herrschte jedenfalls in den grenznahen Orten in Bayern und Tschechien Ausnahmezustand. Schließlich stand das Grenzland am Beginn einer neuen Epoche. Dabei versicherte man sich gegenseitig, dass "Herzen und Türen offen stehen" und hoffte auf eine gute Nachbarschaft. Am Marktplatz von Eger tummelten sich Tausende bei tschechischem Freibier. Umgekehrt wurde das Waldsassener Bürgerfest zu einem deutsch-tschechischen Volksfest.

Ohne Pass und Visum, dafür aber mit dem Schifferklavier ging es auch in Mähring an den Grenzbeamten vorbei. Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler wurde dabei von der Post-Wirtin Anna Wiesner im Schubkarren über die Grenze geschoben. Bei einer Wahlkampfveranstaltung gut 10 Jahre zuvor hatte der damalige Landesgruppenchef angekündigt, die SPD werde mit ihrer Ostpolitik eine Wiedereröffnung des Grenzübergangs erreichen. Maria Wiesner hatte dagegen gehalten: "Wenns'd des zsambringst, dann foar i di midn Schubkarrn über d'Grenz."

Gemeinsam an einem friedlichen Europa zu bauen, das versprachen sich auch die Offiziellen bei der Eröffnung in Bärnau. Von einem neuen Kapitel in der Geschichte beider Länder war die Rede, als Bürgermeister Josef Stich und seine Kollegin Marie Kuncicka aus Hals symbolisch ein trennendes Band durchschnitten.

Dank der hervorragenden Arbeit der Polizei blieb das befürchtete Verkehrschaos an der Grenze aus. Auf der Straße nach Waldsassen waren an diesem Tag laufend Pendelbusse eingesetzt und viele Radler unterwegs.

In Windeseile hatte man im Frühjahr 1990 bei den Grenzübergängen auch neue Zollämter und Abfertigungsstellen gebaut, die inzwischen alle wieder verschwunden sind oder umgerüstet wurden. War der Übergang Waldsassen-Eger anfangs nur für Fußgänger und Radfahrer ausgelegt, folgte schon nach wenigen Monaten auch die Zulassung für Pkw und später für den Schwerlastverkehr.
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