Guter Geschmack kommt zu Wort

"Ich bau dir ein Schloss, so wie im Märchen. Da wohn" ich mit dir, dann ganz allein" , sang Heintje in den 1970er Jahren. Gebaut hat Emil Schicker seiner Irmi das Schloss im Hintergrund nicht, aber geschenkt. Und nicht mit ihr allein wohnt er darin, sondern mit Tochter Katharina und Enkelsohn David. Bilder: tr
Lokales
Tirschenreuth
21.08.2015
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Wohnsitz eines Fabrikanten oder Landsitz einer Adelsfamilie kommt einem in den Sinn, wenn man die Villa in Tirschenreuth von außen sieht. Betritt man Grundstück und Haus, bleibt der Eindruck bestehen. Doch hier leben ganz normale Leute.

"Nur hier sind wir wirklich zu Hause", sagen Emil und Irmi Schicker, die sich mit Tochter Katharina und Enkelsohn David das kleine Märchenschloss teilen. Vornehm knirscht der Kiesweg im Garten unter den Tritten. Die Parkettböden machen dort, wo sie nicht mit Teppichen belegt sind, eine ähnliche Musik. Ihr Geräusch ist ein dezentes Knarzen, wie man es in einem alten Haus, das noch dazu Denkmal ist, erwartet. Nur wenige Böden sind echtes Parkett, die anderen Laminat.

Eigentlich ist in der Jugendstilvilla von 1905 nichts Originales mehr vorhanden, was Mobiliar und Accessoires betrifft. In den bis zu 3,65 Meter hohen Räumen sorgten in den strengen Stiftländer Wintern einst elf Kachelöfen für wohlige Wärme. Pragmatisch handelten die Vorbesitzer, die sie rigoros per Pickel und Schlegel demontierten. Sie mussten in den Nachkriegsjahren einer modernen Ölheizung mit zentraler Versorgung weichen. Ein Kachelofen findet sich dann doch noch. Aber auch der ist nicht original, stammt aus dem Elternhaus des Vaters des jetzigen Besitzers, aus Mähring. Ein Jugendstilschreibtisch, an dem die Hausherrin ihre Geschichten schreibt, wurde auf einem Trödelmarkt erstanden.

"Wir haben im Laufe der Zeit ein Sammelsurium an schönen Möbeln und Dekorationsstücken zusammengetragen, die hier hereinpassen und miteinander harmonieren", erklärt Irmi Schicker. Die Bibliothek hat die ehemalige Stilmöbelschreinerei "Steiner & Co" maßgeschneidert und der vergangenen Epoche nachempfunden. "Wir lassen einfach immer den guten Geschmack zu Wort kommen, wenn wir uns für ein neues Möbel oder Accessoire entscheiden. Als wir eingezogen sind, war es sehr schwierig an Sachen aus dieser Zeit zu kommen."

Vieles selbst gemacht

Das ist heute viel einfacher. "Aber wir fühlen uns wohl, wie wir es uns eingerichtet haben." Vieles hat Emil Schicker selbst gemacht. "Da hat natürlich schon sehr geholfen, dass wir eine eigene Baufirma hatten." Katharina, die Tochter des Hauses, ist Archäologin. Bis die Lage zu eskalieren drohte, war sie in Syrien an Ausgrabungen beteiligt. Dann kam Sohn David, der bald seinen vierten Geburtstag feiert. "Wir sind alle in der Baubranche verwurzelt", sagt Emil Schicker und spielt dabei auf seine Tochter an, die zusätzlich gerade eine Schreinerlehre absolviert. Ihr älterer Bruder Johannes ist Biologe und arbeitet im Moment im belgischen Gent an seiner Doktorarbeit.

An drei Parteien war die Villa vermietet, bevor das Ehepaar Emil und Irmi Schicker ab 1984 das komplette Bauwerk für sich alleine nutzte. Das sei im Laufe der Zeit ziemlich heruntergekommen gewesen. Gekauft hat das 3500 Quadratmeter große Areal samt Villa 1961 der Bauunternehmer Emil Schicker Senior. Selbst darin gewohnt hat er nie.

Eine Riesenbaustelle

"Es war eine Riesenbaustelle", erinnern sich die heutigen Besitzer, die als erstes im Parterre eine Fußbodenheizung installiert haben, um die hohen Räume effektiv heizen zu können. Die beiden darüberliegenden Geschosse sind mit Heizkörpern ausgestattet. "Stück für Stück haben wir renoviert." Die über zwei Meter hohen Vollholz-Türen haben noch die Originalverglasung. Pro Stockwerk stehen etwa 130 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

Etwa 1000 Quadratmeter umfasst das Gartenareal. Dass die Hausherrin Rosen über alles liebt, ist dort nicht zu übersehen. Nicht von ungefähr ist sie die Mitinitiatorin der "Rosenfrauen", die jedes Jahr ihre Beiträge zum kulturellen Leben in der Stadt beisteuern. Sie hat auch den "grünen Daumen" in der Familie. Geht es um körperlich schwere Arbeiten, ist Ehemann Emil gefragt.

"Wir fühlen uns hier so wohl, dass es uns beinahe schwerfällt, im Urlaub wegzufahren", beschreiben sie die Liebe zu ihrem Zuhause. "Gerade, wenn so ein Sommer ist, wie er sich heuer präsentiert, vermissen wir absolut nichts."
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