Heiratsantrag und Lynchjustiz

Knöcheltiefes Wasser auf dem Sportgelände hält die Kinder nicht ab, um Volleyball zu spielen.
Lokales
Tirschenreuth
30.04.2015
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Es krankt an allen Ecken und Enden. Nach Einschätzung der Entwicklungshelfer Walter Rinderer und Hans Rupprecht ist die Regierung mitverantwortlich, dass im Nagaland nicht wirklich etwas vorwärtsgeht. Sie tun seit Monaten das, was den Leuten dort hilft. Sie vermitteln Hilfe zur Selbsthilfe.

"An die ständigen Stromausfälle habe ich mich gewöhnt. Allerdings ist beim morgendlichen Rasieren die Dunkelheit hinderlich. Das Notstromaggregat läuft nur abends und deckt auch nur einen kleinen Bereich ab, da die Leistung viel zu gering ist. Internetausfälle, bis zu zwei Wochen, sind normal. Nur das Mobilfunknetz ist bestens aufgestellt." So beginnt Walter Rupprecht diesmal seine Eindrücke aus dem Nagaland.

Lynchjustiz in Dimapur

Als er mit Father (Fr.) Sebastian zum wöchentlichen Einkauf nach Dimapur fährt, sind die Geschäfte und Märkte geschlossen. Ein muslimischer Shopbesitzer soll ein Naga-Mädchen vergewaltigt haben. "Auch tagsdrauf sind alle Läden dicht. Wir fahren, trotz Ausgangssperre zurück. Die Stadt ist wie ausgestorben. Überall Militär und Polizei. Die wichtigen Straßen sind gesperrt. Über Schleichwege gelangen wir zur Stadtgrenze. Außerhalb organisieren sich die Massen auf Lastwägen und Pickups."

Am nächsten Tag dominierten reißerische Schlagzeilen die Zeitungen. Der Mob habe das Polizeigebäude gestürmt, den mutmaßlichen Vergewaltiger nackt durch die Stadt geprügelt und am Glockenturm gehängt. "Eine Woche ist jeglicher Internet- und SMS-Verkehr abgeschaltet. Die Unruhen in Dimapur haben sich noch ausgeweitet. Eine Fahrt dorthin ist unmöglich. Wir fahren für zwei Tage nach Mao im Bundesstaat Manipur und sind mit Fr. Vincent, einem "Solarschüler" von Walter verabredet, um die Strom- und Wasserversorgung zu inspizieren. Auf dem Weg zu einer Wasserstelle treffen wir drei ältere Frauen. Wir werden zum Tee eingeladen. Clementina, unsere Dolmetscherin, erklärt mir, dass mich die Älteste der drei heiraten möchte. Auf meine Frage, wie alt sie ist, fängt sie mit beiden Händen zu zählen an. Nach einigen vergeblichen Versuchen sagt sie, dass sie ein Jahr vor Kriegsende geboren wurde."

Brieffreundschaft

Mitte März blieb es nachts dunkel in Zubza: Stromausfall. Es kam aber noch "besser". Das mehr als 20 Jahre alte Notstromaggregat hatte den Geist aufgegeben. Das Wasser war versiegt und die hauseigenen Reserven wurden bereits angetastet. "Am nächsten Tag nehme ich an der Gruppenstunde der Don Bosco Pfadfinder teil. Ich schlage vor, Abfallkörbe aus Bambus für den Schulcampus zu fertigen. Außerdem rege ich eine Brieffreundschaft mit den Eschenbacher Sankt Georgs Pfadfindern an. Ich gehe mit Fr. Samuel und Walter an die Wasserstelle. Wir machen uns vor Ort ein Bild der Situation."

Ein paar Tage später schreibt Hans Rupprecht in sein Tagebuch: "Seit Tagen versuchen wir das restliche, vom Berg kommende, Wasser zu fassen und in geregelte Wege zu leiten. Die Felder sind von tiefen Trockenrissen durchpflügt. Die Kartoffelpflanzen sind völlig ausgebrannt." Hans Rupprecht will mit Spendengeldern aus seinem Heimatort Eschenbach einen Kinderspielplatz anlegen, den ersten im Nagaland. In der Don Bosco Werkstatt in Dimapur hat er mit den Schlossern bereits diverse Entwürfe für Spielgeräte durchgesprochen. Bei einer Brot-Verkaufsaktion in Weisendorf sind 800 Euro zusammengekommen, die in warme Winterdecken investiert werden.

Walter Rinderer war eineinhalb Wochen im Gebiet um Manipur unterwegs. Auch dort ist die Wassersituation katastrophal. "Das Land ist komplett ausgetrocknet. Die Luft so diesig, dass man tagsüber nur noch wenige 100 Meter weit sehen kann. Die Trockenheit schlägt sich auf Augen, Nase und Atemwege nieder."

Am 25 März entschärft ein kurzes regnerisches Gewitter die Situation in Zubza ein wenig. Walter Rinderer ist in Assam unterwegs. Auch dort gibt es kein Wasser mehr. Aus verschlammten Pfützen sammeln die Leute das letzte Nass zum Kochen. Dann regnet es drei Tage jeweils mehrere Stunden. Die Situation entspannt sich. Der Fluss führt wieder Wasser und alle Behälter sind voll. Die Sicht ist klar und die Temperatur fällt von über 30 auf 16 Grad Celsius. Am Palmsonntag stehen der Sportplatz und das umliegende Gelände unter Wasser. Deshalb führt die Palmprozession durch den Ort. Nachmittags regnet es wieder ergiebig, was die Kinder aber nicht abhält, im knöcheltiefen Wasser auf dem Sportplatz Volleyball zu spielen.

Keine Müllentsorgung

"Überall sind die Probleme die gleichen", resümieren die beiden Entwicklungshelfer und machen für vieles was im Argen liegt im wesentlichen eine korrupte Regierung verantwortlich. Die Bevölkerung werde von ihr im Stich gelassen. Zum Beispiel bei der Müllentsorgung. Im ganzen Land sei dabei nichts geregelt. Jeder trenne sich auf seine Art vom Müll. Was geht, wird verbrannt.

Das Gespräch mit einer Ordensschwester macht die Problematik deutlich. Sie hat in den vergangenen Jahren einen riesigen Berg an Glas hinter dem Haus angehäuft. Darunter auch Neonröhren und Energiesparlampen. Als "Sir Walter" und "Sir Hans" sie darauf aufmerksam machen, dass die Lampen hochgiftiges Quecksilber enthalten, entgegnet sie: "Dann muss ich den Müll halt in den Dschungel bringen lassen."
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