In Tschaikowskis Wohnzimmer

Tanja Maria Froidl als Marie bangt im weißen Spitzennachthemd um ihren hölzernen Helden, den Christian Auer in Händen hält.
Lokales
Tirschenreuth
08.12.2014
0
0

In seinem Märchen "Der Nussknacker" verwischt E.T.A. Hoffmann ständig die Grenzen zwischen Realität und kindlicher Fantasie. So entstehen magische Momente, die der Zuschauer vor seinem geistigen Auge komplettiert. 500 ließen sich im Kettelerhaus darauf ein und waren begeistert.

Diese Vermischung der Scheinwelt mit der Realität ist die perfekte Vorlage, um dem Spiel der kleinen Marie, die am Weihnachtsabend einen Nussknacker geschenkt bekommt, Magie einzuhauchen. Was letztendlich zu welcher Kategorie gehört, entscheidet jeder Zuschauer für sich selbst.

Frage nicht gelöst

Auch der Münchner Musik-Künstler Christian Auer und sein Ensemble lösen diese Frage bei ihrer Interpretation im Kettelerhaus nicht auf. Warum auch? Kann es Schöneres geben, als die eigene Fantasie zu beflügeln und mit dem siebenjährigen Mädchen zu leiden, sich mit ihm zu freuen oder zu fürchten?

Spärlich ist das Bühnenbild, besteht lediglich aus einem Klavier, einem Schaukelpferd und einem Bett. Alle Teile leuchten schneeweiß im Scheinwerferlicht. Und da ist noch der Christbaum, der statt mit Kugeln, üppig mit Mausefallen, in denen weiße Schaum-Mäuse eingeklemmt sind, geschmückt ist.

In seinem Märchen, „Der Nussknacker“, verwischt E.T.A. Hofmann ständig die Grenzen zwischen Realität und kindlicher Fantasie. So entstehen magische Momente, die der Zuschauer vor seinem geistigen Auge komplettiert. 500 ließen sich im Kettelerhaus darauf ein und waren begeistert. Bilder von Norbert Grüner



Verschiedenfarbiges Licht mit leicht gelber, warmer Grundstimmung komplettiert die Märchenwelt, die im Wohnzimmer der Familie Pjotr Iljitsch Tschaikowski, dem Schöpfer des gleichnamigen Balletts, angesiedelt ist. Von hier aus tauchen Akteure und Zuschauer gleichermaßen hinein in die fantastischen Geschichten, die sich E.T.A. Hoffmann Anfang des 17. Jahrhunderts ausgedacht hat.

Gemessen an den schauspielerischen und musikalischen Leistungen, allen voran derer von Tanja Maria Froidl, alias Marie, Prinzessin Pirlipat und Mäusekönigin wäre das Stück auch ganz ohne Bühne auskommen. In der Hörbuchfassung tut es das jedenfalls. Froidl überzeugt dermaßen, dass sich das vorgegebene Bühnenbild vor dem geistigen Augen des Zuschauers komplett in dessen eigenen Assoziationen auflöst.

Daran ist aber auch die Musik nicht unschuldig, die Christian Auer zusammen mit Karl-Heinz Hummel geschrieben hat. Auf der Bühne unterstützen zwei Musiker der Extraklasse das Geschehen. Olga Mishula aus Minsk gilt als eine der virtuosesten Künstlerinnen auf der russischen Cymbal. Dasselbe gilt in Bezug auf das Violincello für den Ukrainer Eugen Bazijan, der als einer der wenigen dieses Instrument auch im Jazz einsetzt.

Seine Virtuosität beweist er im Kettelerhaus eindrucksvoll, als er etwa das letzte Drittel vor der Pause nach einem Saitenriss auf drei Stahlfäden zu Ende spielt, ohne dass es aufgefallen wäre. Auer selbst meistert seinen Teil auf dem Klavier genauso bravourös und alle drei zusammen schaffen eine eigene Klangwelt, die von original Klassikstücken aus Tschaikowskis Ballett-Werk und vom gut abgehangenen Blues lebt. Ein klassisch modernes Musical voller Esprit.

Ein Ensemblemitglied fehlt noch - und was für eines. Als Erzählerin, Maries Mutter und Frau Tschaikowski brilliert eine Grand Dame der deutschen Theater- und Filmwelt. Diana Körner ist aktuell an den Hamburger Kammerspielen engagiert und spielt dort in "Jetzt oder nie - Zeit ist Geld", eine der Hauptrollen.

Zu der Schauspielertruppe um Christian Auer ist sie eher zufällig gestoßen, erzählt sie in der Pause in der Garderobe. Als ihre Tochter, Lara Joy Körner, ihren 30. Geburtstag feierte, trat das Ensemble dort auf. Man kam ins Gespräch und so entwickelte sich die Zusammenarbeit.
Weitere Beiträge zu den Themen: Dezember 2014 (1863)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.