Kultur mit dem Schnitzmesser

Ein wichtiges Stück Stiftländer Krippenkunst stellt die Heldmann-Krippe dar. Die Tirschenreuther Krippenfreunde konnten jetzt die "Hochzeit zu Kana" erwerben. Bilder: fiw (2)
Lokales
Tirschenreuth
10.12.2014
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Wenn eine steife Hochzeitsgesellschaft auf laut zechende Gäste trifft, dann ist meist die Stiftländer Krippenkultur schuld. Die Schnitzer vereinen schon mal in einem Bild orientalische Gewänder mit Bürgertracht.

In diesem Jahr haben die Krippenfreunde wieder ein Stück Tirschenreuther Krippenkultur erworben. Es ist "Die Hochzeit zu Kana" aus der Heldmann-Krippe. Nach dem Tod des Kanzleirats und Ehrenbürgers der Stadt, Franz Josef Heldmann (1866-1931), wurde die Krippe unter den Nachkommen aufgeteilt und dadurch eine Aufstellung in ihrer Gesamtheit unmöglich gemacht.

Sie dürfte einmal neben der Musl-Krippe die an Figuren umfangreichste gewesen sein. Die Qualität der Figuren ist wegen ihres Ursprungs allerdings sehr unterschiedlich. Ein besonderes Schmankerl jedoch ist die "Hochzeit zu Kana" mit ihrem Palast und dem Lustgarten mit den Göttergestalten.

Palast restauriert

An der Krippe wurde nichts verändert, lediglich der Palast wurde oberflächlich restauriert und eine Balustrade als Umfriedung der Szenerie angebracht. Der Palast und die Figuren - sie könnten von den Brüdern Josef Hautmann (1813-1891) und Sigmund Stock (1822-1899) sein - stammen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auffallend ist, dass der Palast eine große Ähnlichkeit mit dem Tempel der Schricker-Krippe aufweist. Das Besondere an der ist ja, dass aus dem Tempel durch eine wechselbare Rückwand ein Palais wird.

Im Palast befindet sich die Hochzeitsgesellschaft um Jesu in orientalischen Gewändern. Die anderen Gäste tragen die Tracht des Bürgertums. Diese Unterscheidung findet man bei fast allen Tirschenreuther Hochzeiten. Auch in der Musl-Krippe, der Jäger-, der Spann- und der Mailer-Krippe ist dies so.

Während es in der Hochzeitsgesellschaft eher steif zugeht, wird bei den Gästen gezecht, mit Bier angestoßen und auf ein Würfelspiel vorbereitet. Im Hintergrund wird gerade ein Schwein gevierteilt, ein Rind erschlagen, und an einem Ofen wird aufgekocht. Im Tempel rechts findet das erste Wunder Jesu statt: Das Wasser in den sechs Krügen wird zu Wein verwandelt.

Vor dem Palast, der auch ein Tempel sein kann, ist ein Rokoko-Garten angelegt. Zwischen den mit Lineal angelegten Beeten sind sieben Götterfiguren postiert. Asklepios mit der Schlange, Poseidon mit seinem Dreizack und Herkules. In der Mitte thront Neptun auf einem Hippokamp, einem Tier aus der griechischen Mythologie, halb Pferd, halb Fisch. Diese Art von Herrschaftsgärten findet man nur in Tirschenreuther Krippen.

Sie sind mit großer Wahrscheinlichkeit von der Papierkrippe des Tirschenreuther Kirchenmalers Maurus Fuchs übernommen worden. Auf der linken Seite spielt gerade ein Orchester auf. Es besteht aus sechs Bläsern und zwei Geigern. Die Kleidung mit den Zylindern weist wohl auf die Biedermeierzeit hin. Eine kleine Besonderheit, die in anderen Krippen nicht zu finden ist, ist der Hochzeitslader am Eingang zum Garten.

Verlockendes Gebäck

Franz Heldmann bemerkt in seinem Aufsatz "Hauskrippen im Stiftlande" in der Monatsschrift "Die Oberpfalz" vom Dezember 1931 "... bei der Hochzeit ist in einem schmucken Säulentempel, die von vielen Gästen besetzte Hochzeitstafel mit verlockendem Kleingebäck, Speisen und Getränken. Selbst die besteingerichtete Küche in Miniaturausgabe fehlt nicht, während in der anschließenden Parkanlage sich ein Tisch mit Musikanten postiert. Allerdings stehen diesen nur altmodische Instrumente zur Verfügung".

Die "Hochzeit zu Kana" ist die letzte Szene in den Tirschenreuther Simultankrippen. Sie wird am zweiten Sonntag nach Erscheinung (Epiphanie) aufgebaut und schon zwei Wochen später, zu Lichtmess, mit der gesamten Krippe wieder abgeräumt.

Die Heldmann-Krippe ist im Krippenzimmer des MuseumsQuartiers aufgestellt. Am Sonntag, 14. Dezember , ab 13.30Uhr besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch das Krippenzimmer mit Schwerpunkt Heldmann-Krippe teilzunehmen. An diesem Nachmittag kann man auch den Schnitzern bei ihrem anspruchsvollen Hobby über die Schultern schauen.
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