"Mama Anne" kümmert sich

Annemarie Flögel hat immer ein offenes Ohr für die zahlreichen Fragen ihrer Schützlinge. Seit zehn Jahren begleitet die pensionierte Lehrerin die Asylbewerber am Rand der Kreisstadt und gibt mehrmals die Woche Deutschunterricht. Archivbild: tr
Lokales
Tirschenreuth
15.10.2014
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Zehn Jahre ist es her, seit in der Kreisstadt das Asylbewerberheim eröffnet hat. Der Arbeitskreis Asyl machte es sich damals sofort zur Aufgabe, zu helfen. Die pensionierte Lehrerin Annemarie Flögel begann im Heim das Abenteuer Deutschkurs.

Über die Jahre hat sie viele junge Leute kennengelernt und begleitet. Die Vermittlung von Sprachkenntnissen hat vielen Asylbewerbern eine Zukunft in Deutschland ermöglicht. Begonnen hat alles mit den Kindern, erinnert sich die Pädagogin. Von Anfang an wurden Spielnachmittage und Hausaufgabenbetreuungen organisiert, für die Mittelschüler stellten die Helfer einen Basis-Deutschkurs auf die Beine. Der Bedarf war enorm.

Selbst am Wochenende traf sich eine internationale Schülerschar, um mit Annemarie Flögel die Herausforderungen der deutschen Sprache zu bewältigen. Bereits nach kurzer Zeit erwarben einige Asylbewerber die Mittlere Reife, wechselten auf die Wirtschaftsschule oder sogar aufs Gymnasium.

Einer der ersten Schüler lebt heute in Köln und studiert Medizin. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich am Rhein momentan noch als Taxifahrer. "Bei einem Besuch in Tirschenreuth vergangenes Jahr hat er sich dankbar an die Hilfe erinnert, die er hier bekommen hat", erzählt Flögel.

Kurs für Erwachsene

Um auch einen Kurs für Erwachsene zu ermöglichen, musste sich zunächst in den Schulen etwas ändern. Nachdem aber dort Angebote für die Kinder der Asylbewerber organisiert waren, konnte man auch die Idee der Erwachsenenbildung verwirklichen. In einem kleinen Kursraum trafen sich also Männer und Frauen verschiedenster Herkunft. In ihrer Heimat noch Lehrer, Ärzte oder Studenten, mussten sie in der neuen, ungewohnten Umgebung erst damit beginnen, die Sprachbarriere zu überwinden. Da die Teilnehmer aus Armenien, Äthiopien, Pakistan, dem Iran oder dem Irak stammten, gab es keine wirkliche Verständigungsbasis.

Lehrbücher hatte man nicht, lernte mit einem Mix aus Englisch und ein paar Wörterbüchern. Nur an einer alten Tafel wurden die Ergebnisse festgehalten. Jahre später sponserte der Lions-Club dann einen Projektor, Folien und Spezialstifte. Heute helfen unter anderem Smartphones und Handys im Unterricht. Der stellt auch eine Art Fixpunkt im Leben der Asylbewerber dar. Das Lernen strukturiert den Alltag im Heim. Ihre Lehrerin nennen die Sprachschüler liebevoll "Mama Anne". Sie verhilft den Menschen durch ihre Deutschstunden immer wieder zu kleinen Erfolgserlebnissen. Noch nie, so erzählt die pensionierte Pädagogin, wurde am Ende das "Danke Mama Anne" vergessen.

Erst im Frühjahr hat ein neuer Kurs begonnen. Die Teilnehmer hatten eine geringe oder gar keine Schulbildung, und so waren diese Unterrichtseinheiten auch für Annemarie Flögel eine ganz besondere Herausforderung. Sie musste von null beginnen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Zahlen, Buchstaben, alles war neu für die Asylbewerber. Oft wurde der Unterricht zum Erlebnis. Das Thema Obst etwa wurde spontan auf dem Erdbeerfeld behandelt. Anschließend verarbeitete man die Ernte gleich zu Marmelade, wobei jede Tätigkeit übersetzt wurde.

Aime und Bedasso helfen

Doch damit nicht genug. Auch ein Pflaumenkuchen und ein Obstsalat standen auf dem Stundenplan der Gruppe. Ein jähes Ende fand das spaßbetonte Lernen jedoch Anfang August. "Mama Anne" stürzte mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg vom Kurs und zog sich schwere Prellungen zu. Das verhinderte lange Zeit einen normalen Tagesablauf. Doch es geschah etwas Außergewöhnliches. "Alle meine Schüler haben mir spontan Hilfe angeboten", freut sich die Pensionärin. Ein Ehepaar kümmerte sich sogar um den Haushalt der Verletzten. "Sie haben Staub gesaugt, den Müll hinuntergebracht und alles in Ordnung gehalten", berichtet Annemarie Flögel über den Einsatz von Amie und Bedasso. Sogar warmes Essen hatten sie für ihre "Mama" dabei. Solche Geschichten zeigen, dass der von ihren Schützlingen verliehene Ehrentitel mehr ist als eine leere Worthülse.

Sie blickt voll Freude und Dankbarkeit auf viele schöne Jahre mit ihren Schülern zurück. Aber auch an die Zukunft denkt die ehemalige Lehrerin: "Ich möchte das, wenn möglich, noch lange weitermachen."
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