Mit Camera Obscura im Einsatz

Merian-Kupferstich: Er wurde schon entworfen, ehe der herrschaftliche Schlosskomplex 1633 abbrannte und große Teile nicht mehr aufgebaut wurden.
Lokales
Tirschenreuth
24.11.2015
11
0

Es ist ein interessanter Blick in die Geschichte der Kreisstadt. Der Merian-Stich von "Dürsnreuth" zeigt den Ort Mitte des 17. Jahrhunderts. Doch hat der Künstler historische Tatsachen festgehalten? Ja, ist sich Harald Fähnrich sicher und sieht die Arbeit gar als Stück "gefrorene Zeit".

Viele Leute kennen den Merian-Kupferstich "Dürsnreuth". Manche besitzen ein Original von 1644. Es zeigt, vom Fischhof/Stadtteich aus, die Ostseite der mauerbewehrten alten Stadt. Mit dem verschachtelten Schlosskomplex im Mittelgrund! Inwieweit entspricht dieses Bild historischen Tatsachen?

Bei vergangenen Sitzungen des Historischen Arbeitskreises unter der Leitung von Max Gleißner wurden Zweifel geäußert. "Viel Fantasie dabei." "Gleich drei Wehrtürme im Süden!" "Und dann das Schloss, 1644 ein Phantom!" Schrieben doch die beiden Chronisten Mehler und Brunner, am 17. Mai 1633, fiel es dem "kleinen Stadtbrand" zum Opfer. Das Schloss wurde "nicht mehr aufgebaut" - außer der Fronveste (ehemaliges Polizeigebäude) und dem Zehenstadel (Fatima-Kirche). Nach neuesten Merian-Forschungen wissen wir mehr. Das alte Bild bekommt geradezu fotografische Authentizität. Das hängt mit seiner Entstehung zusammen. Der berühmte Matthäus Merian der Ältere (1593 - 1650) hat den Kupferstich zwar für seine umfangreiche "Topographia Bavariae" erst 1644 geschaffen. Doch die Vorzeichnung entstand früher. Um 1630 war Merian auf Sommerreise in der Oberpfalz. Merian fertigte auf Aussichtspunkten etliche Ansichten von Burgen und Städten. Ungemein realistisch - und geschwind! Er benützte auf der Fischhofbrücke ein hochmodernes Hilfsmittel, ein größeres Holzkästchen. Seine sogenannte Camera Obscura ist Ur-Vorfahre aller modernen Kameras. Erfunden wurde die Lochkamera im arabischen Kulturkreis. Außen, auf dem durchscheinenden Bildschirm zeichnete Merian in Windeseile mit Bleistift die Konturen der Silhouette nach - mit ständigem Blick auf die Realität.

Fast ein Foto

Das Rohbild war fast ein Foto, für uns "gefrorene Zeit": Im Süden drei Wachtürme. Das verschachtelte Schloss - kein Phantom. Die Trennmauer von klösterlichem Schlossareal zum Beginn der repräsentativen Stadtmauer der Bürger ist heute noch vorhanden - am Radlparkplatz! Merian vergaß nahe dort nicht die Schlupftüre in der Stadtmauer. Für Spätheimkehrer! Abzughäuschen am Oberen Stadtteich: An genau dieser Stelle ist heute ein auffälliger Hügel am Stadtrand, ehemals Teichrand. Das wassernahe, große Gerberhaus mit den Arkaden lebte zuletzt als Hausname bis ins 20. Jh. fort: "Berrn-Garber" (Dammstraße).

Im ersten Arbeitsschritt brachte Merian fotografieartige Skizzen nach Hause. In seiner kollektiven Künstlerwerkstatt in Frankfurt am Main ließ er Bleistiftzeichnungen davon anfertigen, der zweite Schritt! Vom kleinen Kupferstich Waldmünchen war 2015 eine solche feine Vorzeichnung zu erwerben - für 1500 Euro. Sie ist sorgfältig in Quadrate eingeteilt. Dritter Schritt, die Quadrate plus Bildelemente werden auf die Kupferplatte übertragen. So entstand der Kupferstich. Heute ist es möglich, diese beeindruckende Ostfront der alten Stadt den Bürgern, Besuchern, Schülern und Touristen zu präsentieren - als öffentliches, großes Panoramabild. Keine andere Stadt hat Vergleichbares.

Als geeigneten Ort empfiehlt der Heimatforscher die renovierte Stadtmauer oder den Fischhofpark. Bedrucktes Acrylglas, etwa drei mal ein Meter, wäre ein geeignetes Material. Kosten laut Fähnrich rund 800 Euro. Die Anregung wird derzeit von der Stadt geprüft.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.