Mit Sack und Pack in eine neue Heimat

Täglich mindestens ein Zug voll mit 1200 Vertriebenen erreichte ab 1945 den kleinen Bahnhof Wiesau. Bis zur Auflösung des Grenzdurchgangslagers sollten dann fast 900 000 Menschen durchgeschleust werden. Die Helfer hier waren froh über jeden, der mehr als die eigentlich von den Vertreibern erlaubten 50 Kilogramm Gepäck bei sich hatte. Das entspannte die Versorgungslage. Archivbild: dpa
Lokales
Tirschenreuth
18.09.2015
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Hose, T-Shirt und Plastiktüte: Wenn Horst Adler die Flüchtlinge heute mit ihren wenigen Habseligkeiten sieht, hat er Kindheitserinnerungen. Die sind 70 Jahre her und ganz schlimm, wenn das Fernsehen wie eben das Drama an den Grenzen zeigt.

"Es ist die Parallelität der Ereignisse", sagt der pensionierte Gymnasiallehrer, den es 1946 ins Stiftland verschlagen hat. Obwohl Asch bei Selb nur wenige Kilometer entfernt ist, hat es acht Wochen gedauert, bis seine Familie über Franzensbad, Leipzig und Berlin zuerst in Wiesau und dann in Tirschenreuth gelandet ist. Dort war das ehemalige Lager des Reichsarbeitsdienstes zu einer Sammelunterkunft umfunktioniert worden. Fünf Jahre lebten die Adlers hier, bis dann Anfang der 50er Jahre ein Eigenheim möglich wurde. "Fünf Familien haben da zusammengelegt und zusammengelebt."

Adler, der Sport und Chemie unterrichtet hat und jetzt den Flüchtlingen etwas Deutsch beibringt, hat auch noch die Flucht vor Augen. "Eingepfercht in Viehwaggons wie Tiere, von Lager zu Lager, ohne ausreichene Verpflegung und medizinische Versorgung und bei katastrophalen hygienischen Verhältnissen." Knapp drei Millionen Menschen wurden aus der Tschechoslowakei abgeschoben. Rund 900 000, ein Drittel also, landeten bis 1952 in Wiesau.

Die mussten versorgt und untergebracht werden. Wie schwierig das war, weiß der heutige Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft aus eigener Erfahrung. Der Vater hat den Flüchtlingskommissar Albert Witzl gefahren und miterlebt, wie Wohnräume requiriert und Flüchtlinge zwangsweise eingewiesen worden sind. Und das ziemlich rigoros, wie einem Schreiben an den Kappl-Wirt zu entnehmen ist: "Ihr Gasthaus wird hiermit als Unterkunftsstätte für Flüchtlinge bestimmt. Im Weigerungsfalle haben Sie mit weiteren Maßnahmen der Militärregierung zu rechnen."

Unerträglich

Dazu muss man sich die Zustände im Grenzlager Wiesau vergegenwärtigen. Jeden Tag fuhr dort ein Zug mit rund 1200 Vertriebenen ein. 70 Rot-Kreuz-Schwestern und 130 andere Helfer betreuten diese Menschen. Oft hausten 20 in einem Raum. Anfang August 1945 warnt Bürgermeister Reinhart die Bevölkerung vor "jedem Neuzuzug von auswärts, gleichviel ob zu Verwandten oder nicht". In der Marktgemeinde, normal 2700 Einwohner zählend, waren ebenso viele Flüchtlinge und weitere 1000 Ausländer untergebracht. "Die Wohnungsnot hat Formen angenommen, die das tägliche Leben der Bevölkerung unerträglich erscheinen lassen." Und das galt auch für die "Versorgungslage auf den übrigen Gebieten des täglichen Lebens".

Bereits im September 1945 gibt das Landratsamt den Bürgermeistern die Anweisung, Flüchtlinge unter allen Umständen durch den Landkreis durchzuschleusen. Auch ohne Pass, oder Registrierung wie heute. Teilweise liegt der Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 23 Prozent. Ende Februar 1946 befinden sich im Landkreis nach einer Aufstellung des Flüchtlingskommissars "rund 15 000 Flüchtlinge, Evakuierte und Vertriebene und 2500 Ausländer".

Außerdem halten sich "immer noch mehrere tausend Flüchtlinge auf, die nicht offiziell erfaßt worden sind". Den Neuankömmlingen sollte vor allem der Westen und Süden der Republik schmackhaft gemacht werden, "da dort immer noch mehr Platz ist als in den Grenzgemeinden".

Im Juli 1946 berichtet Albert Witzl, dass etwa 1200 Flüchtlinge in Lagern, Schul- und Gasthaussälen sowie Bracken und Heimen untergebracht sind, 6000 in "städtischen Behausungen, die übrigen auf dem Lande". Seit Kriegsende seien "durch bauliche Maßnahmen rund 200 Wohnräume" geschaffen worden.

Ungleiche Verteilung

Wenn heute der Freistaat die anderen Bundesländer und Deutschland die anderen Europäischen Staaten in die Pflicht nehmen will, so lässt sich eine ungerechte Verteilung der Flüchtlinge aus einem Schreiben des Grafenauer Landrats an seine Kollegen in Niederbayern-Oberpfalz vom Juli 1946 festmachen. Da spricht er von einer Überbelegung des Regierungsbezirkes, "die unter der fadenscheinigen Begründung erfolgt, dass Niederbayern-Oberpfalz verhältnismäßig wenig Fliegerschaden aufzuweisen hat, die aber ausser acht lässt, dass weite Teile von jeher ausgesprochen überbevölkerte Notstandsgebiete waren, während beispielsweise in Oberbayern und Schwaben grosse Fremdenzimmerreserven zur Verfügung stehen".

Schlimmste Not

Sehr problematisch gestaltet sich die Versorgung mit den "lebensnotwendigsten Gebrauchsgütern". Vor allem die Bestände an Kleidung und Schuhen sind vollständig aufgebraucht. Mit einer Sammelaktion soll die schlimmste Not überwunden werden. Weil es auch an Heizmaterial mangelt, werden die Bürgermeister angewiesen, Wärmestuben für die kalte Jahreszeit einzurichten. "Nachdem die Gastwirtschaften wegen der Unmöglichkeit von Bierverkauf sowieso praktisch geschlossen sind, wolle auf diese Lokale in erster Linie zurückgegriffen werden."

Da hält sich die Begeisterung bei den Einheimischen in Grenzen. Langsam aber wächst das Miteinander, dank auch einer "genialen Starthilfe", wie Horst Adler das Lastenausgleichsgesetz bezeichnet. "Mit neuem Lebensmut gingen die Menschen daran, sich wieder Existenzen aufzubauen". Allein in Tirschenreuth gründen Vertriebene und Flüchtlinge mehr als 60 Geschäfte und Unternehmen und errichten zahlreiche Wohnhäuser. Und sie bringen sich ins gesellschaftliche Leben ein.
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