Nur schauen - nicht anfassen

Fußballbegeisterte bei der Stange halten: Ein Lebendkicker-Turnier gehörte zum Begleitprogramm der DFB-Ehrenrunde-Station in Tirschenreuth. Bild: axs
Lokales
Tirschenreuth
03.06.2015
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Nationaltrainer Jogi Löw forderte persönlich "Höggschde Disziplin" und schickte ein "Hol' dir jetzt den WM-Pokal" hinterher. Doch ganz so einfach war das beim Gastspiel der begehrtesten Trophäe des Weltfußballs in Tirschenreuth dann doch nicht.

Exakt 320 Tage nachdem Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro reckte, hatten auch die Oberpfälzer aus Tirschenreuth und Umgebung Gelegenheit, die knapp 37 Zentimeter große und etwas über sechs Kilo schwere Trophäe zu begutachten. Mehr aber auch nicht. Der ATSV Tirschenreuth hatte sich als Gastgeber der Pokal-Ehrenrunde durch Deutschland beworben und "mit einem schlüssigen und tollen Konzept den Zuschlag erhalten", wie es Vorsitzender Gerd Ernst betonte. Und so pilgerten vor allem Nachwuchskicker aus der Region mit Trainern, Eltern, Großeltern und Geschwistern zum ATSV-Gelände. Was die DFB-Crew dann aber rund um die beiden verbundenen Trucks abzog, sorgte nicht selten für Unmut und Ärger. Vor allem die Eltern und Großeltern mit den Digitalkameras in der Hand waren sauer: Es war weder erlaubt, die Sprösslinge mit dem Pokal zu fotografieren, geschweige denn ihn à la Lahm in die Höhe zu recken.

Im Dunkeln hören

Allgemein war die "Tour" durch die beiden Trucks streng getaktet. 2014 Personen (analog zum Jahr des WM-Titels) wurden in Mannschaftsstärke (jeweils elf Fans) durchgeschleust. Zunächst verschlossen die DFB-Mitarbeiter die Tür und dunkelten den Raum ab. "Sei bereit. Mit höggschder Disziplin", spricht plötzlich Jogi Löw zu den Besuchern. Im Dunkeln erlebte jeder das WM-Finale gegen Argentinien mittels akustischer Einspielungen der größten Tormöglichkeiten und prägnantesten Szenen noch einmal. Nachdem Mario Götze den Siegtreffer erzielt und der Schiedsrichter den Begegnung abgepfiffen hatte, meldet sich wieder Löw: "Jetzt hol' dir den WM-Pokal."

Nun öffnete sich die Durchgangstür zum zweiten Truck und da stand er: der WM-Pokal. In einer Vitrine. Mit mehreren Strahlern visuell in Szene gesetzt. Während alle mit offenem Mund dastanden, erstickte die DFB-Mitarbeiterin aufkommende Gänsehaut sofort im Keim: "Wer ein Foto mit dem Pokal will, bitte vortreten. Jeder hat elf Sekunden Zeit, sich ablichten zu lassen." Der offizielle DFB-Fotograf drückt derweil drauf, was das Zeug hielt, aber der kleine Fan bekam nicht etwa ein Erinnerungsfoto ausgehändigt, sondern lediglich eine Karte mit einem Code sowie einer Internet-Adresse, wo er sich anschließend "sein" Foto mit dem begehrten WM-Pokal herunterladen konnte - ausschließlich für private Zwecke versteht sich. Nach nicht einmal vier Minuten war das Spektakel vorbei und die DFB-Mädels komplimentierten die Besucher wieder nach draußen, während sich im hinteren Truck bereits die Tür für die nächste Truppe öffnete.

Starke Gastgeber

Zumindest das Rahmenprogramm, das ausnahmsweise nicht der DFB, sondern der ATSV Tirschenreuth organisiert hatte, verdiente sich Bestnoten. Menschenkicker, Hüpfburg, verschiedene Trainingsstationen mit umtriebigen ATSV-Trainern und ein großes kulinarisches Angebot. Der gesamte Verein langte zusammen und umsorgte die Pokal-Touristen. Auch wenn nicht alles auf Anhieb klappte, spätestens Chef-Organisator Thorsten Ziegler hatte eine Lösung parat. Es menschelte eben. Im Gegensatz zum kalten und emotionslosen Auftreten der DFB-Truppe. Dabei sollte der WM-Gewinn samt Pokal doch Emotionen wecken.
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