Sabrina Müller geht mit Gedichten zu ihrer psychischen Erkrankung in die Offensive - Äußerlich ...
Oft übernimmt Angst das Steuer

Lokales
Tirschenreuth
07.07.2015
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"Der Feind, der mit mir streitet, der mich schon ewig begleitet, der mir nimmt die Luft, er ist der größte Schuft." Sabrina Müller hat diese Zeilen verfasst. Die junge Frau leidet an einer psychischen Erkrankung. Mit Gedichten wehrt sie sich dagegen.

"Der Feind, der in meinem Köpfchen hockt" steht auf dem Buchdeckel des 76-seitigen Werks von Sabrina Müller aus Tirschenreuth. Das meint die Autorin durchaus wörtlich. Sie hat darin 59 Gedichte aus der eigenen Feder verewigt und einige davon ihrem Todfeind gewidmet.

Nur mit Medikamenten

Eine Abrechnung quasi mit der Krankheit, die sie von Kindesbeinen an quält, und die sie wohl nie verlassen wird. Denn ihre Diagnose beinhaltet den Zusatz: "Chronisch". Akribisch hat sie sich mit den Phänomen auseinandergesetzt.

Poesie als Therapie

Sie erklärt: "Experten gehen davon aus, dass eine genetische Veranlagung vorhanden sein muss." Jedoch führe dies alleine nicht zum Ausbruch der Krankheit. Zudem müssten weitere Faktoren, wie traumatische Erlebnisse, Stress, Drogen- oder Alkoholkonsum, krisenhafte Lebensereignisse und viele andere hinzukommen. "Die Krankheit kann nur mit Medikamenten im Zaum gehalten werden." Im Fall Sabrina Müller wohl ein Leben lang. "Mit Menschen, denen man ansieht, dass sie körperlich behindert sind, können die sogenannten ,Normalen' besser umgehen als mit psychisch Kranken", ist Sabrina Müller überzeugt. "Man sieht mir halt in keinster Weise an, was in meinem Innersten gerade vorgeht", versteht sie dieses Phänomen.

Ängste schleppt sie mit sich rum, die sie unter Kontrolle haben, nicht umgekehrt. Oft ist es so schlimm, dass sie deshalb eine Woche lang das Haus nicht verlassen kann. Ihre Mutter hilft ihr dann, erledigt die Einkäufe und andere Dinge. Die Poesie versteht Sabrina Müller auch als Eigentherapie. In ihren Gedichten verarbeitet sie ein Stück weit ihre Krankheit.

Wie jeder Mensch hat sie ein Mitteilungsbedürfnis. Ihre Gedanken und Gefühle sind feinsäuberlich verpackt in den gereimten Versen. Seit 2007 macht sie das so. Anfangs schrieb sie nur für Bekannte, zu deren Geburtstagen etwa. Heute verarbeitet sie unter anderem ihre angeschlagene Psyche darin. Ihr ist bewusst, dass sie von der Krankheit beherrscht wird und kommt schon alleine deshalb in ihrem Werk immer wieder auf dieses Thema. Das ist ganz normal, denn verewigt nicht jeder Autor auch ein Stück weit sein Seelenleben autobiografisch in seinen Schriften? Im Lauf der Zeit ist so eine Art Best-of-Gedichtsammlung entstanden, mit der Sabrina Müller an die Öffentlichkeit geht. Illustriert hat den Einband ihre Freundin Nadine Rösch. Die 59 Gedichte darin hat die Autorin in neun Kapitel aufgeteilt. In "Krankheit und Selbstbeschreibung" setzt sie sich mit ihrer Situation auseinander. Weitere Kapitel heißen unter anderem, "Liebe, Glaube, Hoffnung, Wünsche, Neuanfang", "Phantasie" oder "Jahreszeiten und Weihnachten".

Musik inspiriert

Je nachdem, wie lange ihre Psyche Konzentration zulässt, entsteht ein Gedicht manchmal innerhalb einer halben Stunde. Für andere braucht sie auch schon einmal bis zu vier Stunden und oft genug, immer dann, wenn die Angst einmal mehr das Kommando übernimmt, ist Zwangs-Schreibpause.

Musik von Xavier Naidoo, Tracy Chapman oder Stevie Wonder inspiriert sie bei der Arbeit. Angstzustände können über Tage, Wochen und Monate Besitz ergreifen. Im letzteren Fall hilft nur ein Klinikaufenthalt. Sabrina Müller lebt von einer Erwerbsunfähigkeits-Rente. Regen Telefon-Kontakt pflegt sie mit ihrer älteren Schwester, die in Darmstadt lebt. "Sie ist für mich eine ganz wichtige Bezugsperson", erklärt sie.

Mut machen

Sabrina Müller will mit ihrem Buch beweisen, dass man auch als kranker Mensch etwas schaffen kann. "Man muss sich seiner Krankheit nicht schämen, man kann ja schließlich nichts dafür. Ich will Menschen, denen es ähnlich ergeht, mit meinem Buch Mut machen. Und wenn ich mich jetzt oute, hilft mir das vielleicht in irgendeiner Weise selbst."
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