Sehnsucht nach Leben in Frieden

Angelika Würner mit ihrem kleinen neuen Freund aus Syrien. Er gehört mit zu den Bewohnern der Notunterkunft in der Dreifachturnhalle am Gymnasium. Bild: privat
Lokales
Tirschenreuth
05.08.2015
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Verängstigte Kinderaugen, fragende Blicke und dann ein glückliches Lächeln: Die Bilder gehen Angelika Würner nicht aus dem Kopf. Nicht nur für die Arbeiterwohlfahrt ist die Kreisgeschäftsführerin engagiert, sondern auch persönlich.

Flüchtlingsarbeit ist Teamarbeit. Die Hilfsorganisationen im Landkreis arbeiten da Hand in Hand. Und die Arbeiterwohlfahrt geht mit gutem Beispiel voran.

Was haben Sie denn so für Erfahrungen aus den ersten Tagen mitgenommen?

Die Bilder gehen uns bis heute nicht aus dem Kopf. Ich sehe die Menschen, spärlich bekleidet, zum Teil ohne Schuhe. Verängstigte Kinderaugen - fragende Blicke. Sehr disziplinierte Menschen. Viele Menschen aus der Bevölkerung hatten Fragen. Es war auch Schulfest im Gymnasium. Ich stand gerne Rede und Antwort, räumte mit Gerüchten auf. Da ging es zum Beispiel um Hygienefragen, Nationalität und ob es ansteckende Krankheiten gäbe. Und ich denke an die hervorragende Zusammenarbeit mit dem BRK und der Caritas. Wir alle bildeten ein gutes gemeinsames Team. Alles lief Hand in Hand. Jeder wusste sofort, was zu tun ist. Mir gefiel das Miteinander.

Was haben die Asylbewerber für Sorgen, mit welchen Problemen kommen sie auf Sie zu?

Viele waren von den Strapazen der Flucht gezeichnet und hatten gesundheitliche Probleme. Wir hatten einen 13-jährigen Dolmetscher dabei. Muhammed lebt schon seit 9 Monaten in Deutschland. Er spricht perfekt Deutsch und half uns, den Ersthelfern vom BRK und den Ärzten. Einige Flüchtlinge sprachen perfektes Englisch. Sie baten uns um Kleidung. Viele hatten nur das, was sie am Leibe trugen. Vor allem fehlte es an Unterwäsche und Schuhen.

Ein langer Weg lag hinter vielen Flüchtlingen. Sie wollten mit ihren Familien telefonieren, sie informieren, dass sie gut angekommen sind. Doch die von daheim mitgebrachten Handys funktionieren hier nicht. Meine Kollegin Jana-Fatma Piontek fuhr mit den Asylbewerbern in einen nahe gelegenen Einkaufsmarkt, um entsprechende SIM-Karten zu kaufen. Und schon war das Gerücht geboren, das Landratsamt habe den Asylbewerbern Handys gekauft. Dem war natürlich nicht so. Und auch die Handy-Karten bezahlten die Flüchtlinge vom eigenen Geld.

Die Arbeiterwohlfahrt im Landkreis hält eine eigene Kraft für die Flüchtlingsarbeit vor.

Ja, am Anfang waren es nur die Fuchsmühler Kontingentflüchtlinge und die Mitterteicher Asylbewerber, die von uns betreut wurden. Dies schulterten meine Kollegin Tatjana Schumacher und ich spielend alleine. Aber wir haben auch noch andere Aufgaben in der Arbeiterwohlfahrt zu erfüllen. Also fing ich an, den Flüchtlingsbereich nach Feierabend, an Sonn- und Feiertagen und während meines Urlaubs zu versorgen. Aber es wurde einfach zuviel.

Also schaltete ich in einer Internetplattform eine Stellenanzeige. Am nächsten Tag stand Frau Piontek bei uns im Büro. Ich dachte mir, oh diese Asylbewerberin kenne ich gar nicht. Schnell klärte sie mich auf und gab mir ihre Bewerbungsunterlagen. Ich las diese mit Begeisterung. Ihr Profil passte perfekt für diese Aufgabe.

Ist es hilfreich, dass Frau Piontek mit Kopftuch in Erscheinung tritt, erleichtert das den Kontakt?

Frau Piontek ist in Chemnitz aufgewachsen, also in Deutschland geboren. Vor 18 Jahren ist sie zum islamischen Glauben konvertiert. Frau Piontek ist ein Segen für uns. Sie kennt sich eben sehr gut mit den Traditionen und Gewohnheiten unserer muslimischen Gäste aus. Durch das Tragen des Kopftuches erntet Frau Piontek überall Respekt und Anerkennung. Leider spricht sie kein Arabisch, aber Türkisch und Englisch - was uns auch sehr hilft.

Die Notunterkunft ist ja nicht die einzige "Arbeitsstelle", um die sich die Arbeiterwohlfahrt kümmert. Wo brennt es sonst noch?

Wir kümmern uns um alle dezentralen Unterkünfte im Landkreis und natürlich auch um die Gemeinschaftsunterkunft der Regierung in Waldsassen. In Tirschenreuth ist die AWO-Ortsvorsitzende Marianne Scheffler ehrenamtlich tätig. Wir sind vor Ort, wenn die von der Flucht gezeichneten Menschen in ihren zugeteilten Wohnungen ankommen.

Mittlerweile haben wir auch zwei geringfügig Beschäftigte, die nur Fahrdienste ausführen, aber auch das ist kaum noch zu bewältigen. Es handelt sich dabei um Fahrten zu Ärzten, Kliniken, türkischen Läden und natürlich zu nahe gelegenen Moscheen oder zu Interviews nach Zirndorf, Deggendorf und München. Wir würden uns freuen, wenn wir noch einige ehrenamtliche Fahrer finden könnten.

Wir arbeiten rein ehrenamtlich. Das heißt wir bekommen für unsere Tätigkeit kein Geld und sind somit auf Spendengelder angewiesen. Wir würden uns freuen, wenn die Zeit von Weihnachten bis Weihnachten nicht so lange wäre, denn da haben wir viele zweckgebundene Spenden erhalten, die zwischenzeitlich fast aufgebraucht sind.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Wie wird sich die Asylproblematik weiter darstellen?

Ich denke, dass auch in Zukunft viele Menschen ihre Heimat und Familie verlassen, um eine Reise anzutreten, von der niemand weiß, wo sie hinführt und ob sie sie überleben, weil sich auch diese Menschen nach einem besseren Leben in Frieden und Geborgenheit sehnen.

Wie kann die Gesellschaft helfen?

Während einige der ärmsten Länder der Welt unter dem Zustrom von Millionen von Kriegsflüchtlingen selbst zu kollabieren drohen, debattieren wir in Deutschland und Europa darüber, wer berechtigt ist, kommen zu dürfen. Wir debattieren, ob es berechtigt ist, dass Asylbewerber aus den sogenannten sicheren Balkanländern zu uns kommen. Ich habe Bilder gesehen, wie die Menschen dort leben und wohnen. Ich war schockiert.

Flucht ist kein Verbrechen, sondern ein trauriges Schicksal vieler Millionen Menschen weltweit. Wir versuchen allen Menschen zu helfen. Ich sage immer: Jeder, der an unsere Tür klopft, wird Hilfe erfahren - egal welcher Nationalität oder Religion. Für uns sind alle Menschen gleich.
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