Spitzbuben und "schwere Jungs"

Im Stadtgefängnis in der Hochwartstraße saßen einmal bis zu 25 Häftlinge ein. Archivbild: pol
Lokales
Tirschenreuth
29.01.2015
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Vor Jahrhunderten ist das Gebäude an der Hochwartstraße errichtet worden, war Fronfeste und Stadtgefängnis. Jetzt wartet es auf eine neue Verwendung.

Was hätte sich in der Stadt Tirschenreuth besser als Gefängnis geeignet, als die ehemalige Fronfeste in der Hochwartstraße. Der Bau aus dem 16./17. Jahrhundert gehörte ursprünglich zum Areal des Tirschenreuther Schlosses und bot Platz für ca. 25 Häftlinge. Die meterdicken Mauern und die Gitterstäbe vor den Fenstern machten ein Ausbrechen unmöglich.

"Hotel Helgert"

Im Eingangsbereich des Gefängnisses befand sich auf der rechten Seite eine kleine Hauskapelle, in der einmal im Monat für die Insassen ein Gottesdienst gefeiert wurde. Wohnräume und eine große Küche schlossen sich an. Weiter befanden sich im unteren Bereich des Hauses zwei Zellen für weibliche Insassen und zwei Zellen für Störenfriede und Betrunkene, die hier ausgenüchtert und nach kurzer Zeit wieder entlassen wurden. Im oberen Bereich waren die Zellen für die "schwereren Jungs". Sie hatten das Vergnügen, die Gastfreundschaft bis zu einem Jahr und länger in Anspruch zu nehmen.

Alle "Spitzbuben" der näheren Umgebung mussten hier "gesiebte Luft" schnuppern. Vielleicht sollt man auch schreiben "durften" hier einsitzen. Wegen der guten Küche und der warmen Zellen wurde das Gefängnis in Ganovenkreisen auch als "Hotel Helgert" bezeichnet. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts bewohnte die Familie Helgert drei Räume im Untergeschoss des Gefängnisses. Vater Helgert war für die Sicherheit und die allgemeine Ordnung im Hause zuständig. Außerdem hatte er für ausreichendes Brennmaterial zu sorgen. Das benötigte Holz holte er mit Hilfe von Häftlingen aus dem nahen Stadtwald. Dazu nahm er nur solche Gefangene mit, die kurz vor ihrer Entlassung standen. Sie wagten es nicht, die greifbare Freiheit wegen eines Fluchtversuches zu riskieren.

Abwasch erledigen

Seine Frau achtete mit zwei Nachbarinnen auf die Sauberkeit im Hause und bekochte täglich bis zu 25 Insassen. Die weiblichen Gefangenen mussten ihr dabei fest zur Hand gehen. Ihre Aufgaben waren Gemüse putzen, Kartoffeln schälen und den Abwasch erledigen. Der Schweinebraten von Frau Helgert, den es einmal in der Woche gab, war berühmt. Viele, die in die Gunst des Genusses kommen mussten, schwärmten noch davon, als sie längst wieder ein braves Bürgerleben führten. Im Frühjahr 1960 wurde das Gefängnis geschlossen und nach Weiden verlegt. Nach aufwendigen Umbauarbeiten zog 1963 die Polizei in das Haus ein. Heute nach über 50 Jahren steht es wieder leer und es bleibt zu hoffen, dass dieses geschichtsträchtige Gebäude bald wieder einer sinnvollen Nutzung zugeführt wird.
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