Starkes Netzwerk schützt Kinder

Sie knüpfen im Koki-Netzwerk hilfreiche Fäden für Eltern und Kinder: (von links) Norbert Meister und Johanna Hauer (Landkreis Neustadt), Marianne Fütterer und Pia Kürschner (Landkreis Tirschenreuth), Brigitte Piper und Andrea Frank (Weiden). Bild: as
Lokales
Tirschenreuth
08.10.2015
62
0

Mit zwei Jahren sprach er erst zehn Wörter. Scheinbar grundlos attackierte er Leute, biss in seinen Teddy, schlug sich selbst. Meist ging er auf Zehenspitzen, die Schuhe scheuerten durch. Ein Fall wie viele und doch wie kein anderer, den die Kinderschutzkonferenz zu hören bekam.

Inzwischen ist der junge Mann drei Jahre alt - und auf einem guten Weg, seine Entwicklungsrückstände aufzuholen. Freilich wird im Leben des früher massiv misshandelten Jungen wohl nie eitel Sonnenschein herrschen. Doch viele Fachleute kümmern sich intensiv darum, dass seine Kindheit nicht völlig misslingt. Dr. Susanne Rinnert, ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) Weiden, führte an einem Beispiel die Arbeit der in der Region noch taufrischen Einrichtung eindringlich vor Augen.

Aufmerksame Zuhörer im Landratsamt waren Sozialpädagogen, Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen, Mitarbeiter der Jugendämter und andere Mitglieder des "Netzwerks frühe Kindheit", an dem die Landkreise Neustadt, Tirschenreuth und die Stadt Weiden seit einigen Jahren gemeinsam stricken. Unter dem Kürzel "Koki" kooperieren die unterschiedlichsten Ansprechpartner, um junge Familien in ihrer Erziehungsverantwortung zu stützen und die Kinder vor Schaden zu bewahren.

Fallzahlen steigen

"Wir sind mit Arbeit eingedeckt, die Fallzahlen steigen", stellte Pia Kürschner für die beteiligten "Kokis" fest. Es sei nicht immer leicht, die genau passenden Hilfen in jedem Einzelfall zu finden. Doch der ländliche Raum, in dem etliche Angebote der Ballungsräume fehlten, habe den Vorteil der kurzen Wege: "Wir kennen uns wesentlich besser." Die Zusammenarbeit über Landkreisgrenzen hinweg sei bayernweit beispielhaft.

Auch der Tirschenreuther Jugendamtsleiter Albert Müller sah die Gemeinschaft gut unterwegs zum Schutz der Kinder. "Die frühen Hilfen werden gut angenommen. Dieses Netzwerk in der Nordoberpfalz ist sehr wichtig."

Gut gelandet in der Region ist nach Ansicht von Dr. Susanne Rinnert auch das SPZ Weiden nach genau einem Jahr Praxis. Nach langen, teilweise gerichtlich ausgefochtenen Kämpfen mit den Krankenkassen bekam die Kliniken AG Nordoberpfalz die Genehmigung, einen weißen Fleck auf der Landkarte zu beseitigen. "Die Eltern sollten nicht weiter als 80 Kilometer fahren müssen", erinnerte die Leiterin an die gesetzliche Vorgabe. Die nächsten Sozialpädiatrischen Zentren in Regensburg und Hof seien weiter weg und hätten lange Wartezeiten. "Es hat uns gebraucht. Es gibt keine Überversorgung. Auch wir haben jetzt schon Wartezeiten von drei Monaten."

Behandlung kostenlos

Das SPZ bietet Hilfe für behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder und Jugendliche. Sie erhalten nahe am Wohnort hochspezialisierte Diagnostik und die notwendigen Therapien. Dem Team gehören Ärzte, Psychologen, Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten an. "Für gesetzlich Versicherte ist die Behandlung kostenlos", klärte die Leiterin auf. "Wir sind keine stationäre Einrichtung, wir haben außer einer Krankenliege kein Bett. Wir sind für Familien mit Kindern da, die eine Entwicklungsstörung haben oder davon bedroht werden."

Das behandelte Alter reicht vom Neugeborenen bis zum fast Erwachsenen. Anders als beim niedrigschwelligen Angebot der "Kokis" ist für das SPZ eine Überweisung vom Kinderarzt nötig. Dr. Rinnert, die von der Uniklinik München nach Weiden kam, hat den Wechsel nach eigener Aussage nie bereut. Sie lobte die enge Zusammenarbeit mit den Netzwerk-Partnern.

Umfangreiche Diagnostik

"Im SPZ ist eigentlich nichts typisch, jeder Tag ist ein Abenteuer", schilderte die Ärztin dann am oben erwähnten Beispiel des kleinen Jungen akribisch die interdisziplinären Behandlungsschritte. Der Bub erhielt nach umfangreicher Diagnostik sowohl psychische als auch physische Unterstützung auf vielen Gebieten. Die "regressiven Phasen", in denen er auf frühere Verhaltensmuster zurückgreift, werden seltener. Seine Obhut in der Pflegefamilie bleibt jedoch dauerhaft, der Kontakt mit den leiblichen Eltern ist gestoppt: Sie erwiesen sich laut Gutachten als nicht erziehungsfähig.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.