Urkunde genau 650 Jahre alt

Das Stadtsiegel aus Bienenwachs, Durchmesser etwa sechs Zentimeter, zeigt auf dem Stadttor den "Herrn Abt". In der einen Hand hält er den Krummstab, Symbol der geistlichen Herrschaft, in der anderen das offene Gesetzbuch, Inhaber der weltlichen Herrschaft. Davor der untertänige "Tirschl", mühsam mit der Hacke rodend. Bilder: fae (3)
Lokales
Tirschenreuth
27.09.2014
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Einen historischen Stichtag für das Stadtjubiläum haben die Verantwortlichen der Feiern übersehen, findet Heimatforscher Harald Fähnrich. Denn der eigentliche Jubiläumstag, der 29. September 1364, jährt sich heute nach 650 Jahren. Was geschah also am Michaelistag 1364?

Das historische Jubelfest 2014 hat also ein festes Datum. "Bürger haben das Recht, darüber Details zu erfahren", gibt Fähnrich hier einen Vorgeschmack auf sein Werk "Stadtgemeinde Tirschenreuth - neue historische Forschungen". Die opulente Neuerscheinung mit Resultaten zehnjähriger Archivarbeit, ehrenamtlich erstellt, wird ab Spätherbst verkauft.

Seit 1864 war bekannt, dass 1364 eine für die Stadt wichtige Urkunde ausgestellt wurde. Doch es waren zwei, wissen Freunde der Stadtgeschichte heute. Und keine beinhaltete die Erhebung des Ortes zur Stadt, wie das Jubiläumsmotto "650 Jahre Stadt Tirschenreuth" suggeriert, bedauert der Heimatforscher.

Huldigung "bei Gott"

Fähnrichs Rückblick führt auf den Abtwechsel im Kloster Waldsassen 1363 zurück. Johannes V. ist geistliches und weltliches Oberhaupt des "Stiftlandes". Untertanen aus den Dörfern und seiner einzigen Stadt haben die Pflicht, öffentlich vor ihm seine Herrschaft "bei Gott" anzuerkennen. "Huldigung" nennt man dies. Bei solch einem Herrscherwechsel wurde 1323 oder 1324 das Dorf Tirschenreuth zur Stadt erhoben - mündlich. Seine Vertreter erfuhren Pflichten und Rechte der Bürger. Vor allem letztere hoben sie über die Bauernschaft im "Gäu" hinaus.

Michaelistag 1364

Wobei gleich von Anfang an den Bürgern beispielsweise das Bierbraurecht mit Schankrecht verliehen worden war. Es war ihnen erlaubt, eine Stadtmauer zu bauen mit dem "äußeren Turm", Vorläufer des heutigen Klettnersturmes. "Die Kommunität der ehrbaren Bürger" hatte von Anfang an moralisch-politisches Gewicht. Als Rechtsperson schlichtete die Ratsversammlung - auswärts - und besiegelte das Ergebnis. Schon 1325 ist solch eine juristische Entscheidung belegt. Doch bald kam es zu Diskrepanzen zwischen Abt und Stadt sowie dem der Stadt verpflichteten dörflichen Umland. Beschluss: Sie sind mit der Huldigung zu klären, und zwar schriftlich.

Erstmaliger Notenaustausch am 29. September 1364: In der Urkunde der Stadt erkennt diese vorbehaltlos die Vorherrschaft des Abtes Johannes V. und ihre städtische Untertänigkeiten an. Die Stadt siegelt diese bedeutsame Urkunde stolz mit ihrem großen Stadtsiegel. Wichtiger für die Zukunft Tirschenreuths ist die Urkunde des Abtes. Ein mächtiger Abt: Das Kloster Waldsassen war damals reichsunmittelbar, ein kleiner Staat im Heiligen Römischen Reich.

Rechte und Pflichten

Einige Stadtrechte und Stadtpflichten sind 1364 erstmals schriftlich festgehalten. Die Urkunde sichert den Tirschenreuther Bürgern etwa 25 bürgerliche Grundrechte zu und pocht auf einige Untertanenpflichten. Auszüge daraus in modernisierter Sprache:

Keine Scharwerkspflicht für die Bürger: Das sind Hand- und Spanndienste für das Stift Waldsassen. Aber vom Scharwerk, das Stadt und Bürgergemeinschaft benötigen, gibt es keine Befreiung (Stadtmauerbau etc.)

Eigentumsrecht: Im Gegensatz zu den Dörflern ("Armleute") freies Verfügungsrecht über den Haus- und Grundbesitz. Grund konnte jeder Bürger vom Kloster außerhalb des Stadtkreises kaufen - wie die Schmelitz-Teiche. Bei Verkauf ist eine Art Grundsteuer an die Kommune fällig. Den "Armen Leuten" gehörte nur das, was sie "fahren und führen" konnten.

Verteidigungspflicht: Sie regelt der Amtmann des Klosters mit den Bürgern; sein Sitz - die Burg. Er bestimmt, welche Bürger "Wehrmann" im Verteidigungsfall werden.

Rechtsschutz: Der Amtmann übt die landesherrliche Gerichtsbarkeit aus im Namen seines Oberherrn, des Abtes. Die Bürger genießen mit Leib und Gut Schutz vor Rechtsmissbrauch seitens der stiftischen Amtleute.

Vererbung: Im Gegensatz zu den "Dörflern" ein weiterer wichtiger Rechtsstatus. Der Erbweg steht dem Bürger zu; freie Verfügungsgewalt über sein bewegliches und unbewegliches Vermögen. Ein Testament wird rechtswirksam, wenn es in Gegenwart des Stadtpfarrers ("Leutpriester") und zweier Ratsherren ausgefertigt ist. Bürger ohne direkte Erben haben die Wahl nach freiem Ermessen; empfohlen werden Verwandte oder die Pfarrkirche als Erbnehmer.

Erbrecht geregelt

Sie erhalten jedoch nur zwei Drittel des Vermögens. Das letzte Drittel verfällt dem Kloster als fromme Stiftung zum Seelenheil des Erblassers und seiner Vorfahren. Gegen diese Passagen erhebt die Stadt langwierigen Einspruch, schließlich erfolgreich. Bei Verstorbenen ohne Erben und ohne Testament teilen sich die Stadtkirche und die Stadt dann das Erbe, Verwendung für Bau- und Reparaturaufgaben.

Noch umfangreicher als das Kapitel Braurecht (siehe Info-Kasten) ist der Passus über die Rechtssprechung. Weitere Details, die zur Sprache kommen: die Steuergerechtigkeit, der Holzbezug und das so wichtige Marktmonopol der Stadt. Das Bauernland muss (!) an den Stadtmärkten hier einkaufen. Das sichert der Stadt Prosperität.

Fast immer botmäßig

Diesem ersten Schriftstück über die Ausformung gewisser Rechte und Pflichten folgen fortan bei jedem Herrscherwechsel weitere. In den beiden Urkunden vom Michaelistag 1364 wird erstmals der privilegierte Rechtsstatus der Stadt und ihrer Bürger schriftlich dar- und ausgelegt. Unverrückbar stand durch Jahrhunderte fest: Die Bürger der Stadt haben dem Stift Waldsassen und den späteren weltlichen Herren immer untertan und botmäßig zu bleiben. Nur einmal werden sie sich dieser Prämisse widersetzen: 1592 - Mord am Vertreter der Obrigkeit, Stiftshauptmann Valentin Windsheim. Mit bekannt verheerenden Folgen für die Tirschenreuther.
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