Vergeben, aber nicht vergessen

Einen Geschichtsunterricht der besonders eindrucksvollen Art erlebten die Schülerinnen der Q11 am Stiftland-Gymnasium mit dem Zeitzeugen Professor Alexander Fried und Schulleiter Georg Hecht (links). Bild: hfz
Lokales
Tirschenreuth
01.07.2015
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70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird es immer schwerer, Menschen zu finden, die diese unglückselige Zeit am eigenen Leibe erfahren haben. Professor Alexander Fried ist einer, der als Zeitzeuge gegen das Vergessen kämpft.

Zwei Oberstufenkurse der Q11 durften kürzlich einen ganz besonderen Gast in ihrem Geschichtsunterricht begrüßen. Professor Alexander Fried, Überlebender des Holocaust, hatte sich spontan bereit erklärt, mit den Jugendlichen über seine Erfahrungen während der NS-Zeit und sein Verhältnis zu Deutschland zu sprechen.

Alexander Fried wurde 1925 in der Slowakei geboren und verlebte dort eine glückliche, behütete Kindheit. Während der NS-Zeit musste er jedoch miterleben, wie Freunde, Verwandte, Familienmitglieder abgeholt und in Konzentrationslager verschleppt wurden. Seine Mutter starb in den Gaskammern von Auschwitz, sein Vater im KZ Buchenwald.

Er selbst kam 1944 ins Lager Sachsenhausen und ist "mindestens zehn oder zwölf Mal mit viel Glück dem Tod ganz knapp entkommen", wie er selbst sagt. Auf einem der Todesmärsche wurde er als 20-Jähriger, ausgemergelt und halb verhungert, bei Crivitz/Mecklenburg von Soldaten der Roten Armee befreit. Das ist jetzt genau 70 Jahre her.

Nach 1945 hat er Medizin, später Geschichte, Literatur und Sprachen studiert. Er lehrte an renommierten Universitäten auf der ganzen Welt, z. B. in Montreal, Tel Aviv, Prag, und war auch Mitarbeiter im Zentralrat der Juden in Deutschland. Bis heute engagiert er sich als Zeitzeuge und kämpft gegen das Vergessen.

Ausgerechnet von einem Kulturvolk wie den Deutschen, die Philosophen wie Kant, Dichter wie Goethe, Musiker wie Beethoven hervorgebracht haben, hätte man es am wenigsten erwartet, dass es zu derartigen Gräueltaten wie in der NS-Zeit fähig wäre. Wie gerne würde man dieses unwürdige Kapitel der deutschen Vergangenheit vergessen und verdrängen. Doch gerade darin liegt die Gefahr einer Wiederholung.

Professor Fried legt eindringlich dar, wie hoch er es den Deutschen anrechnet, dass sie Verbrechen zugegeben und ihre Schuld eingestanden haben. Nur dadurch ist es ihm möglich, bis zu einem gewissen Grad zu vergeben, aber nicht zu vergessen! Darin liege die große Aufgabe der jungen Generation, dafür zu sorgen, dass die Opfer nicht vergessen werden; nur so könne eine bessere Welt entstehen.

Gerne hätten die jungen Leute noch mehr erfahren aus dem beeindruckenden Leben von Professor Fried. Sie kennen die Schrecken der NS-Zeit nur aus dem Geschichtsunterricht, aus Büchern und aus den Medien. Sie fühlen sich nicht wirklich schuldig an dem, was passiert ist. Und sind doch fassungslos, wie man diesem netten Menschen so viel Leid antun konnte. "Wie ist es zu erklären", will ein Schüler wissen, "dass die Deutschen heute wieder zu einer der beliebtesten Nationen gehören?" Wie beeindruckend und wichtig die Begegnung mit Zeitzeugen ist, zeigt die Feststellung einer Schülerin: "Natürlich wissen wir, dass im Holocaust sechs Millionen Juden umgekommen sind, aber so grausam Zahlen auch sind, sie sind unpersönlich. Der Holocaust ist für mich jetzt ein persönliches Schicksal, hat ein Gesicht."

Professor Fried hat hier in Tirschenreuth ein neues Zuhause gefunden, in dem er sich wohlfühlt und wo er am 7. Mai seinen 90.Geburtstag gefeiert hat.
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