Reaktionen auf die Pflegeserie
Pflege nicht auf eine Zahl reduzieren

"Warum soll eine Pflegefachkraft, die Verantwortung für 30 Bewohner trägt, weniger verdienen als ein BMW-Arbeiter, der die linke A-Säule montiert?" Zitat: Egon Gottschalk, Heimleiter
Politik
Tirschenreuth
06.10.2016
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Tirschenreuth/Schwandorf. Die Pflegeserie unserer Zeitung konnte nur einen kleinen Ausschnitt der Sorgen und Nöte, der Stärken und Kompetenzen vieler Tausend Pflegekräfte darstellen. Die Resonanz ist vielfältig: Von der Kritik an der Statistik des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) bis zum Wunsch, die Entwicklung weiter zu begleiten.

Kritisch sieht Holger Schedl, BRK-Kreisgeschäftsführer in Tirschenreuth, Rankings von Pflegeheimen: In der Rangliste des Redaktionskollektivs Corrective auf der Basis von Bewertungen des MDK schneiden die Heime des Landkreises gerade im Vergleich mit ostdeutschen Heimen schlecht ab: "Da steht eine Zahl", sagt Schedl, der vier BRK-Einrichtungen im Landkreis verantwortet, die ich nicht bewerten kann, wenn ich nicht weiß, was dahintersteht." Es sei aufgrund unterschiedlicher Systematiken völlig widersinnig, länderübergreifende Vergleiche anzustellen.

"Die Pflegeschlüssel differieren bei einem 75-Personenhaus wie diesem um bis zu vier Vollstellen", erklärt Schedl. "Dann kann ein Heim in Thüringen natürlich günstiger wirtschaften, aber dementsprechend weniger Personal kümmert sich um die Bewohner."

Das Ringen um Stellen ist eine Wissenschaft für sich: "Man muss bei der Verhandlung mit Bezirk und Pflegekassen den bestmöglichen Schlüssel von 1:2,4 beantragen, dann hat man in Bayern die Möglichkeit, zusätzlich für den Posten "sonstige Dienste" einen Schlüssel von 1:26,4 herauszuholen." Dabei gehe es etwa um Bereichsassistenten, welche die Pflegekräfte durch Telefondienst, Bestellungen, Stadtfahrten oder Terminvereinbarungen entlasteten.

Entlastung ist ein gutes Stichwort: Nicht von ungefähr klagt die Mehrheit der Pflegenden, es gehe zu viel Zeit durch die ausufernde Dokumentationspflicht verloren. Die BRK-Heime haben mit dem Projekt Redu-Dok den Papierkrieg auf das Wesentliche reduziert. "Vorher gab es eine Pflegeplanung von 30 Seiten für jeden Bewohner, die regelmäßig überarbeitet werden musste." Eine Art ständig aktualisierter Biografie mit Problemstellungen und Standards für hinterlegte Lösungsansätze.

"Wir orientieren uns jetzt weniger an Problemen, mehr am Bewohner - was kann er noch, wo hat er Bedarf?" Anstelle von Alltagsprosa träten standardisierte Formulare. "Wir bilden jetzt eine übersichtliche Tagesstruktur auf einer bis vier Seiten ab." Zu Beginn habe es Diskussionen mit dem MDK gegeben. Inzwischen steht fest: Die Bewertungen haben sich durch die vereinfachte Bürokratie nicht verschlechtert. Es bleibt mehr Zeit für die zahlenden Kunden.

Alter Mensch oder A-Säule


Egon Gottschalk, Geschäftsführer des Elisabethenheims in Schwandorf, appelliert an Politik und Gesellschaft, mehr Verantwortung für die Situation in der Pflege zu übernehmen: "Der Gesetzgeber treibt durch die Öffnung für private Heime das Lohndumping voran", sagt der Leiter des kommunalen Tochterbetriebs. "Auf der einen Seite fordern Politiker die Zahlung nach Tarif, andererseits sind sie froh, wenn private Träger deutlich weniger zahlen." Rund 40 Prozent der Bewohner seien Sozialhilfeempfänger - je günstiger das Heim, desto weniger muss der Bezirk zuschießen.

Der finanziert sich über die Landkreise und die die Kommunen, die sich ihrerseits über die Umlagen beschweren. "Die Gesellschaft muss sich im Klaren werden, was sie will", ärgert sich Gottschalk über die mangelnde Anerkennung eines aufopfernden Berufs.

Warum soll eine Pflegefachkraft, die Verantwortung für 30 Bewohner trägt, weniger verdienen als ein BMW-Arbeiter, der die linke A-Säule montiert?Egon Gottschalk, Heimleiter



5 Grade statt 3 StufenIm Kern wolle man sich bei der bevorstehenden dritten Stufe des Pflegestärkungsgesetzes von der Einteilung in Stufen und der damit verbundenen unterschiedlichen Behandlung der Pflegekosten verabschieden. "Der Gedanke einer solidarischen Pflegeversicherung tritt stärker in den Vordergrund", sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Holger Schedl. "Alle zahlen künftig den gleichen Beitrag." Heute ist der Eigenanteil in Stufe 3 höher. Ab 1. Januar werden die Grade 2 bis 5 nivelliert - dadurch zahlt jemand, der bisher in Stufe 1 war und in Grad 2 eingeteilt wird, etwas mehr, der von Stufe 3, der in Grad 5 kommt, etwas weniger. "Für uns macht das Sinn, weil es schwer ist, Angehörigen zu erklären, dass Stufe 1 nicht mehr reicht, und die Kosten deshalb um 150 Euro steigen - das spielt künftig keine Rolle mehr." (jrh)


Dann kann ein Heim in Thüringen natürlich günstiger wirtschaften, aber dementsprechend weniger Personal kümmert sich um die Bewohner.Holger Schedl, BRK-Kreisgeschäftsführer


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