Zeitzeuge Günther Rehbein besucht das Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth
Dunkle Gedanken in eisiger Zeit

Schulleiter Georg Hecht (links) und Annette Schießl mit dem Zeitzeugen Günther Rehbein bei seinem Vortrag am Stiftland-Gymnasium in Tirschenreuth. Bild: hfz
Politik
Tirschenreuth
25.03.2015
35
0

Es dauert nur wenige Tage, um das Leben eines Menschen unerträglich zu machen. Als Günther Rehbein den Gymnasiasten seinen Daumen zeigt, wissen sie warum.

Menschen, die an die unheilvollen Zeiten des Zweiten Weltkrieges und die Not der Jahre danach aus eigenem Erleben erzählen können, werden immer weniger. Das Stiftland-Gymnasium lädt immer wieder Zeitzeugen ein. Diesmal war Günther Rehbein zu Gast. Der heute 82-Jährige berichtete den Schülern von seinen Erfahrungen mit der DDR-Diktatur.

Beginnend mit einem von ihm selbst erstellten Film gab er den Schülern einen Einblick in das Gebäude in Berlin-Karlhorst, in dem er tagelang vernommen wurde. In seinem Buch "Gulag und Genossen - Aufzeichnungen eines Überlebenden", aus dem er den Zuhörern auch vorlas, setzt er sich unter anderem mit seiner Verhaftung 1952 mit gerade einmal 19 Jahren auseinander.

Er sollte angeblich einen Anschlag auf die sowjetische Kommandantur in Gera geplant haben. Während der wochenlangen Verhöre und der Gefangenschaft in einer kleinen Zelle ohne Fenster wurde er geschlagen und gefoltert. Der Wärmeentzug und die Isolierhaft erschöpften den jungen Mann bis zur totalen Entkräftung. Als Rehbein seinen Daumen mit der abgeschnittenen Fingerkuppe zeigte, wurde den Schülern erst richtig bewusst, wie grausam diese Zeit für den Unschuldigen gewesen sein musste.

Aus Angst, dass seiner Familie etwas passieren könnte, unterschrieb er schließlich das für ihn nicht verständliche russische Protokoll mit den falschen Anschuldigungen des Staatssicherheitsdienstes. Danach wurde er von einem sowjetischen Militärtribunal wegen "Diversion, Spionage, Terrorismus und antisowjetischer Hetze" zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Wenige Tage später wurde Rehbein dann mit mehreren Deutschen in die Straflagerregion Workuta nördlich des Polarkreises gebracht. "Nach der Ankunft mussten wir unsere Kleidung abgeben, sie wurde gewaschen. Danach sollten wir sie kochend heiß wieder anziehen. Die Haut wurde rot, wir haben Blasen am ganzen Körper bekommen", berichtete der ehemalige Häftling. In Workuta hatte es bis zu minus 60 Grad, in 40 Lagern mussten zu dieser Zeit 3000 Menschen Zwangsarbeit leisten, darunter 60 Deutsche.

Von 1952 bis 1955 kämpfte sich Rehbein dort durch. "Manchmal quälten mich Suizidgedanken", erzählte er den aufmerksamen Zuhörern. "Es wäre ganz einfach gewesen. Ich hätte mich nur den Stacheldrahtzäunen nähern müssen, dann wäre der tödliche Schuss der Wächter gefallen." Erst Konrad Adenauer sorgte 1955 für die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen, woraufhin auch Günther Rehbein in die DDR zurückkehren konnte. Allerdings hatte seine Frau bereits wieder geheiratet. "Ich konnte es ihr nicht übelnehmen, sie dachte ich sei tot", gestand Rehbein.

1968 wurde der Geraer erneut verhaftet und als Systemkritiker weitere vier Jahre im "Gelben Elend" in Bautzen inhaftiert. Nach dieser grausamen Zeit verfasste er sein Buch, damit seine Geschichte verbreitet und nie vergessen wird.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.