Alkohol bleibt Hauptproblem

Das Tirschenreuther Team mit (von links) Ambulanzleiter Klaus-Georg Bär, der Verwaltungsangestellten Doris Kraus, Psychologin Sabine Frischholz und Dr. Stefan Gerhardinger, Leiter der sozialpsychiatrischen Dienste. Es fehlt die Psychologin Julia Rupprecht. Bild: as
Vermischtes
Tirschenreuth
14.07.2016
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Ob Alkohol oder Cannabis, Crystal oder Glücksspielautomaten: Im Landkreis gibt es alle Arten von Drogen. Entsprechend breit aufgestellt ist die Suchtberatung der Caritas. Mit einer offenen Sprechstunde senkt die Fachambulanz die Hemmschwelle weiter ab.

"Bei uns ist erst mal keiner falsch, hier wird jeder versorgt. Wir richten uns ganz nach dem Bedarf", sagt Dr. Stefan Gerhardinger. Der Weidener Leiter der sozialpsychiatrischen Dienste ist regelmäßig auch in Tirschenreuth vor Ort, wo es seit 1998 eine eigenständige Fachambulanz gibt. Das Hilfsangebot gilt für erwachsene Menschen mit Suchtproblemen jeder Art, deren Angehörige und alle, die sich einfach informieren wollen.

Keine lange Wartezeit


"Einfach mal hingehen", empfiehlt der Diplom-Psychologe. Damit das leichter fällt, gibt es seit Beginn des Jahres eine wöchentliche Sprechstunde ohne Anmeldung. Jeden Dienstag von 14 bis 16 Uhr ist die Fachambulanz in der Ringstraße für Spontanbesucher bereit. "Wir haben aber auch sonst keine langen Wartezeiten", erklärt Klaus-Georg Bär. Der Sozialpädagoge leitet die Beratungsstelle seit 1990. Unterstützt wird er von den Psychologinnen Sabine Frischholz und Julia Rupprecht, die beide neu im Team sind, sowie der Verwaltungsangestellten Doris Kraus. Sie ist seit 1999 dabei und für die meisten Klienten am Telefon oder persönlich die erste Ansprechpartnerin in der Suchtberatung.

Vier-Augen-Gespräche


Bei der offenen Sprechstunde braucht übrigens niemand Angst zu haben, in einer größeren Runde zu landen. "Das sind immer Vier-Augen-Gespräche", versichert Sabine Frischholz. "Alkohol war schon immer das Hauptproblem", blickt Klaus-Georg Bär auf den mehr als 50-prozentigen Anteil dieser Klienten (Info-Kasten) . Synthetische Drogen spielen im Landkreis ebenso eine große Rolle. Crystal und Konsorten führen erschreckend schnell bei den Konsumenten zum körperlichen und geistigen Verfall, wie die Suchtberater feststellen. "Da ist es oft besonders schwer, Termine einzuhalten", sagt Bär. Crystal-Konsumenten brauchten ein offenes Zeitfenster bei Hilfsangeboten, auch zum Wochenende hin. Immer weitere Kreise ziehen auch im Landkreis "Legal Highs", wie die hochgefährlichen, manchmal tödlichen "Kräutermischungen" und "Badesalze" verharmlosend genannt werden. "Da könnte eine neue Herausforderung entstehen." Klassische Drogen wie Heroin spielen nach Einschätzung des Ambulanzleiters keine große Rolle mehr im Landkreis. Allerdings war dieses Opiat ursächlich für den Tod der beiden Drogenabhängigen, die im März in Tirschenreuth ihren Leben gemeinsam ein Ende gesetzt haben. Bär muss bei so einer tragischen Entwicklung noch immer schwer schlucken. "Aber wir können leider nicht jeden retten." Auch das gehört zur Berufserfahrung.

Konkrete Alltagsbewältigung


Damit sich möglichst viele Menschen möglichst früh mit ihrer Sucht auseinandersetzen, gibt es ein neues Gruppenangebot. Im Anschluss an eine stationäre Alkohol-Therapie geht es in den wöchentlichen Treffen um ganz konkrete Alltagsbewältigung. Seit Mai hat die Fachambulanz auch die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit einer Weidener Ärztin eine ambulante Rehabilitation anzubieten. "Da wird genau geprüft, ob der Patient für diese Art der Behandlung auch passt", spricht Klaus-Georg Bär das Programm an, das ein Jahr lang wöchentliche Termine beinhaltet. Ziel bei allen Bemühungen ist natürlich die Abstinenz. "Wir beraten aber völlig ergebnisoffen", betont der Ambulanzleiter. Psychologin Frischholz ergänzt: "Wir zwingen zu nichts." Die Zusammenarbeit mit dem Bezirkskrankenhaus Wöllershof wurde intensiviert. Auch mit vielen anderen Fachstellen ist man eng vernetzt, um in jedem Einzelfall gut helfen zu können. "Je früher jemand kommt, desto besser ist das natürlich. Aber oft dauert es sehr lange, bis der Leidensdruck groß genug ist", weiß Dr. Stefan Gerhardinger - sprich: wenn der Arbeitsplatz in Gefahr, der Führerschein einkassiert, der Partner weg ist. Für umso wichtiger hält der Psychologe eine niedrige Schwelle: "Es ist schon schwer, ein Suchtproblem zu haben und meist noch schwerer, sich helfen zu lassen." Dabei gebe es in der nördlichen Oberpfalz qualifizierte Fachambulanzen für alle Fälle: "Tirschenreuth ist nicht Berlin. Aber es gibt hier die gleiche Problematik."

Von Alkohol und Amphetamin bis SpielsuchtDie Tirschenreuther Fachambulanz der Caritas betreute im vergangenen Jahr 310 Menschen, die meisten davon längere Zeit. In 40 Fällen blieb es beim einmaligen Kontakt. Alkohol ist nach wie vor das Hauptthema in der Fachambulanz. 55,5 Prozent der Ratsuchenden haben mit diesem Stoff ein Problem. Mit 23,3 Prozent folgen illegale Stimulanzien wie Amphetamin. Diese Drogen sind unter Namen wie Crystal Speed, Meth oder Ecstasy gängig. Bei 5,1 Prozent der Personen war Cannabis der Suchtstoff, bei 3,8 Prozent waren es Opioide. Aber auch andere Süchte spielen in der Beratung eine Rolle: 4,2 Prozent kamen wegen pathologischen Glücksspiels, 1,7 Prozent wegen Essstörungen und 0,8 Prozent wegen Medikamentenabhängigkeit. (as)


ÖffnungszeitenDie Tirschenreuther Suchtambulanz ist wie folgt geöffnet: Montag 8 bis 17 und 17.30 bis 20 Uhr, Dienstag 8 bis 12.30 und 13 bis 17 Uhr, Mittwoch 8 bis 17 Uhr, Donnerstag 8 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, Freitag 8 bis 17 Uhr. Gut angenommen wird auch die Sprechstunde in Kemnath am Montag von 8 bis 12.30 Uhr sowie am Donnerstag von 8 bis 12 und 13 bis 17 Uhr. Terminvereinbarungen über Telefon 09631/7989-10. Die Caritas bietet unter www.beratung-caritas.de auch eine Online-Beratung an. (as)


Es ist schon schwer, ein Suchtproblem zu haben und meist noch schwerer, sich helfen zu lassen.Dr. Stefan Gerhardinger
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