Am 3. März 2016 spritzte sich eine 20-Jährige in Tirschenreuth zuviel Heroin und starb
Eine Überdosis Kummer

Die verstorbene 20-Jährige war eine große Tierfreundin. Im Winter hatte sie ihre Freude bei einem Besuch in Gut Aiderbichl. Viel "Schwein" im übertragenen Sinn hatte die junge Frau in ihrem kurzen Leben nicht. Bild: privat
Vermischtes
Tirschenreuth
11.03.2016
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"Was findest du eigentlich an diesem Scheißleben?", fragt Luzia (Name geändert) kurz vor ihrem Tod eine Kollegin. Am 3. März 2016 spritzt sich die 20-Jährige in einer Wohnung in Tirschenreuth eine Überdosis Heroin. Die junge Frau ist damit das fünfte Drogenopfer im Bereich der Kripo Weiden seit Jahresanfang.

Ihre Kollegin berichtet im NT-Interview, wie es soweit kommen konnte. Ein Blick zurück: 2014 kommt das Mädchen als Azubi in ein Tirschenreuther Unternehmen. Luzia ist angenehm, hübsch, hat eine schnelle Auffassungsgabe. Sie ist nicht von hier. Die ältere Kollegin, die schon Jahrzehnte in der Firma ist, nimmt sich ihrer an: "Wir sind durch einen Zufall in Kontakt gekommen." Die 52-Jährige besucht die junge Frau in ihrer Wohnung, "ganz armselig". Eine Matratze lag am Boden. Gemeinsam verschönern sie die Lehrlingsbude. Es entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis.

Mit 12 an Drogen geraten


Luzia erzählt von ihrer Kindheit ("keine schöne"), der Zeit im Kinderheim - und von ihrer Drogensucht. Schon mit 12 nahm sie Marihuana, später Kokain, Heroin. Mit 16 Jahren gelingt ihr ein kalter Entzug. Als sie im September 2014 als 19-Jährige die Lehre in Tirschenreuth antritt, ist sie schon drei Jahre "clean".

Der Schock folgt im Mai 2015. Ein vergleichsweise banales Ereignis wirft Luzia komplett aus der Bahn. Ihre Katze wird überfahren. Bei einem Besuch in Nürnberg trifft sie am Bahnhof eine alte Junkie-Bekannte. "Nur noch einmal" habe sie Heroin nehmen wollen, erzählt sie später ihrer Kollegin. "Und schon hing sie wieder an der Nadel."

Die Oberpfälzerin hatte bis dato keinen Schimmer von "so einem Zeugs". Sie liest sich ein. Zum Suchtberater der Caritas hat sie bald eine "Standleitung". Er schiebt mit an, damit eine rasche Therapie erfolgen kann. Luzia geht auf Entzug in ein Bezirkskrankenhaus und bis Januar 2016 auf Langzeittherapie im Schwarzwald. Die Firma erklärt sich ohne Zögern bereit, ihr eine zweite Chance zu geben. "Es war dann soweit alles ok." Dachte die Kollegin.

Es kommt zum Rückfall. Die 52-Jährige hat die Whatsapp-Nachrichten noch im Speicher. 11. Februar: "Es ist so schwer, stark zu sein." 14. Februar: "Ich hab's wieder genommen." Zur Sucht kommen Suizidgedanken. Ein neuer Freund (33) kommt ins Spiel, den sie von der Therapie kennt. Auch er ist rückfällig und depressiv. "Da hatte ich schon relativ wenig Einfluss auf sie."

In der ersten März-Woche spitzt sich die Situation dramatisch zu. Die 20-Jährige spricht vom "Scheißleben", dem sie "bald ein Ende setzen" werde. Die Kollegin drängt auf einen erneuten Aufenthalt im Bezirkskrankenhaus, notfalls per Zwangseinweisung. Am Montag kontaktiert sie erstmals die Polizei, die sie an das Gesundheitsamt verweist. Schließlich fährt sie Luzia selbst zum Termin, muss aber draußen warten. Die Ansprechpartnerin im Bezirkskrankenhaus sieht keine akute Gefährdung. Ab spätestens Donnerstag könne man aber ein Bett anbieten.

Soweit kommt es nicht mehr. Am Dienstag kündigt Luzia an, es gehe ihr "schon besser". Dann bricht der Kontakt ab. Am Mittwoch fehlt sie unentschuldigt in der Berufsschule. Am Donnerstag versäumt sie einen wichtigen Termin. Bei der Kollegin schrillen alle Alarmglocken. Am Nachmittag fährt sie mit dem Ausbildungsleiter zur Wohnung. Polizei und Feuerwehr öffnen die Tür. Der Rest ist bekannt. Luzia wird tot in den Armen ihres Freundes gefunden. Laut Kripo hat sich das Paar bewusst eine Überdosis Heroin gesetzt.

Warum die Freundin das alles erzählt? Aus zwei Gründen. Zum einen sei sie in den letzten zwei Jahren oft gefragt worden, "warum ich mich mit so einer abgebe": "Weil das ein Mensch ist. Der muss doch irgendwann eine Chance kriegen."

Zu spät reagiert


Zum anderen hadert sie damit, dass Luzia nicht geholfen werden konnte, obwohl sich das Unheil abgezeichnet hatte. Schon ab Montag hatte die 52-Jährige eine zwangsweise Unterbringung erreichen wollen. Bei akuter Selbstgefährdung wäre das ein gangbarer Weg. Stattdessen sei sie von einer Stelle zur nächsten verwiesen worden: von Polizei zu Gesundheitsamt, von dort zurück zu Polizei und Landratsamt, wo sie dann nicht mehr anrief. "Diese Ohnmacht wünsche ich niemandem."

Vorwürfe will sie nicht erheben. "Meiner Bekannten hilft das nicht mehr. Aber vielleicht ist man in Zukunft ein wenig sensibler." Keiner wisse, ob sich Luzia hätte aufhalten lassen. "Es gehören immer zwei dazu: Einer, der hilft. Und der andere, der Hilfe annimmt."
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Ralph Schoeller aus Weiden in der Oberpfalz | 18.03.2016 | 13:05  
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