Amt für Ländliche Entwicklung seit drei Jahren in Tirschenreuth
Zeit des Jammerns vorbei

"Die Herausforderungen der Zeit annehmen - und nicht über den Kopf wachsen lassen", sagt wohl das Kunstwerk im Amt für ländliche Entwicklung in Tirschenreuth. Behördenleiter Thomas Gollwitzer und Pressesprecherin Huberta Bock sind guten Mutes, dass sich die Verlagerung des Amts letztendlich erfolgreich gestaltet. Bilder: Fütterer (3)
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Tirschenreuth
08.07.2016
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"Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist gut." Zitat: Horst Wiesinger, Vorsitzender des Personalrats am ALE

Einmal lief die Behördenverlagerung nicht von Nord nach Süd, sondern von Süd nach Nord, und schon hagelte es wütende Proteste. Vor drei Jahren siedelte das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) von Regensburg nach Tirschenreuth um. Dem Charme der Provinz erlagen inzwischen die aufgeregtesten Gemüter.

In den düstersten Farben malten damals - nicht nur die direkt Beteiligten - die Folgen des Exodus vom propper-pulsierenden Regensburg in die Nordoberpfalz aus. Wo sich angeblich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, nahmen sich mehr als 20 Beschäftigte (einschließlich einer vierköpfigen Männer-WG) preiswerte Zweitwohnsitze.

Mehrere ALE-Mitarbeiter erwarben komplette Häuser in Tirschenreuth und staunten über die im Vergleich zum teuren Regensburg günstigen Kosten. So wie Karsten Heßing. Der 45-Jährige erstand für seine vierköpfige Familie ein Haus in der Nähe des Landratsamts. "Als gebürtiger Niedersachse hatte ich nicht die Verbindung zu Regensburg." Seine Familie sei zwischenzeitlich in Tirschenreuth nicht nur angekommen, sondern durch ihre Zugehörigkeit zu Sport- und Kegelverein "mittendrin". Andere Beschäftigte, etwa ein Dutzend, kauften sich Immobilien in Weiden und bilden heute Fahrgemeinschaften nach Tirschenreuth.

"Man hat sich mit der Situation arrangiert. Die Zeit des Jammerns ist vorbei", betont Behördenleiter Thomas Gollwitzer; auch Personalratsvorsitzender Horst Wiesinger lobt die "gute Stimmung". Den von Montag bis Donnerstag eingesetzten Kleinbus von Regensburg nach Tirschenreuth nutzen deshalb im Schnitt nur noch "vier bis 14" Fernpendler. Zu ihnen gehört ALE-Chef Gollwitzer. Er steht jeden Morgen um 5.15 Uhr auf, um 6.15 Uhr fährt pünktlich der Bus unweit der alten Behörde auf der Autobahn A 93 nach Tirschenreuth; Ankunft 7.30 Uhr. Um 17.15 Uhr geht es wieder zurück. Ein langer Arbeitstag in einem festen Schema: Kein Wunder, dass die Akzeptanz "bescheiden" (Gollwitzer) ausfällt. "Das Pendeln ist ein Auslaufmodell."

Weit mehr angenommen wird die Möglichkeit zur Telearbeit an einem Arbeitstag in der Woche. Das ALE richtete seinen Beschäftigten dafür hochfunktionale Home-Office-Plätze ein. Personalratsvorsitzender Wiesinger spricht von einer "großen Erleichterung". "Gerade Vorbereitungs-, Protokollierungs- und Prüfarbeiten lassen sich bestens von Zuhause aus erledigen", sagt Gollwitzer. Dazu kommen die vielen Außentermine, die sich nicht selten mit dem Wohnort kombinieren lassen.

42 Neueinstellungen


Das ALE schrumpfte von 143 Mitarbeitern im Juni 2013 auf heute 131. Nach Auskunft von Pressesprecherin Huberta Bock gingen mehr als 80 Beschäftigte in den (Vor-)Ruhestand, viele wechselten zur Stadt Regensburg, in den Schulbereich oder "verwandte" Behörden. Seit 2013 kam es gleichzeitig zu 42 Neueinstellungen. Über die Hälfte der ALE-Mitarbeiter hat den Wohnsitz in der Region, vor allem in den Räumen Tirschenreuth und Weiden. War das ALE vor kurzen mit einem Durchschnittsalter von 56 Jahren das älteste seiner Art in Bayern, gehört es jetzt mit durchschnittlich 42 Jahren zu den jüngsten. Gollwitzer verhehlt nicht, "dass durch die Verlagerung viele ältere, erfahrene Mitarbeiter unser Amt verlassen haben". Wissen ersetze schließlich nicht den großen Erfahrungsschatz. "Aber wir sind auf einem guten Weg." Da die "Wurzeln" des ALE im "Land-Management" liegen, finden sich unter den Beschäftigten viele Vermessungsingenieure und -techniker, Bauingenieure, Landschaftsplaner, aber auch Landwirte, Juristen und Mediengestalter.

Drei Öko-Modellregionen


Das für die Oberpfalz zuständige ALE unterstützt und begleitet mit knapp zehn Millionen Euro Fördermitteln jährlich die Entwicklung der ländlichen Gemeinden (vom Dorfladen bis zum Dorftreff), nimmt sich der Flur-Neuordnung (früher Flurbereinigung) und der Dorferneuerung an. Einen Arbeitsschwerpunkt bilden die Öko-Modellregionen; von zwölf in Bayern liegen drei in der Oberpfalz: die Steinwald-Allianz, das Amberg-Sulzbacher Land und der Landkreis Neumarkt. Bei der Flur-Neuordnung gilt heute die Überschrift "Die ökologische Situation soll besser sein als vorher" (Gollwitzer): Die schlimmen Fehler der 60er und 70er Jahre, als die Fluren regelrecht ausgeräumt wurden, sollen sich nicht wiederholen. Ein Anliegen bedeutet es dem ALE-Chef, bei Struktur-Maßnahmen von Anfang an die Betroffenen mitzunehmen. Durch die sogenannten "Flur-Werkstätten" sank die Widerspruchsquote von mehr als zehn auf heute weniger als drei Prozent.

Eine Herausforderung stellt auch der anhaltende Strukturwandel in der Landwirtschaft dar: Allein von 1999 bis 2010 verringerte sich die Zahl der bäuerlichen Betriebe in der Oberpfalz von 19 357 auf 12 282. In Bayern gaben zwischen von 2010 und 2013 gut 5200 Bauernhöfe auf. Gollwitzer: "Immer weniger Landwirte bestellen die gleiche Fläche."

Standort 50 Jahre sicher


Mittelfristig könnte das ALE in Tirschenreuth Verstärkung erhalten: In Nachbarschaft ist für den (noch) in Regensburg sitzenden Verband für ländliche Entwicklung mit 20 Beschäftigten ein Grundstück reserviert. Als Folge einer Prüfung durch den Obersten Rechnungshof wird derzeit die Aufgaben- und Personalstruktur der Verbände für Ländliche Entwicklung durch eine ministerielle Arbeitsgruppe überprüft. "Jedenfalls gehe ich fest davon aus, dass unser Standort die nächsten 50 Jahre sicher ist", meint schmunzelnd Behördenchef Gollwitzer.

Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist gut.Horst Wiesinger, Vorsitzender des Personalrats am ALE


Meine Familie ist zwischenzeitlich in Tirschenreuth nicht nur angekommen, sondern mittendrin.Karsten Heßing, ALE-Mitarbeiter, kaufte sich im März 2013 ein Haus in Tirschenreuth
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