„Blinde“ Tipps aus dem Kloster

Ob heute Abend eher die Deutschlandfahnen wehen - wie hier bei der WM vor zwei Jahren - oder die französische Trikolore? Die Tippgeber im Stiftland sind sich da nicht einig. Archivbild: Grüner
Vermischtes
Tirschenreuth
06.07.2016
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Egal, ob Deutschland oder Frankreich gewinnt: Der kleinen Norah ist jedes Ergebnis recht. Die Tochter einer Tirschenreutherin und eines Franzosen hat schließlich beide Staatsbürgerschaften. Bild: privat

Deutschland gegen Frankreich - dieser Fußballklassiker verspricht besondere Spannung. Auch im Stiftland werden überall Beamer angeworfen, Fernseher eingeschaltet und Deutschlandfahnen ans Auto montiert. Einige Zuschauer haben spezielle Beziehungen zur Gegenseite.

(axs/ws/pz) "Die Mannschaft" fordert die "Équipe tricolore" heute im Halbfinale der Europameisterschaft. Wenn der Italiener Nicola Rizzoli die Partie in Marseille um 21 Uhr anpfeift, werden Millionen Fans in beiden Ländern bangen, mitfiebern und hoffen. So auch in der Region, wo einige gute Kontakte ins Nachbarland bestehen.

Eher entspannt werden die gebürtige Tirschenreutherin Sina Gleißner und ihr französischer Mann Mickael Loyer den Fußball-Abend verbringen. Freilich ist Mickael ein Fan seiner Équipe tricolore, doch herrscht in der Familie eher gelöste Stimmung. Gattin Sina ist nämlich überhaupt nicht vom Fußball-Fieber angesteckt. Die junge Mutter gibt sich da eher großherzig, wäre auch mit einem Sieg der Franzosen einverstanden.

Herz für Deutschland


Ja, angesichts der Probleme mit den Hooligans während der EM wäre den Gastgebern ein positives Erlebnis durchaus zu vergönnen, findet sie. Und Töchterchen Norah wird auch am heutigen Fußball-Abend für Mama Sina die Hauptrolle spielen. Für die bald Zweijährige wäre die Entscheidung freilich ungleich schwerer, verfügt sie doch über die deutsche und französische Staatsbürgerschaft. Besondere Beziehungen zu Frankreich hat Peter Gold . Der stellvertretende Bürgermeister der Kreisstadt ist seit Jahren aktiv in der Pflege der Städtepartnerschaft mit La Ville du Bois und hat einige Bekannte im Nachbarland. Er weiß: "Die Stimmung in Frankreich ist gut, weil die Mannschaft noch im Turnier ist." Bisher stand er nach jeder Partie im Austausch im Freunden: "Es wurden immer Freundlichkeiten ausgetauscht."

Das "Bravo, les bleus" möchte Gold heute Abend aber keinesfalls zu hören bekommen. "Jeder unterstützt seine Mannschaft, in meiner Brust schlägt in erster Linie das deutsche Herz", prognostiziert er. Auf die Frage nach dem Ergebnis antwortet der Frankreich-Freund zuversichtlich: "Wir gewinnen 3:1 und Thomas Müller schießt zwei Tore." Ein wenig anders schätzt Gottfried Beer , Marketingleiter bei der Hamm AG, den Spielausgang ein. Er selbst nennt Frankreich seine zweite Heimat und besitzt auch ein Haus dort. "Ich kenne viele Leute und wir haben vor dem Spiel oft telefoniert", verrät er. Seinen Erfahrungen nach hat der Fußball in Frankreich nicht ganz den Stellenwert wie in Deutschland, trotzdem schaut natürlich das ganze Land auf das Halbfinale.

Kontakt mit Nachbarn


"Mit meinen Nachbarn schreibe ich zahlreiche lustige Nachrichten", sagt Beer. Dabei ist er selbst in einer kuriosen Situation: "Ich glaube, dass Frankreich gewinnt, meine französischen Bekannten setzten aber auf Deutschland." Allgemein hat sich der Kontakt Beers zu seinen Freunden im Nachbarland durch das Spiel noch verstärkt und er wird das Spiel privat verfolgen, um im Fall eines Tores schnell zum Telefon greifen zu können.

Huberth Rosner , der Jugend- und Sportbeauftragte der Kreisstadt, fiebert dem Spiel entgegen: "Heute Abend ruht die Städtepartnerschaft." Er sieht die DFB-Elf als Favoriten: "Frankreich liegt uns, bei der WM 2014 haben wir sie auch geschlagen." Das deutsche Team hat seiner Meinung nach genug junge, talentierte Spieler, um die Verletzungssorgen zu kompensieren. Ausschlaggebend für einen Erfolg ist für Rosner, der selbst lange Fußball gespielt hat, die Besinnung auf die eigenen Stärken. "Wir brauchen uns keinem Gegner anpassen", sagt er selbstbewusst. Sein Tipp: ein 2:1 für die Deutschen. Dekan Georg Flierl kommt selbst nur recht wenig dazu, den Turnierverlauf zu verfolgen. "Für Prognosen oder Tipps bin ich nicht der richtige Ansprechpartner", sagt der Tirschenreuther Stadtpfarrer. Aber selbstverständlich kommt auch er mit dem Thema in Berührung. "Ich spreche mit meinen Ministranten darüber und kenne die Ergebnisse." Doch selbst die Jugendlichen, die selbst Fußball spielen, tun sich schwer, eine Einschätzung zum Spiel abzugeben, weiß Flierl. Bleibt die Frage, ob die Mannschaft heute Abend ins Finale einziehen wird. "Da halte ich es auch wie die Ministranten: Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht."

Als "Fußballexpertin" im Konvent der Zisterzienserinnen-Abtei in Waldsassen gilt Schwester Raphaela Kratzer - was die junge Ordensfrau auf NT-Anfrage revidiert: "Ich bin die einzige, die sich für Fußball interessiert." Dass die Ordensfrauen keine Fernsehübertragungen während der Europameisterschaft im Fernsehen ansehen, ist für Schwester Raphaela kein Problem. "Manchmal reicht es, wenn man das Fenster aufmacht", erinnert sich Schwester Sophia an den Jubel am Samstag beim Elfmeterschießen gegen Italien.

Glaube an Verlängerung


Ansonsten informiert sich Schwester Raphaela aus der Zeitung über das Spielgeschehen und erfährt viel im Lehrerkollegium der Mädchenrealschule, dem die Ordensschwester angehört. Und dort scheint sie wirklich Expertin zu sein: In der Tippgemeinschaft des Lehrerteams hat sie am Wochenende Lehrer Gerhard Skupin überholt und führt mit zwei Punkten. Für Donnerstag glaubt Schwester Raphaela, dass es nach 90 Minuten zunächst einmal 1:1 stehen wird.
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