Ehepaar Turtschin mit eigenem Augenoptiker-Geschäft in Tirschenreuth integriert
"Zupacken wenn die Chance da ist"

Vor einem Jahrzehnt hat Dietmar Turtschin sein Geschäft in Tirschenreuth eröffnet. Der Augenoptikermeister kam mit 17 Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland. (Foto: tr)
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Tirschenreuth
18.11.2016
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Dietmar und Iryna Turtschin haben ihre Chancen genutzt. (Foto: tr)
 
Brillen sind sein Ding. Dietmar Turtschin beim Einmessen einer Sehhilfe. (Foto: tr)

Dimitrij spricht sehr gut deutsch. Seit er in Deutschland lebt, nennt er sich Dietmar. Nur sein Nachname verrät, dass er Ausländer ist. Der 40-Jährige stammt aus Pavlodar in Kasachstan und betreibt in Tirschenreuth erfolgreich sein eigenes Augenoptiker-Geschäft.

Als die Familie aussiedelte, seine Mutter ist Deutsche, war Dietmar 17. Damals landeten die Turtschins erst einmal in einem Nürnberger Sammellager und waren dann zwei Wochen in Grafenwöhr. Ein Onkel lebte bereits dort in der Nähe. Ein Jahr lang teilten sich die vier Familienmitglieder eine winzige Einzimmer-Wohnung in einem Übergangswohnheim.

Dietmar konnte kaum Deutsch, als er hier ankam. "Nur die Oma war der Sprache mächtig, aber in einem ganz speziellen Dialekt." Also ging es erst einmal in einen halbjährigen Sprachkurs. Der Bruder war 14 und lernte Deutsch in der Schule. Über die Otto-Benecke Stiftung in Fürth folgte dann ein Vollzeit-Intensivkurs. "Da lebte ich in einer Art WG in der Einrichtung zusammen mit Aussiedlern, Afrikanern und anderen Ausländern", erinnert er sich. "Aber wirklich deutsch gelernt habe ich bei der Bundeswehr." Da war er ein Jahr in der Amberger Schweppermann-Kaserne ausschließlich mit Deutschen zusammen und hatte keine andere Wahl. Die beste Möglichkeit um eine Sprache zu lernen."

Geld verdienen


Als sein Wehrdienst abgeleistet war, war Dietmar Turtschin 20. "Ich wollte arbeiten, Geld verdienen, ein Auto haben." Das Arbeitsamt vermittelte ihm einen Job bei einem Parkettbodenleger in Weiden. Nach einigen Monaten bot ihm sein Chef an, den Beruf zu lernen. Er nutzte die Chance, bis sich die Bandscheiben meldeten. Das Berufsförderungswerk Eckert-Schulen in Regenstauf war die nächste Station, um sich beruflich zu etablieren. Drei Möglichkeiten kamen für ihn infrage: Bürokaufmann, Zahntechniker oder Augenoptiker. "In die Augenoptik habe ich mich sofort verliebt." Die Umschulung dauerte zwei Jahre, die Gesellenprüfung bestand Dietmar Turtschin in München. "Danach bekam ich bei Apollo Optik sofort einen Job in Weiden." Das war Jm jahr 2000. Der Laden wurde als Franchise-Modell geführt.

Eine Form der Selbständigkeit, die Dietmar Turtschin gleich gefallen hat. "Ich hatte schnell im Hinterkopf, das wäre auch was für mich, brauchte dafür aber den Meisterbrief." Gedacht, getan: Ein Jahr Meisterschule in Karlsruhe löste 2002 dieses Problem. "Über einen Kollegen aus der Schweiz habe ich dort zum lebendigen Glauben an Gott gefunden."

Sein ehemaliger Chef in Weiden empfahl ihn einem ihm bekannten Kollegen in Deggendorf. Turtschin bekam einen befristeten Vertrag für zehn Monate. "Danach fand ich, obwohl ich im ganzen deutschsprachigen Raum gesucht habe, keine Anstellung - niemand wollte einen Meister. Da flammte dann wieder die Idee von der Selbstständigkeit auf. Ich fing klein an, mit einem Einschleifservice in Waldsassen."

2005 mietete er ein kleines leerstehendes Geschäft an und richtete eine kleine Werkstatt ein. Die Maschinen waren teuer. Keine Bank unterstützte den Jungunternehmer. Die 50 000 Euro, die er brauchte, kratzte er mit Hilfe der Familie zusammen. 10 bis 12 Stunden arbeitete er täglich. Das Geschäft lief gut und nach einem Jahr konnte er seine Schulden zurückzahlen.

Viele Aufträge kamen aus Apollo-Filialen. Im Haus war Dietmar Turtschin ja bereits bekannt. Auf Kommission verkaufte er damals auch schon die ersten Brillen im eigenen Geschäft.

Equipment ergänzt


Das Equipment wurde mit Gerätschaften zum Ausmessen ergänzt. 2006 ging Dietmar Turtschin den nächsten großen Schritt, bewarb sich bei Apollo als Franchise-Partner. "Ich rief einfach in der Zentrale in Schwabach an." Dann ging alles recht schnell. Die Verantwortlichen dort schlugen ihm Tirschenreuth als Standort vor. Im Herbst desselben Jahres eröffnete er mit vier Mitarbeitern. "Ich habe diesen Schritt noch keinen Tag bereut. Allen Ausländern, die nach Deutschland kommen, möchte ich ans Herz legen, hier ihre Chancen zu nutzen. Davon werden so viele geboten, wie wohl sonst nirgendwo. Deutschland bietet jede Menge Möglichkeiten sich persönlich zu entwickeln. Ich danke Gott, dass ich hierher durfte. Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Fleiß ein System geschaffen, das allen Menschen grandiose Möglichkeiten eröffnet. Man muss zupacken, wenn die Chance da ist, und dann etwas daraus machen."

Längst arbeitet Ehefrau Iryna im Geschäft mit. Zuerst hat sie überall ausgeholfen, wo Not am Mann war. Jetzt absolviert sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. In der Berufsschule sei es schon vorgekommen, "dass ich mit einer Lehrerin verwechselt wurde", schmunzelt sie. Ihr Alter gibt sie nicht preis. Einmal fragte sie ein Lehrer danach. Antwort. "Ich bin schon volljährig."

Iryna Turtschin kommt aus der West-Ukraine aus Czernowitz. Sie ist seit 2008 in Deutschland. Ihren Mann hat sie über ein christliches Internetportal kennengelernt. Es wurden E-Mails hin- und hergeschickt, bevor Besuche und Gegenbesuche folgten. Die standesamtliche Trauung war in Deutschland, die kirchliche in der Ukraine. Auch Iryna Turtschin ist begeistert von Deutschland. "Hier ist es wunderschön und man hat alle Möglichkeiten, um sich zu verwirklichen. In ihrer Heimat war Iryna als Buchhalterin beschäftigt. Sie ist jetzt im zweiten Ausbildungsjahr.

Schule macht Spaß


Nach der Ausbildung möchte sie ihre Sprachkenntnisse verbessern. Selbstbewusst sagt sie: "Ich gebe alles, um eine gute Schülerin zu sein. Die Schule macht wirklich Spaß." Ihre Abschlussprüfung steht im kommenden Jahr an. Bücher lesen und Filme in deutscher Sprache helfen auch beim Deutsch lernen", sagt sie.

Freie Evangelische GemeindeIryna und Dietmar Turtschin sind in der Freien Evangelischen Gemeinde in Weiden aktiv. Kürzlich eröffneten die etwa 30 Mitglieder ihr neues Gebets- und Gemeindehaus. Die Mitglieder versuchen so gut es nur geht bibeltreu zu leben. Ihre Maxime heißt: "Zurück zur Quelle des Christentums", zum Wort Gottes, wo vor allem Göttliche Grundsätze zählten. Jeden Sonntag sind die Turtschins beim Gottesdienst dabei, freitags besuchen sie regelmäßig die Bibelstunde. Zu seinem tiefen Glauben an Jesus Christus kam Dietmar Turtschin in der Meisterschule. Ein Schweizer Kollege habe anders von Gott erzählt als das allgemein üblich war. "Ich kam schnell zu der Erkenntnis, dass ich bisher viel zu oberflächlich gelebt habe. Mein Inneres ist anders geworden. Ich bin zum wahren Glauben gekommen, als ich erkannte, dass vieles in meinem Leben Sünde gewesen ist. Ein unmodernes Wort, das heute niemand hören und ernst nehmen will." Turtschin liest täglich in der Bibel und ist überzeugt: "Jeder Mensch braucht ein neues Herz, weil von Natur, von Geburt an jeder von uns ein Rebell, ein Gegner Gottes ist." Im Buch Hesekiel (Altes Testament, Kapitel 36, Vers 26) steht geschrieben: "Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges Herz." (tr)


Deutsche Bücher und Filme helfen auch beim lernen der Sprache.Iryna Turtschin
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