Freiheitsstrafe für 33-jährigen Unfallfahrer
Das Unglück provoziert

Amtsgerichtspräsident Thomas Weiß lobt die Akribie der Polizei und Gutachter, die das Unfallgeschehen rekonstruierten. Archibild: Grüner
Vermischtes
Tirschenreuth
13.10.2016
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"Wäre er pflichtgemäß 20 km/h gefahren, wäre der Unfall vermeidbar gewesen." Zitat: Richter Thomas Weiß

Die Summe der Vergehen schließt eine Bewährungsstrafe aus: Der 33-jährige Monteur, der bei einer Kollision in der Nacht des 2. August 2015 auf der Straße zwischen Griesbach und Redenbach einen 67-jährigen Fußgänger totfuhr, verliert für zwei Jahre und neun Monate seine Freiheit. Berufung möglich.

Welches Ziel eine Strafe im Rechtsstaat verfolgen soll, ist umstritten. Sie soll abschrecken, ein Gerechtigkeitsgefühl wiederherstellen, das durch eine Tat aus den Fugen geriet. Das Fehlverhalten des Angeklagten setzt sich aus einer Vielzahl von Regelverstößen zusammen, die in der Summe ein schweres Unglück regelrecht provozierten, wie Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß in der Urteilsbegründung bemerkt.

Der - offensichtlich - alkoholkranke Mann fährt allen Warnungen von Freunden zum Trotz immer wieder mit seiner Geländemaschine ohne Fahrerlaubnis, ohne Zulassung und Versicherung, ohne Licht zum Treff im Bauwagen, in dem gezecht wurde. In jener Nacht des 2. August einmal zu viel - mit "der schwersten Folge, dass ein Mensch sein Leben verliert". Richter Weiß folgt nach der Beweisaufnahme weitgehend der Argumentation des Staatsanwalts: Der Angeklagte sei mit mindestens 50 Stundenkilometern und damit für die Sichtverhältnisse ohne Beleuchtung des Kraftrads viel zu schnell gefahren. "Wäre er pflichtgemäß 20 km/h gefahren, wäre der Unfall vermeidbar gewesen", sagt Weiß.

Damit nicht genug. Der Angeklagte, mit Schädelbasisbruch selbst schwerverletzt, versucht die Tat zu vertuschen. Er zieht den - wahrscheinlich - toten Körper des Opfers in einen Graben, beseitigt Unfallspuren, fährt mit dem Kraftrad nach Hause, um weitere Spuren zu beseitigen. "Gutachter Professor Seidl gab an, dass das Opfer innerhalb weniger Minuten verstorben sei", erklärt der Richter, "sonst würden wir vor dem Schwurgericht sitzen."

Mittelschwere Strafe


Das Ergebnis ist unstrittig. Wie der Weg dorthin und das Verhalten des Angeklagten in der Folge zu bewerten ist, da differieren die Meinungen. Auf der einen Seite argumentieren Staatsanwalt Christoph Edler und die Vertreter der Nebenklage - Anwälte Franz Schlama für die Tochter und Matthias Haberl für die Mutter des Opfers - für eine Freiheitsstrafe im mittleren Bereich des Rahmens aus den zwei Anklagekomplexen "fahrlässige Tötung" und "Fahrerflucht" von drei Jahren, drei Monaten.

Auf der anderen Seite bestreitet Verteidiger Heinz Adolf, dass ein alkoholisierter Mann mit schwerer Kopfverletzung bewusst gehandelt haben kann. Beim Strafmaß seien alle Umstände zu berücksichtigen. "Er war in Panik", das sei bewiesen durch die Aussagen eines Zeugen, den er um 22.48 Uhr angerufen habe. "Dieser kann nur bestätigen, dass er in außergewöhnlicher Verfassung war. In solcher hat er die Unfallstelle verlassen." Dass er versucht habe, sich rauszureden, sei menschlich. Nur ein außergewöhnlich kaltblütiger Mensch schaffe es, sich in so einer Situation rational zu verhalten.

Der Verteidiger weist dem Opfer eine Mitschuld zu. "Ein Fußgänger hat sich am rechten Fahrbahnrand aufzuhalten - und 2,45 Promille ist eine extrem hohe Alkoholisierung." Das Opfer habe wohl die Fahrbahn überqueren wollen. "Wer fährt schon mit 20 km/h auf einer Staatsstraße? Wer rechnet damit, dass ein Fußgänger sich in die Straße bewegt?" Unter Berücksichtigung einer "erheblichen Mitschuld" beantragt er, "eine Freiheitsstrafe von einem Jahr" aus beiden Komplexen zu bilden.

Quälende Ungewissheit


Für die Vertreter der Nebenklage ist diese Argumentation nicht leicht zu ertragen. "Man muss das Interesse der nahen Verwandten sehen", gibt Rechtsanwalt Schlama zu bedenken. "Die Ungewissheit der Angehörigen, was passiert ist. Hätte der Vater überleben können, wenn er nicht von der Straße weggezogen worden wäre?"

Strafe beinhaltet den gesellschaftlichen Auftrag zur Resozialisierung. "Kann die Strafe auf Bewährung ausgesetzt werden?", hatte deshalb der Verteidiger gefragt. Der Angeklagte habe die Tat bereut, nach dem Unfall sein Verhalten verändert, sich einem Alkoholentzug unterzogen. "Der Freundeskreis existiert nicht mehr, er trinkt nicht mehr, hat sich eine Arbeitsstelle gesucht und hat sie noch."

Keine leichte Gratwanderung für den Richter, der im Urteil differenziert vorträgt, warum er trotz positiver Sozialprognose nur knapp unter dem Antrag des Staatsanwalts bleibt. Die Summe der Vergehen und die unterlassene Hilfeleistung dürften den Ausschlag gegeben haben.

Wäre er pflichtgemäß 20 km/h gefahren, wäre der Unfall vermeidbar gewesen.Richter Thomas Weiß

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