Gedenken an das Olympia-Attentat 1972 in München
Starke Akzente von Architekt Peter Brückner

Im Ambiente einer ehemaligen Brauerei im Herzen von Tirschenreuth entwickelt Architekt Peter Brückner seine kreativen Innovationen. Bild: cf
Vermischtes
Tirschenreuth
17.08.2016
444
0
 
Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich am 5. September 1972 auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf. Acht Mitglieder der palästinischen Terrororganisation "Schwarzer September" drangen während der Olympischen Spiele in München in das Appartement der israelischen Mannschaft ein und nahmen elf Teammitglieder als Geiseln. Archivbild: dpa

Es war der Start des internationalen Terrorismus durch die Gruppe "Schwarzer September". In bis dahin unbekannter medialer Dimension. Dem in Bau befindlichen Erinnerungsort für das Olympia-Attentat 1972 in München geben Oberpfälzer die nachhaltige Handschrift: allen voran das Architekturbüro Brückner & Brückner (Tirschenreuth).

Tirschenreuth/München. Architekt Peter Brückner nennt das Projekt schlicht "Einschnitt". Der Tirschenreuther setzte sich damit im Jahr 2015 als Außenseiter in einem Wettbewerb des Freistaats gegen bekannte, international tätige Architektur-Büros durch. Am ehemaligen Olympia-"Pressehügel" - direkt gegenüber dem Tatort - entsteht seit Juli nach den Plänen des Oberpfälzers eine besondere Erinnerungsstätte: Nicht kalt und abstrakt mit irgendwelchen Stelen, sondern "als offener Raum mit intensiver Präsenz".

365 Tage geöffnet


Ein physischer "Einschnitt" in den Hügel symbolisiert die Tragweite des Verbrechens von damals. Eine zwölf Meter lange, in der Linienführung unterbrochene Medienwand fordert durch die Biografien der zwölf Opfer die Auseinandersetzung mit der Thematik Terrorismus. Die Gedenkstätte ist nicht abgeschlossen und damit 365 Tage im Jahr rundum die Uhr geöffnet. Ein 17-minütiger Film in Endlosschleife führt das 36-stündige, blutige Geschehen aus dem Jahre 1972 vor Augen. Autor des Films ist der gebürtige Waldsassener und heute in Passau lebende Kulturwissenschaftler Dr. Winfried Helm. Auf ihn geht auch das Konzept für den Erinnerungsort zurück.

In der nördlichen Oberpfalz bekannt ist Dr. Helm durch die von ihm durchdachte Ausstellung über das Leben und Wirken des Diplomaten Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg in der restaurierten Burg Falkenberg (Kreis Tirschenreuth). Im Kuratorium für den Olympia-Erinnerungsort saß u. a. mit Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, ein weiterer Oberpfälzer.

Dramatische Fußnote


Mit "großer Freude" erfüllt es Architekt Peter Brückner auch, dass die Unternehmen Glas Zange aus Weiden sowie Markgraf aus Immenreuth mit Glas- bzw. Stahlbau die entscheidenden Elemente für das Projekt "Einschnitt" erstellen. Das Kostenvolumen beträgt zwar "nur" 1,6 Millionen Euro, "aber es ist ein hochpolitischer und authentischer Ort", sagt Brückner. "Nicht die Größe des Projekts ist entscheidend, sondern seine Seele. Die inhaltliche Aufgabe bedeutete für uns eine besondere Herausforderung jenseits der technischen Themen. Vieles relativiert sich ..." Eindruck haben bei Brückner besonders die Begegnungen mit den Hinterbliebenen der Opfer am Rande des Projekts hinterlassen. Dramatische Fußnote: Die Baustelle liegt nur wenige Hundert Meter vom jüngsten Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum mit acht Toten entfernt. Das Projekt "Einschnitt" geht auf ein Versprechen von Ministerpräsident Horst Seehofer bei einem Besuch in Israel vor einigen Jahren zurück, einen Erinnerungsort für die Opfer des Olympia-Attentats zu schaffen. Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle präsentierte im November 2015 in Anwesenheit der israelischen Vize-Außenministerin Tzipi Hotoveli, des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster sowie des israelischen Generalkonsuls Dr. Dan Shaham die Pläne für den Erinnerungsort.

Der Begriff "Einschnitt" steht für Minister Spaenle "programmatisch für die traumatische Situation, die der Terrorakt während der heiteren Spiele in München ausgelöst hat". Bei dem Anschlag in München waren elf israelische Sportler, ein bayerischer Polizist und fünf der Attentäter ums Leben gekommen. Architekt Brückner rechnet mit der Einweihung im Frühjahr 2017.

Nicht die Größe des Projekts ist entscheidend, sondern seine Seele.Architekt Peter Brückner


Brückner & BrücknerDurch die Echtheit und Wertigkeit regionaler Materialien wie Holz und Granit ist die Stilrichtung unverwechselbar: 50 Mitarbeiter - je 25 in Tirschenreuth und Würzburg - zählt das Architekturbüro Brückner & Brückner mit den Brüdern Peter Brückner (54) und Christian Brückner (45) als Inhaber.

Aktuell sind in Arbeit: das neue Kurmittelhaus in Bad Alexandersbad (Schwimmen über den Dächern), das Rathaus Waldsassen, das Feuerwehrgerätehaus Tirschenreuth mit dem wohl spektakulärsten Übungsturm in ganz Bayern, das Gymnasium Neustadt/WN (die Betonfassaden wird "transformiert") und das Diözesanmuseum in Freising. Architektonische Marksteine setzten die vielfach ausgezeichneten Brückner-Brüder u.a. mit dem Kulturspeicher Würzburg, dem IGZ in Falkenberg, mit der Burg Falkenberg, der Spielbank in Bad Kissingen, dem Granitmuseum in Hauzenberg, mit dem Exerzitienhaus Johannisthal, der OTH-Erweiterung in Weiden oder beim Heizkraftwerk Würzburg mit einer riesigen Bühne im Hafen. (cf)


Olympia-Attentat 1972Das Attentat vom 5. September 1972 hatte die beschwingten Olympischen Sommerspiele in München im Blut ertränkt. Um 4.55 Uhr begann im Olympischen Dorf ein 18-stündiges Geiseldrama. Acht palästinensische Terroristen der Organisation "Schwarzer September" überfielen das Quartier der israelischen Mannschaft. Sie forderten die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Arabern. Zwei jüdische Sportler wurden erschossen, neun weitere als Geiseln genommen.

Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) beriet damals mit Olympia-Managern vor Ort. Das Ultimatum für 12 Uhr wurde mehrfach verlängert. Gegen 19 Uhr wurden die Gangster ungeduldig, drohten mit der Erschießung von weiteren Geiseln. Sie wollten mit ihnen nach Kairo fliegen, doch Ägypten verweigerte die Landegenehmigung. Dennoch ging es um 22.22 Uhr per Hubschrauber zum nahe gelegenen Flugplatz Fürstenfeldbruck, wo eine Befreiung seit Stunden vorbereitet wurde.

Um 22.35 Uhr inspizierten die Terroristen die für sie bereitgestellte Boeing 737. Als sie zu den Hubschraubern zurückgingen, kam es zur Tragödie: Bei der Befreiungsaktion starben alle neun Geiseln und ein deutscher Polizist im Kugelhagel. Auch fünf Terroristen kamen ums Leben. Die anderen drei wurden festgenommen. (dpa)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.