Heimatrecht gilt für alle Menschen

Horst Adler zeigt beim Interview Bilder des Flüchtlingslagers in Tirschenreuth. Fünf Jahre lebte er dort. Bild: pbls
Vermischtes
Tirschenreuth
02.03.2016
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Normalerweise ist Horst Adler bei der Bundesversammlung der Sudentendeutschen. Die eigenen Veranstaltungen zum Gedenken an das Flüchtlingslager Wiesau hinderten ihn daran. Dass die Delegierten in München mit großer Mehrheit die "Wiedergewinnung der Heimat" aus der Satzung gestrichen haben, findet sein Verständnis.

70 Jahre ist es her, dass in Wiesau der erste von unzähligen Transportzügen mit Vertriebenen ankam. Die Gedenkfeiern am vergangenen Wochenende führten viele der ehemaligen Schicksalsgenossen zusammen. Nicht in Wiesau, sondern in Tirschenreuth landete damals Horst Adler, seit 1994 Vorsitzender der Sudentendeutschen Landsmannschaft. Mit zwei Jahren kam er mit dem Güterzug von Asch nach Tirschenreuth. Die Reise zog sich durch die "Russenzone". Sie dauerte acht Wochen und wurde von Aufenthalten in verschiedenen Lagern unterbrochen. Seine Erfahrungen schildert Horst Adler dem "Neuen Tag".

Wie empfinden Sie den Verzicht auf den Ausdruck "Wiedergewinnung"?

Horst Adler: Der Begriff "Wiedergewinnung der Heimat" ist missverständlich. Manche haben daraus den Schluss gezogen, dass wir noch Gebietsansprüche haben. Die haben wir nie gestellt. Das heißt aber nicht, dass wir auf unser Heimatrecht verzichten. Das ist ein Grundrecht. Man darf keinem Menschen die Heimat wegnehmen, egal ob Deutscher, Franzose oder Afghane.

Wie empfinden Sie ihre Vergangenheit als Sudetendeutscher?

Einerseits ist es ein schweres Schicksal, dass man uns alles genommen hat. Wir waren vogelfrei, wurden enteignet und aus dem Land transportiert. Aber wir hatten das Glück, dass wir in den Westen kamen. Viele andere kamen von einer Diktatur in die andere. Ebenso schlecht hatten es die, die Zuhause bleiben durften. Die sind heute noch Bürger zweiter Klasse und bekommen weniger Rente, da ihnen die Zwangsarbeit nicht als normale Arbeit angerechnet wird.

Wann und wie kamen Sie nach Deutschland?

Die organisierte Vertreibung mit Güterzügen hat 1946 angefangen. Aber davor gab es schon wilde Exzesse. Ganz viele Deutsche wurden nur mit dem, was sie am Leib hatten, 20 oder 30 Kilometer über die Grenze getrieben. Dabei gab es Mord und Totschlag.

Wir kamen mit dem Güterzug. Das war keine Vergnügungsreise, ohne Essen, Hygiene und medizinische Versorgung. Mein Vater war aus der Gefangenschaft in Rimini entlassen worden und hatte in Tirschenreuth eine Arbeitsstelle als Fahrer gefunden. Er hat den Flüchtlingskommissar für den Landkreis chauffiert, der machte die Quartiere. Freie Zimmer mussten den Flüchtlingen gegeben werden, da wurde damals nicht gefragt.

Welche Erinnerungen haben Sie an ihre Kindheit?

Ich habe keine Erinnerungen mehr an die Zeit drüben. Aber in der Familie wurde so viel von daheim erzählt. Ich hab das mit der Muttermilch aufgenommen. Wir kamen in eines von drei Flüchtlingslagern in Tirschenreuth, das ehemalige Haus vom Reichsarbeitsdienst. Da hat man zwischen 100 und 200 Flüchtlinge untergebracht. Wir waren da fünf Jahre, bis 1951. Jede Familie hatte zwei Stockbetten und herum waren Decken gespannt, das war der Wohnraum. An Bad und Schlafzimmer war gar nicht zu denken. Es gab einen riesigen Waschraum mit einer Wasserrinne und Wasserhähne, für alle Leute ein oder zwei Klos. Irgendwo war eine Gemeinschaftsküche. Jeder hat irgendwie geschaut, wie er zurechtkommt.

Wie wurden Sie von der Bevölkerung aufgenommen?

Das war sehr unterschiedlich. Manche waren außerordentlich hilfsbereit. Andere hatten überhaupt kein Verständnis: "Ihr Flüchtlinge, haut wieder ab, wir brauchen euch nicht. Wir haben selber nichts."

Was war Ihre positivste, was die negativste Erfahrung?

Schlimm war wirklich, dass wir als Kinder verspottet wurden. Schimpfnamen waren "Böhm" oder "du Flüchtling". Da haben wir und unsere Eltern sehr darunter gelitten. Wir hatten natürlich auch nichts Gescheites zum Anziehen. Die Leute meinten, was da für ein "Gschwerl" kommt. Eine positive Erfahrung war, dass man im Lager als Kind die Armut nicht so empfunden hat. Wir waren alle gleich, da war immer was los.

Mit welchen Schwierigkeiten war der Neuanfang verbunden?

Wir haben absolut nichts mehr besessen. In primitiven Verhältnissen mussten sich die Leute eine Existenz aufbauen. Ich kann mich noch an Mäntel erinnern, die waren aus alten Wehrmachtsdecken genäht. An Luxusgegenstände war lange gar nicht zu denken, auch nicht an Autos oder Fahrräder. Aber es gab Arbeitsplätze und somit Verdienstmöglichkeiten. 60 Betriebe und Geschäfte wurden in Tirschenreuth von Vertriebenen gegründet. Zum Beispiel Elektro König, das Bauunternehmen Schulwitz oder die Entsorgungsfirma Magnitz.

Wie war ihre Heimatstadt Asch früher, wie ist es dort heute?

Asch war früher eine sehr reiche Textilindustriestadt. Durch die Vertreibung der Deutschen und den Kommunismus verschwand das alles. Vom historischen Stadtkern findet man nichts mehr. Nach der Wende gab es schon auch Fortschritte, mehr Farbe und Fassaden wurden renoviert. Als großen Verdienst rechne ich Tschechien an, dass sie die deutsche Vergangenheit nicht ablehnen oder verschweigen. Alle Denkmäler aus der deutschen Zeit sind restauriert worden. Sie wollten ganz genau wissen, welche Namen darauf standen, auch mit meiner Hilfe. Ich finde es bedeutsam, dass sie mich gefragt haben.

Wie erlebten Sie die Grenzöffnung?

Das war eine Befreiung schlechthin. Für uns war der eiserne Vorhang immer eine Barriere. Ein Visum wurde oft nicht genehmigt, an der Grenze gab es häufig Schikanen. Wir sind damals sofort hinüber gefahren. Ich habe begonnen, Kontakte aufzubauen und mittlerweile eine sehr gute Verbindung. Aber viele von uns wollten auch nie wieder einen Fuß nach Tschechien setzen, lieber alles so wie früher in Erinnerung behalten. Unser Haus steht auch nicht mehr, das wurde weggerissen.

Welche Aufgaben haben Sie als Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft?

Mein Vater war auch schon Vorsitzender. Die Heimatvertriebenen in Tirschenreuth machten eine große Schicht aus. Auf 5722 Einheimische kamen 2096 Flüchtlinge. Es entwickelte sich ein reges Vereinsleben mit verschiedenen Festen. Die Zahl der Mitglieder ist leider rückläufig. Es ist kein Nachwuchs da. Die Landsmannschaft soll die Erinnerung an die Heimat, an Brauchtum und an Kultur und Geschichte wachhalten. Sie soll an unser Schicksal erinnern und mahnen, dass so was nicht mehr passiert. Man dachte immer, das gibt es nie wieder, aber jetzt ...

Politisches Anliegen der Landsmannschaft ist auch, dass die tschechische Regierung die Vertreibung als Unrecht anerkennt. Die Benes-Dekrete und das Straffreiheitsgesetz, das alle Verbrechen an Deutschen wie Mord, Vergewaltigungen, Massaker für straffrei erklärt, sind immer noch gültig, obwohl Tschechien zur EU gehört.
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