Holocaust-Überlebender fühlt sich in Tirschenreuth zu Hause
Verfolgt von Nazis und vom Glück

Ein glückliches Paar: Professor Alexander Fried und Dr. Dorothea Woiczechowski. In der Hohen Synagoge in Prag in der Maiselstraße haben sie sich "getraut". Am 1. März folgt die standesamtliche Trauung, ebenfalls in Prag. Bild rechts: Alexander Fried liebt Bücher und möchte demnächst selbst eines schreiben. Sein Lieblingsautor ist Heinrich Heine. Bilder: Grüner (2)
Vermischtes
Tirschenreuth
18.01.2016
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Der achtjährige Alexander Fried, vordere Reihe, Fünfter von links, mit seiner Grundschulklasse 1934. Bild: privat

Er überlebte drei Konzentrationslager und einen Todesmarsch. Einmal hat ihn sogar ein SS-Offizier gerettet. Professor Dr. Alexander Fried und seine Frau Dorothea Woiczechowski sind die einzigen Juden in Tirschenreuth. Der 90-Jährige sagt: "Hier fühle ich mich zu Hause."

Für den gebürtigen Tschechoslowaken und Exil-Kanadier war es ein Leben mit Veränderungen in vielen Welten. Dass er sich in Tirschenreuth daheim fühlt, hat mehrere Gründe. Zum einen hat er hier "viele liebe Menschen" kennengelernt, die er schätzt und als seine Freunde bezeichnet. Der Hauptgrund aber ist weiblich. Am 30. August heiratete er in der Hohen Synagoge in Prag seine langjährige Lebensgefährtin, bei der er seit 12 Jahren in Tirschenreuth lebt, Dr. Dorothea Woiczechowski. "Das war mein dritter Geburtstag", strahlt er. 200 Gäste waren dabei, ein Drittel aus Tirschenreuth und Weiden. Den zweiten Geburtstag feiert er am 3. Mai. An dem Tag befreiten ihn 1945 die Amerikaner auf dem Todesmarsch zwischen Crivitz und Schwerin. Mit etwa 30 000 Leidensgenossen war er damals unterwegs, nur rund 6000 überlebten das Martyrium.

Mehr als ein Symbol


Sein wirklicher Geburtstag ist der 7. Mai 1925. Zum 90. besuchten ihn auch sein Sohn Jonathan und dessen Frau Olga. Die Schwiegertochter steht kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes. "Das freut mich am allermeisten, ist es doch mehr als nur ein Symbol, dass es mit dem Judentum weitergeht. Wir waren vor dem Holocaust in Deutschland etwa 600 000, 1960 zirka 19 000 und sind aktuell wieder rund 200 000 Juden."

In der Region hat er viele Freunde, mit denen er auf Du und Du ist. Als den "Tirschenreuther Oberrabbiner" bezeichnet ihn liebevoll die renommierte Schriftstellerin Dagmar Nick. Alexander Fried lebte lange in Kanada. Er wünscht sich nichts mehr als ein Europa nach dem Vorbild der Kanadier. "Dort spielt es wirklich keine Rolle, wo jemand herkommt und was er glaubt." Aber dass das in Europa möglich ist, hält er für sehr unwahrscheinlich. Alexander Fried ist überzeugt, dass nur das zählt, was aus der Seele eines Menschen kommt.

Und doch hält auch er seine Religion für die wahre, genauso wie der Moslem den Islam oder der Christ das Christentum. Dass 56 Prozent der Deutschen fordern, nicht mehr über die Themen Nationalsozialismus und Holocaust zu sprechen, befremdet ihn sehr. "Heute zeigen die Menschen in Deutschland viel Mitgefühl mit den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und so weiter. Uns brachte niemand Mitgefühl entgegen auf den Todesmärschen oder in den KZs. Uns hat man einfach so erschlagen und vergast. Ich war ein Sklave, der Glück hatte und überlebte."

Großer Fehler


Als gewaltiger Fehler habe sich in der Geschichte herausgestellt, dass wir uns an nationale Zugehörigkeiten klammern, statt an menschliche im Sinne Lessings oder Goethes. "In dieser Beziehung ist die Welt weit von einem einigermaßen gangbaren Weg entfernt. Solange wir nicht bereit sind, uns gegenseitig einzuladen, wird die Menschheit kaum zusammenwachsen." Professor Fried befürchtet, dass mit den Flüchtlingsströmen auch viele IS-Sympathisanten ins Land kommen.

"Was, wenn die sich mit all den anderen Demokratiefeinden zusammentun? Ich bin bestimmt kein Angsthase, aber ich habe derzeit ein ungutes Gefühl. Neonazis, Pegida-Anhänger und andere rechte Gruppierungen sind schon erschreckende Entwicklungen. Deshalb bin ich in der Flüchtlingsfrage etwas befangen. Momentan ist festzustellen, wo Muslime sind, wächst der Antisemitismus. Aber auch Christen sollten nicht vergessen, dass sie für den Moslem Ungläubige sind."

Zehn Gebote reichen


Dabei wäre alles so einfach, lebten alle Menschen nach den zehn Geboten, besonders nach dem, das sowohl in der Tora, der Bibel und im Koran unmissverständlich sagt: "Du sollst nicht töten."

Frieds Mutter wurde in Auschwitz, sein Vater in Buchenwald ermordet. Zwölf Mal habe er selbst dem anscheinend sicheren Tod ins Auge gesehen. "Meine Häftlingsnummer lautete 121 199. Jede Nacht musste man damit rechnen, dass die eigene Nummer aufgerufen wurde." Die, die aufgerufen wurden, sind nie mehr aufgetaucht, wurden zum Beispiel für medizinische Experimente missbraucht und getötet. "Für mich ging es immer gut aus, Ein einziger Schutzengel reichte da nicht." Alexander Fried hat seit 1960 enge kulturelle Beziehungen zu Deutschland. Er war Kulturdezernent des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er unterrichtete an der Uni in Augsburg, leitete dort das jüdische Kulturmuseum und hielt bis dato jede Menge Vorträge. Auch drei Mal vor Schülern des Stiftland-Gymnasiums in Tirschenreuth.

Heute sagt er: "Das deutsche Volk ist das einzige in Europa, das aus der Geschichte gelernt hat." Fried spricht zehn Sprachen und lehrte europäische Geschichte, auch an christlichen Universitäten. Er befasste sich mit Slawismus, Panslawismus und russischer Geschichte. "Dabei bekommt man eine größere Vorstellung vom Menschen an sich und lernt, dass wirklich alle Menschen im Prinzip gleich sind und, dass die wichtigsten Sprachen die des Herzens und der Seele sind. Wir leben auch dafür, gute Taten weiterzugeben und uns von schlechten zu distanzieren." An Tirschenreuth schätzt Alexander Fried, neben "dem Geschenk, mit dieser Frau hier leben zu dürfen", auch die Nähe zur Tschechischen Republik. Er lebte in Marienbad und ist oft für mehrere Wochen in Prag unterwegs. Wenn der topfitte Senior aus seinem bewegten Leben erzählt, laufen den Zuhörern kalte Schauer den Rücken hinunter. Er hat Schreckliches erlebt - über das meiste will er nicht sprechen. Aber wie er betont, "hatte ich auch immer wieder jede Menge Glück.

Stretching und Schreiben


Auch im hohen Alter ist er sehr aktiv. Jeden Morgen steht er um 5.30 Uhr auf und geht mit seinem Hund "Nando" Gassi. Er liebt die Psalmen und liest Bücher, unter vielen anderen von Kafka und Reiner Stach. Sein Lieblingsautor ist Heinrich Heine. Früher war Fried ein guter Kurzstreckenläufer und liebte Fußballspielen. Heute macht er jeden Tag Stretching und steigt die Treppen im Haus auf und ab - immer wieder. Er möchte weiterhin Vorträge halten und ein autobiografisches Buch schreiben. Der Arbeitstitel könnte lauten: "Die gestörten Jugendjahre".

Lebenslauf (Auszüge)Alexander Fried ist am 7. Mai 1925 in Kralova (Tschechoslowakei) geboren. 1939 beginnt er eine Ausbildung als Tischlerlehrling in Žilina (Sillein). 1942 wird er ins Konzentrationslager (KZ) in Sillein eingeliefert und muss als Maurergehilfe schuften. 1944 Deportation ins KZ Sered und von dort ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg. Dort ist er Zwangsarbeiter im Jugendblock der Heinkel-Werke. 1946 macht er Abitur am Gymnasium Presov und studiert anschließend Medizin an der Karls-Universität in Prag. Danach arbeitet er als Hilfskraft an der israelischen Botschaft in Prag und studiert gleichzeitig an der pädagogischen Fakultät der Karls-Universität. Von 1952 bis 56 studiert er an der Uni Wien moderne europäische Geschichte und promoviert zum Dr. phil., nebenbei lehrt er an der jüdischen Schule in Wien. Von 1958 bis 1960 studiert er an der Freien Universität Brüssel Geschichte und die französische Sprache. 1960 bis 1964 ist er Kulturdezernent des Zentralrats der Juden in Deutschland in Düsseldorf. 1964 bis 1965 studiert er slawische Geschichte und Philologie an der Freien Universität Brüssel. 1964 bis 1968 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der "Haute Etudes Juive" an der Brüsseler Uni. 1968 bis 1971 lehrt er als Professor für europäische Geschichte in Charlottetown in Kanada. Danach bis 1978 an der Katholischen Hochschule in Mount St. Vincent in Kanada. Von 1979 bis 1988 unterrichtet er nacheinander an der "Hasmonean-Grammer School for Boys" in London, an der "Munich International School" bei Starnberg, der Maryland University in Augsburg, der "Kfar-Hajrok-Schule" in Tel Aviv und der Kfar-Chasidim-Schule bei Haifa. Von 1988 bis 1989 ist er wissenschaftlicher Assistent an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Des weiteren lehrt er bis 1990 an der Universität in Tel Aviv. Von 1990 bis 92 war er der Leiter des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg. (tr)
Das deutsche Volk ist das einzige in Europa, das aus der Geschichte gelernt hat.Professor Alexander Fried
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