In Geschichte hineinschauen

Hinter der früheren Polizeiinspektion sind alte Mauern "aufgetaucht". Die bis zu 1,8 Meter dicken Wände könnten zu einem frühen Amtssitz im 13. oder 14. Jahrhundert gehören. Jetzt werden genauere Untersuchungen angestellt. Dabei helfen auch (von rechts) Stefan Schirmer und Franz Krapf vom Historischen Arbeitskreis. Im Bild von links: Archäologe Dr. Mathias Hensch, Referatsleiterin Dr. Silvia Codreanu-Windauer vom Landesamt für Denkmalpflege, Architekt Peter Brückner, Stadtbaumeister Andreas Ockl und Bürger
Vermischtes
Tirschenreuth
05.11.2016
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Noch darf fleißig spekuliert werden. Sicher ist, dass die mächtigen Mauerreste hinter der alten Polizei Jahrhunderte auf dem Buckel haben.

Seit einigen Wochen laufen die Sanierungsarbeiten an der früheren Polizeiinspektion an der Hochwartstraße. Bis in zwei Jahren möchte die Stadt dort Platz für einen Lernstandort der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg schaffen. In einem historischen Gebäude, dem früheren Waldsassener Kasten, können die Studenten einmal "Soziale Arbeit" büffeln. Gut vier Millionen Euro sollen das ehrwürdige Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert für den neuen Zweck in Form bringen.

Kein normales Wohnhaus


Die interessante Planung des Büros Brückner & Brückner könnte jetzt eine weitere Aufwertung erfahren. Alte Mauern sind bei den Arbeiten am Hang des Bauwerks aufgetaucht. Sie könnten einmal als Element eines Zugangs im Kellerbereich für einen außergewöhnlichen Blickfang sorgen. Für die Planer ist dieser neue Aspekt eine unerwartete Herausforderung.

Aktuell ist dieser neue Fund Stadtgeschichte aber noch auf seiner ersten Etappe. Bei den Arbeiten am Hang, vom Polizeigebäude in Richtung Hofraum, wurden die bis zu 1,8 Meter dicken Mauern freigelegt - was sofort das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege auf den Plan gerufen hat. Gerade die Stärke der Wände, folgert Dr. Silvia Codreanu-Windauer vom Landesamt, würde einen Befestigungscharakter aufweisen. "Das war kein normales Wohnhaus", wagt die Referatsleiterin jetzt schon zu sagen. Sollten hier die Herrn aus Waldsassen vor der Anlage des Fischhofs gelebt haben?

Spekulationen will die Referatsleiterin keine anstellen. Im nächsten Schritt gilt es den Oberboden zwischen den Mauern abzutragen. Keramikreste aber auch Brandmaterial lassen genauere Schlüsse zu. Der erste Eindruck der Experten rückt das Bauwerk bis ins 13./14.Jahrhundert. Beim Blick in alte Karten ordnet Archäologe Dr. Mathias Hensch, der von der Stadt mit eingebunden wurde, die Funde eher nicht der Stadtmauer zu. Die Unterlagen lassen an der Stelle ein Gebäude erkennen.

Für Bürgermeister Franz Stahl ist der Fund eine positive Überraschung. Schließlich ist Historie in der Kreisstadt eher spärlich vorhanden, wohl auch durch den verheerenden Stadtbrand Anfangs des 19. Jahrhunderts. "Wir bekommen einen weiteren Blick in die Geschichte", freute sich Stahl und sieht es als Verpflichtung an, diese markanten Zeitzeugen auch in die OTH-Planung mit einzubeziehen. Und hier ist Architekt Peter Brückner gefordert, der seine ausgeklügelte Planung nochmal überarbeiten darf.

Ein Tunnel verschwindet


Ganz unerwartet trifft der Fund den Architekten nicht. "Wir wussten aus den Unterlagen des Historischen Arbeitskreises, dass es in diesem Bereich Mauern gibt"! Freilich war das Ergebnis dann doch eine Überraschung. In den Plänen finden sich vom Hofbereich zum "Waldsassener Kasten" mehrere Tunnel-Zugänge zu dem alten Keller. Über diesen Röhren soll einmal Erde aufgeschüttet und ein Garten angelegt werden, der ebenfalls von den Studenten genutzt werden kann. Die Situation bei den Zugängen, geplant waren drei, hat sich jetzt geändert. Der mittlere Tunnel wird wohl verschwinden. Dafür könnten die alten Mauern als Wand für einen Zugang dienen. "Wir können hier in die Geschichte hineinschauen", freute sich Brückner auf diese Option. Allerdings würden erst nach der kompletten Freilegung genauere Überlegungen möglich sein.

Bei all der Begeisterung über diesen Fund weiß Bürgermeister Stahl aber auch vom Zeitplan bei der Sanierungsmaßnahme - und dem Kostenrahmen von rund vier Millionen Euro. Doch seinem spontanen Wunsch nach finanzieller Unterstützung bei dieser Aufarbeitung der Stadtgeschichte wollte Dr. Codreanu-Windauer keine konkreten Zahlenbeisteuern.

Wir können hier in die Geschichte hineinschauen.Architekt Peter Brückner
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