Integrationstreffen im Landratsamt
„Ehrenamt nicht ausquetschen“

Angelika Würner von der Arbeiterwohlfahrt brauchte es auf den Punkt. "Die wahren Helden sind die Ehrenamtlichen", betonte sie und zählte auf, in welchem Umfang sie bei der Asylberatung Migrantenhilfe als "Mädchen für alles" erlebe, von der Wohnungssuche über Anwaltsvermittelung bis hin zur Zahnschmerzlinderung. Bild: ubb
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Tirschenreuth
20.10.2016
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Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise sähen die Ämter und Behörden ohne freiwillige Helfer ganz schön alt aus. Dabei sind sie die wahren Helden der Integration. Und Türöffner.

Am 6. August ist das neue Integrationsgesetz in Kraft getreten. Das besagt unter anderem, dass anerkannte Flüchtlinge nun in Bayern in dem Landkreis wohnen müssen, dem sie im Asylverfahren zugewiesen wurden. Um die Problematik zu erörtern, hatte Landrat Wolfgang Lippert auf Anregung der Grünen-Kreisvorsitzenden Heidrun Schelzke-Deubzer ins Landratsamt eingeladen.

Amtsleiter, Fraktionsvertreter, Bürgermeister, Sozialverbände und Organisationen, Mitarbeiter der Agentur für Arbeit und des Jobcenters, die Volkshochschule und Ehrenamtsträger waren gekommen, um ihre Sorgen und Probleme bei ihrer Flüchtlingsarbeit vorzubringen. Zweieinhalb Stunden diskutierten die knapp 50 Teilnehmer miteinander und es war immer noch nicht alles gesagt.

Landrat Lippert stellte eingangs das Ehrenamt besonders heraus. Knapp 700 Migranten, darunter Syrer, Iraner, Iraker, Afghanen, Äthiopier und Menschen aus Eritrea sind nach seinen Worten im Landkreis in Unterkünften. 211 könnten inzwischen zwar in eigene Wohnungen, aber es gebe zu wenige Angebote. Oberregierungsrätin Regina Kestel informierte über die neue Gesetzgebung. Da diese rückwirkend ab 1. Januar gilt, hätten sich die Bundesländer bis auf Nordrhein-Westfalen wegen der damit verbundenen Umstände darauf geeinigt, dass Migranten mit bereits festem Wohnsitz oder einem Job, dennoch nicht mehr zurück in ihre Aufnahmeländer müssten.

Teilnehmer des westlichen Landkreises klagten darüber, dass es den Migranten wegen unzulänglicher Transportmittel kaum möglich sei, zu den Integrationskursen nach Tirschenreuth zu kommen. "Vor allem Mütter mit kleinen Kindern", betonte Jutta Deimel. Sie meinte, die Infrastruktur könne aber doch kein Hinderungsgrund für gleiche Kurse in Kemnath sein. Angelika Schraml, die Leiterin der Volkshochschule, räumte ein, dass Kemnath ein weißer Fleck sei, was aber am Kursleitermangel liege. Die VHS sei intensiv auf der Suche nach solchen - auch für Tirschenreuth. Einig war man sich über die Wichtigkeit fundierter Sprachkenntnisse noch vor der Vermittlung eines Jobs, der ohne gute Deutschkenntnisse nichts bringe.

AWO-Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner zählte auf, was die AWO in der Asylberatung leisten müsse. "Die wahren Helden sind die Ehrenamtlichen", sagte sie. Jobcenter-Geschäftsführer Leonhard Merkl informierte mit Zahlen: Von 1797 Jobcenter-Kunden sind 280 Migranten, was 15 Prozent ausmacht. "Bei 17 Personen, die es in den Arbeitsmarkt geschafft haben, waren die Ehrenamtlichen die Türöffner", bestätigte auch Merkl die Wichtigkeit des Bürgerengagements.

Ein Kurs über interkulturelles Training für 40 Euro Gebühr ärgerte die Kreisvorsitzende Grüne/Bündnis 90, Heidrun Schelzke-Deubzer. Es könne nicht sein, dass sich Bürger schulen lassen wollten im Umgang mit Migranten und dafür zahlen müssten. "Das Ehrenamt darf nicht noch mehr ausgequetscht werden, das Limit ist überschritten", appellierte der Landrat vehement für eine rasche Lösungsfindung. Man könne doch niemanden dafür zahlen lassen, dass er helfen wolle.

Später gab es dann noch eine gute Nachricht zur Entlastung aller: Landrat Lippert und Florian Rüth berichteten mit Freude von einem Förderprogramm des Bundes, dass es ermögliche, neue hauptamtliche Projektmitarbeiter einzustellen, die unter anderem bestehende Netzwerke koordinieren, verbessern und ausbauen werden.
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