Interview
„Überleg dir, was du mit deinem Leben machen willst und fang einfach an!“

Sport ist nur eine unter vielen Aktivitäten: Man trifft sich zum Segeln genauso wie zum Handarbeiten, zum Eisstockschießen ebenso wie zu Frankreichfahrt, Theater, Grillen oder Bergtour- (Foto: Norbert Grüner)
Vermischtes
Tirschenreuth
16.03.2016
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Als Fachübungsleiterin engagiert sich Martina Sötje in der Sportgruppe des Vereins: „Bewegung führt Behinderte und Nichtbehinderte, Alte und Junge zusammen. Das ist auch psychisches Erlebnis, nach dem ich mich einfach gut fühle.“ (Foto: Norbert Grüner)
(Von Reiner Wittmann)

Mit 15 Jahren änderte sich ihr Leben schlagartig. Damals verunglückte Martina Sötje bei einem Motorradunfall. Nach einer Oberschenkelamputation ist die Tirschenreutherin seither auf einen Rollstuhl angewiesen. Die heute 53-Jährige hat sich aber von der Behinderung nie entmutigen lassen. Im Gegenteil, sie ist durchgestartet, ist als Vorsitzende treibende Kraft der „Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte für den Landkreis Tirschenreuth e.V.“ und in Personalunion auch Stadträtin und Behindertenbeauftragte der Stadt.

Dennoch: „Nach so einem Unfall ist nichts mehr so wie früher. Ich sag‘ den Leuten dann: Du musst durchhalten!“ und ja, es sei ein lebenslanger Kampf, zum Beispiel um Hilfsmittel. Man müsse aber immer nach vorne blicken. „Meine Botschaft ist ganz klar: Überlege dir, was du mit deinem Leben machen willst und fang einfach an!“ Was es leichter macht: „Heute gibt es viele Angebote, Beratungen, Hilfestellungen.“ Am wichtigsten ist aber das eigene soziale Umfeld: „Freunde und Angehörige müssen den Betroffenen einfach mitnehmen, ihn ins Geschehen einbinden, ohne lange zu fragen oder viel Aufhebens um die Behinderung zu machen.“ Gemeinsam Zeit verbringen, die Menschen mitnehmen - das ist auch der Grundtenor ihrer Selbsthilfegruppe. „Wir wollen Behinderte und Nichtbehinderte zusammenbringen“. Das gelingt dem Verein und seinen engagierten ehrenamtlichen Helfern bestens. Über 300 Mitglieder unternehmen die unterschiedlichsten Aktivitäten. Behinderte und Gesunde, alte, aber auch junge Menschen: „Unser jüngstes aktives Mitglied ist 15 Jahre alt, das älteste 92."

Der Kalender des Vereins ist voll. Man trifft sich zum Maitanz (heuer am 13. Mai in der Petersklause in Großbüchlberg), beteiligt sich am Tirschenreuther Stadtlauf (20. März; „Wir laufen die gleiche Strecke wie die anderen“), am Inklusionslauf der Lebenshilfe (7. Mai) und arbeitet beim „Netzwerk Inklusion im Landkreis Tirschenreuth“ mit. „Am 1. April startet außerdem unser neues Trommelprojekt“, ergänzt Sötje, „dazu ist jedermann herzlich eingeladen“. Ein Gartengrillfest zusammen mit Motorradfahrern aus der Region ist für den 16. Juli geplant, am 25. August startet im Museumsquartier Tirschenreuth die Fotoausstellung „Ganz schön krank“. Weitere Termine, Details und Veranstaltungsorte werden auf der Vereinshomepage veröffentlicht; www.shg-tir-schenreuth.de.

Im Mittelpunkt der Aktivitäten stehen aber die regelmäßigen Treffen. Martina Sötje selbst ist Fachübungsleiterin für Behindertensport und leitet die Sportgruppe, die sich jeden Montag in der Turnhalle der Tirschenreuther Grundschule einfindet. Gymnastik, Koordinationsübungen und spiele stehen hier im Vordergrund, auch Tänze werden eingeübt. Eine Schwimmgruppe gibt es ebenfalls, eine Fitnessgruppe (in Mitterteich) und einen „Bergtrupp“. Die Eisstockschützen treffen sich in den Wintermonaten in der Mitterteicher Eissporthalle, die Segler fahren von Freitag, 17., bis Sonntag, 19. Juni, an den Stausee Jesenice in Tschechien. um den Kontakt mit Tirschenreuths tschechischer Nachbarstadt Planá geht es in der gruppe „Servus/Ahoj“.

Andere Gruppen malen, basteln oder beschäftigen sich mit Handarbeit. Daneben gibt es einen Stammtisch für Menschen mit Multipler Sklerose, eine „Schnauferlgruppe“ (Menschen mit Lungenerkrankungen), eine Jugend- und natürlich auch eine Seniorengruppe (die das nächste Mal am Samstag, 16. April, zusammenkommt und von einem Referenten der Polizei über Sicherheitsthemen informiert wird).

Martina Sötje war früher als Sozialversicherungsangestellte in der Tirschenreuther Geschäftsstelle einer Krankenversicherung tätig („Das kommt mir in meinen Funktionen sehr entgegen“), heute bezieht sie Rente. Trotz des Unfalls führte sie ein, wenn man so will, normales Leben, heiratete, und bekam eine Tochter. „Die ist aber längst erwachsen“ - Sötjes Tage werden dennoch oft sehr lang. „Heute werde ich wohl einen 14-Stunden-Tag haben“, erklärt sie. „Um halb neun habe ich die Wohnung verlassen, so gegen 22.30 Uhr werde ich dann abends nach der Sportgruppe wieder zu Hause sein“. Während des Tages hat sie Termine als Behindertenbeauftragte und kümmert sich um Angelegenheiten der Selbsthilfegruppe. Aber selbst nachts kann das Telefon klingeln: „Man weiß nie, was noch kommt.“ Trotzdem sagt sie sich am Abend: „Das hat doch wieder getaugt! Worüber machst du dir überhaupt einen Kopf?“

Die Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte besteht seit 1983, ihre Arbeit wurde unter anderem mit den Inklusionspreisen des Bezirkes und der Lebenshilfe bedacht. Was unterscheidet sie von anderen Initiativen? „Anderswo kommen Menschen mit einer bestimmten Krankheit zusammen. Wir hingegen haben Rollstuhlfahrer genauso in unseren Reihen wie Sehbehinderte, MS-Kranke ebenso wie geistig behinderte, alte Menschen, die nicht mehr gut auf den Beinen sind, ebenso wie junge Leute, denen gar nichts fehlt“, betont sie nochmals. Am meisten freue sie sich aber über die familiäre Atmosphäre und den Zusammenhalt im Verein. „Wenn bei mir in der Sportgruppe jemand seine Schnürsenkel nicht binden kann, hilft ein anderer. Dieses Miteinander ist einfach großartig.“ Die Leute fühlen sich hier daher gut aufgehoben, sagt sie. Es gehe eben nicht um Macht und Geld,
es gehe um den Menschen. „Neue, die zu uns stoßen, schätzen diese Wärme und Herzlichkeit, die sie hier erfahren. Gerade Gesunde sagen uns, so wie es bei euch ist, hat man das selten.“

2014 wurde Martina Sötje vom Tirschenreuther Stadtrat zur Behindertenbeauftragten bestellt. Andernorts, in finanzstärkeren Kommunen, sind das oft bezahlte Vollzeitstellen. In ihrer Heimatstadt übernimmt Sötje diese Aufgabe jedoch ehrenamtlich. Oft geht es um das Thema Barrierefreiheit. „sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich ist es ratsam bei Baumaßnahmen von vorneherein auch an dieses Thema zu denken“, empfiehlt Sötje. „Spätere Umbaumaßnahmen können schwierig und kostspielig werden.“ bei öffentlichen Projekten versuche sie daher rechtzeitig Einsicht in die Pläne zu bekommen, „die Belange älterer und behinderter Menschen können nämlich schon mal vergessen werden“. Manchmal habe sie dabei das Gefühl, dass das Thema Barrierefreiheit nicht den Stellenwert einnehme, den es verdiene: „Da setzt sich beispielsweise eher schon mal der Denkmalschutz auf Kosten der Barrierefreiheit durch als umgekehrt“, bedauert sie. Als Behindertenbeauftragte habe sie bestenfalls Mitspracherecht, nie ein Entscheidungsrecht, gibt sie darüber hinaus zu bedenken. Andererseits wachse überall der gesellschaftliche Druck auf die Entscheidungsträger: „Unsere Gesellschaft altert. Wir bekommen immer mehr Senioren. Jetzt muss einfach mehr auf Barrierefreiheit geachtet werden.“ Als Betroffener ärgere man sich im Alltag darüber, wenn andere nicht mitdächten, und etwa die Toilettentür in einem Hotel zu klein für den Rollstuhl sei. „Du musst immer mit solchen Problemen rechnen, kannst nicht so spontan sein.“

Barrierefreiheit ist wiederkehrendes Thema in ihren Beratungsgesprächen mit Bürgern, genauso wie sozialrechtliche und finanzielle Fragen. In punkto Barrierefreiheit sei in Tirschenreuth die Wohnberatung vorbildlich. Es wurde eine barrierefreie Musterwohnung eingerichtet, die man nach Absprache besichtigen könne. „Dieses Angebot können auch Menschen nutzen, die nicht aus Tirschenreuth oder dem Landkreis kommen“, hebt Sötje hervor. Barrierefreiheit sei aber nicht nur ein bauliches Thema, es gehe ebenso um die Überwindung von psychischen Barrieren zwischen Behinderten und Nichtbehinderten, zwischen Alten und Jungen. „Wichtig ist die erste Begegnung. Wenn der Rest der Menschheit erkennt, mit denen kannst du dich ja ganz normal unterhalten, dann fallen die Barrieren in der Regel. Manche haben aber Scheu und fühlen sich von behinderten Menschen gestört.“ Rollstuhlfahrer seien jedoch meist akzeptiert. „Oft wird man als Rollstuhlfahrer aber automatisch mit dem familiären Du angesprochen. Das passiert mir täglich. Darüber regt man sich am Anfang auf, dann gewöhnt man sich daran. Manchmal wissen es die Leute einfach nicht besser.“

Kontakt und Infos: Telefon 0160/2622520 und www.shg-tirschenreuth.de.
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