Jetzt schon für die Zukunft planen
Leben im Alter leichter machen

"Wir haben hier definitiv etwas mit Vorbildfunktion geschaffen." Zitat: Wohnberaterin Anita Busch
Vermischtes
Tirschenreuth
10.09.2016
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In Kooperation mit dem Möbelhaus Gleißner wurde im Rosenweg sogar eine rollstuhlgerechte Küche mit extra viel Bewegungsfreiheit und niedrigen Ablagen eingebaut. Bild: pjug

Wohnen im Alter oder mit Handicap - das Thema beschäftigt immer mehr Menschen. Mit dem Älterwerden können ganz alltägliche Aktivitäten zu echten Herausforderungen werden. Die kommunale Wohnberatung Tirschenreuth schafft mit innovativen Technologien und persönlicher Beratung Abhilfe.

"Entstanden ist die Idee bereits 2014 im Rahmen des Bundesprojekts für Bildung und Forschung", erzählt Anita Busch, zertifizierte Wohnberaterin. Jeden Tag berät sie kostenlos und anbieterneutral Menschen, die Hilfe im Alltag brauchen oder jetzt schon für die Zukunft planen, wenn sie nicht mehr so agil sind. Seit zwei Jahren gibt es die Musterwohnung im Rosenweg, die an eine Ausstellung für Pflegegeräte erinnert: ein Bad, ein Schlafzimmer und eine Küche, ausgestattet mit hochmoderner Haustechnik und bereit, ausprobiert zu werden.

Verkauft wird hier allerdings nicht. Buschs Aufgabe ist es, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Menschen auch im Alter zu Hause eigenständig und sicher leben können. Dabei gibt es generell zwei Möglichkeiten: Umbau oder Neubau. Meist entscheiden sich Interessenten für die erste, weniger kostspielige Option - Möglichkeiten gibt es genügend. Dabei sind es nicht nur Senioren, die zu Anita Busch zur Beratung kommen. Immer mehr Menschen im mittleren Alter berücksichtigen jetzt schon bei Bauplänen die Bedürfnisse, die sie später einmal haben werden.

Stolpersteine wegräumen


Per Fragebogen werden zunächst potenzielle Stolperfallen und Problembereiche individuell ermittelt. So werden die Maßnahmen, die ergriffen werden können, eingegrenzt. Und davon gibt es viele: "Das sind oft die simpelsten Dinge", weiß Busch. "Das fängt bei rutschfesten Böden und beim Fensteröffnen an und hört bei einer behindertengerechten Küche und einem Überwachungssystem für Demenzkranke auf." Wenn sich ein Kunde für eine Lösung entschieden hat, wird ein Hausbesuch vereinbart, um die Situation vor Ort einschätzen zu können.

Aber auch weniger aufwendige Technik gehört zu Buschs Beratungsangebot. An der Wand reihen sich auch kleinere Gerätschaften, vom Tablet mit extra leichter Bedienung über ein Senioren-Handy bis zur besonders stabilen Gehhilfe.

Eine unweigerlich auftretende Frage, die sich Anita Buschs Kunden stellen, ist jedoch auch, wie sie selbst sich die mitunter kostspieligen Alltagshilfen und technischen Systeme leisten können. "Es gibt schon staatliche Fördermittel, aber die sind an Richtlinien gebunden." Kritische Punkte sind hier besonders das monatliche Nettoeinkommen und die Antragsfrist der Bauunternehmung. Aber auch das Bayerische Wohnförderungsgesetz und eine Pflegestufe, also ein gewisser Grad an Handicap, spielen da mit rein. Möglichkeiten bieten neben Pflegekassen und diversen Stiftungen auch das Sozialamt, Berufsgenossenschaften und Rentenversicherungsträger. "Man sucht nach dem Angebot, das am besten zur jeweiligen Situation passt", so Busch.

"Mein Daheim"


Das Projekt wird durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration über das Programm "Selbstbestimmt Leben im Alter" (SeLA) bis Ende 2017 gefördert. Das daraus entstandene Kompetenznetzwerk "Mein Daheim" ist mit ambulanten Pflegediensten und einer weitreichenden Verflechtung aus lokalen Verbänden zu einem Symbol der Hoffnung für Menschen mit Handicap geworden.

Die intensive Öffentlichkeitsarbeit, auch mit Blick auf Prävention für das Alter, hat sich bezahlt gemacht. "Wir haben hier definitiv etwas mit Vorbildfunktion geschaffen", ist sich Anita Busch sicher. Allein dieses Jahr hat sie 290 Besucher beraten, bis zum Jahresende stehen nochmal fast 200 Anfragen an. Das umfassende Angebot an Beratung und Equipment hat auch das Interesse von anderen Institutionen geweckt - Altenpflegeschulen aus den Nachbarlandkreisen Neustadt und Schwandorf, aber auch Seniorengruppen und die Diakonie melden sich regelmäßig für Schulungen und Vorträge zum Thema Wohnen im Alter an.

Auch ehrenamtlich


Neben hauptberuflichen Wohnberatern wie Anita Busch sucht das Projekt aber auch ehrenamtlich engagierte Bürger, um die Dienstleistungen weiter ausbauen zu können. Diese sollen spezielle Schulungen von den örtlichen Beratungsstellen bekommen. "Das steht aber alles noch im Anfangsstadium", so Busch.

Wir haben hier definitiv etwas mit Vorbildfunktion geschaffen.Wohnberaterin Anita Busch


Barrierefreies BauenDie nächsten Termine zum Thema "Barrierefreies Bauen bei Neubau und Umbau" finden am Freitag, 16. September, und am Freitag, 11. November, in der Beratungsstelle im Rosenweg 10 in Tirschenreuth statt. Anmeldungen und weitere Informationen sind unter Telefon 09631/88-427 oder per E-Mail an anita.busch@tirschenreuth.de möglich. Wer sich einfach so einen Überblick verschaffen möchte, kann dies von Montag bis Dienstag von 9 bis 16 und mittwochs bis 12 Uhr tun. Für das Jahr 2017 sind unter anderem die Pflegemesse in Tirschenreuth im April und diverse andere Kooperationsveranstaltungen geplant. Ohne ein weites Netzwerk von staatlichen und regionalen Sponsoren wäre es nicht möglich gewesen, dieses Angebot ins Leben zu rufen. So kooperiert beispielsweise die Bayerische Architektenkammer mit den Wohnberatern bei der Bauplanung, für 2017 sind gemeinsame Veranstaltungen vorgesehen. Und auch das Gesundheitsministerium und das Netzwerk des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales sind mit ihren jeweiligen Koordinationsstellen in das Projekt eingebunden. (pjug)
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