Jungfernfahrt des Wiesau-Bärnau-Express misslingt
Der Bockl bockt!

Vermischtes
Tirschenreuth
22.10.2016
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Die Aufregung war groß am Kirchweihmontag vor 100 Jahren. Da trat eine neue Lokomotive ihren Dienst an. Doch die Jungfernfahrt verlief nicht so wie geplant

Im Tirschenreuther Volksboten war am 24. Juni 1916 zu lesen: "Der unter dem Namen ,Bockl' berühmte Wiesau-Bärnau-Express erlitt gestern eine eineinhalbstündige Verspätung, weil der sogenannte Bockl bei der Einfahrt in die Station Tirschenreuth plötzlich ,bockte' und einfach nicht mehr von der Stelle zu bringen war. Es musste eine Hilfslokomotive aus Weiden requiriert werden, die dann an Stelle des streikenden Bockls das Zügle an Ort und Stelle brachte. Das Befinden des Bockls soll zwar ernst sein, aber nicht lebensgefährlich."

Wie sich nur vier Monate später herausstellte, war die Diagnose falsch. Der gute, alte "Bockl", der viele Jahrzehnte zuverlässig auf der Strecke zwischen Tirschenreuth und Wiesau verkehrte und sich 13 Jahre mit den Steigungen im Bärnauer Ländchen abgeplagt hatte, war nicht mehr zu retten. Wehmut machte sich breit, als er ausgemustert und verschrottet wurde.

Wie ein Geschenk traf am Kirchweihmontag 1916 ein funkelnagelneuer "Bockl" im Tirschenreuther Bahnhof ein. Viele Neugierige waren gekommen, um den neuen und größeren "Bockl" zu bestaunen. Nach dem planmäßigen Aufenthalt fuhr er weiter nach Bärnau.

Zwei Stunden später herrschte im Bahnhof Tirschenreuth große Aufregung. Der "Bockl" aus Bärnau hatte bereits eine halbe Stunde Verspätung. Was war geschehen? Der Zug war pünktlich um 11 Uhr in Bärnau abgefahren und hatte an der Haltestelle Thanhausen noch einige Fahrgäste aufgenommen. Beim Wiederanfahren gab der Lokomotivführer, wie er es von der alten Maschine gewohnt war, Volldampf auf den Antrieb. Doch dem neuen "Bockl" missfiel das. Wie ein wildgewordener Stier sprang er aus den Gleisen und blieb im Schotterbett stecken.

Nach geraumer Zeit erreichte den Bahnhof Tirschenreuth die Meldung von dem Malheur. Da man für das Zurücksetzen auf die Schienen eine Lok aus Weiden benötigte, mussten für diesen Tag alle Zugfahrten auf der Strecke Tirschenreuth-Bärnau ausfallen. Die Bärnauer Fahrgäste machten sich zu Fuß auf den Heimweg und die Tirschenreuther warteten mehr oder weniger geduldig auf einen Ersatzzug. Als dieser mit über zwei Stunden Verspätung in Wiesau ankam, waren die Anschlusszüge längst abgefahren. Die Zwangspause konnte man sich nun je nach Geldbeutel in einem der Wartesäle verkürzen. Eine einfache Holzbank im Wartesaal zweiter Klasse oder im Bahnhofsrestaurant erster Klasse, mit feinen Speisen und Getränken.
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